Fasten in der Pandemie: Die Gemeinschaft fehlt

Ramadan: Eine Zeit der Reinigung

Das Fastenbrechen auch in diesem Jahr nicht in der Moschee stattfinden lassen zu können, bedauern Halim Özdemir (l.) und Onur Kaya sehr.
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Das Fastenbrechen auch in diesem Jahr nicht in der Moschee stattfinden lassen zu können, bedauern Halim Özdemir (l.) und Onur Kaya sehr.

Rotenburg – Am Mittwoch endet für alle gläubigen Muslime der Fastenmonat Ramadan. Einen Monat lang haben sie von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken. Es ist ein Weg „um zu sich selber zu finden“, erklärt Onur Kaya, der gemeinsam mit dem ersten Vorsitzenden der Kleinen Ayasofya Moschee auf dem Teppich im Gebetsraum sitzt und von den vergangenen Wochen berichtet. Beide sind traurig, dass der Fastenmonat endet. Auch, wenn das Einhalten der Regeln nicht immer einfach ist, „man schätzt wieder mehr, was man bekommen hat“, so Kaya.

Es ist eine Zeit, die Körper und Geist reinigen soll. Doch es gibt auch Ausnahmen: Schwangere, Stillende, Reisende, Kinder bis zu einem gewissen Alter und ältere Menschen sind vom Fasten ausgenommen. „Da gibt es viele Toleranzen.“ Es sei ein großer Monat für sie, die Vorbereitung dafür starte gut zwei Monate vorher. Jeder Muslim hat dabei seine eigenen Ziele für die Zeit, ganz individuell. Dann bereiten sie sich sowohl mental als auch körperlich auf den Ramadan vor. Ist es dann soweit, gibt es vor Sonnenaufgang noch einmal etwas zu essen und zu trinken. Das heißt, in den vergangenen Tagen war schon ab 4 Uhr morgens Schluss.

Grundsätzlich würde sich am normalen Tagesablauf nichts ändern, außer, dass noch mehr Gebete integriert würden. Man stehe lediglich früher auf und esse abends entsprechend später – je nach Jahreszeit, denn der Ramadan verschiebt sich jedes Jahr um zehn Tage. Der Ramadan ist der neunte Monat des Islamischen Kalenders. Die Monate darin sind kürzer, denn er ist ein reiner Mondkalender.

Nach Sonnenuntergang folgt das Fastenbrechen, „Iftar“ genannt. Das findet innerhalb der Familie, aber in normalen Zeiten auch gerne in der Moschee statt. Dinge, auf die die Muslime in Pandemiezeiten verzichten müssen. „Wir beten, wir teilen“, beschreibt Özdemir. Teilen sei ohnehin ein wichtiges Stichwort, in dieser Zeit noch einmal mehr.

Es geht auch darum, das, was man hat, mit anderen zu teilen. Doch auch Umarmungen, das Familiäre fehle, ebenso wie schon im vergangenen Jahr. „Man kann seine Gefühle nicht freisetzen“, beschreibt es Kaya. Diese Gemeinschaft vermissten alle.

Der Fastenmonat endet am Mittwoch, Donnerstag steht das Fest des Fastenbrechens auf dem Programm. Eine kleine Belohnung für den vergangenen Monat. Ein Fest, in der Türkei auch Zuckerfest genannt, auf das sich auch die Kinder freuen. Für sie gibt es kleine Geschenke oder auch ein wenig Taschengeld extra. Man frühstückt zusammen, besucht ältere Menschen – Dinge, die jetzt ebenfalls nicht möglich sein werden.

Das Fest ist der Abschluss des Ramadans. Zum zweiten Mal feiern Muslime diesen unter Pandemiebedingungen – große Familienzusammenkünfte wie sonst wird es also nicht geben. „Dabei ist der Donnerstag durch Himmelfahrt sogar ein freier Tag“, meint Kaya – beste Voraussetzungen eigentlich.

Doch man sei vernünftig, Risiken gehe niemand ein. Das betrifft auch die gemeinsamen Gottesdienste in der Moschee. „Wir waren von Anfang an sehr vorsichtig“, so Kaya. Sonst kommen dort regelmäßig 100 bis 120 Besucher zusammen, jetzt mussten sie ihre Kapazitäten auf ein gutes Drittel verkleinern. „Draußen wird auf den Einlass geachtet, sind alle Plätze belegt, kommt niemand mehr hinein“, erklärt Özdemir und zeigt auf die Klebestreifen auf dem Teppich, die die Abstände markieren.

Auch wurden einige Gottesdienst-Teile verkürzt, damit Zusammenkünfte nach den Hygienemaßnahmen nicht länger sind als nötig. Es gibt Pflichtteile und Empfehlungen, die nun auch mal wegfallen müssen. „Aber so ist es besser, als gar nichts machen zu können. Die Gesundheit ist wichtig und es kann mittlerweile so schnell gehen“, erklärt Kaya, angesprochen auf die steigenden Zahlen in der vergangenen Woche durch eine freikirchliche Gemeinschaft. „Notfalls müssen wir durchgreifen“, sagt er, damit so etwas bei ihnen nicht passiere. Dennoch: Die Moschee schließen komme nicht infrage. „Für manche ist sie noch höher gestellt als das eigene Zuhause, deswegen legen wir da viel Wert drauf“, so Kaya.

Auch die Jugendarbeit läuft weiter, allerdings derzeit nur online. „Es ist schwierig, sie so zu erreichen“, meint der Vorsitzende. „Die Jugendlichen lernen am besten in Präsenz, online ist es schwieriger und man braucht auch kleinere Gruppen.“ Am besten wäre es sogar, Einzelunterricht anzubieten – das bräuchte aber auch entsprechend viel mehr Zeit. „Vor Ort zu sein, das fehlt ihnen auch.“ Auch Kindern wird schon früh erklärt, was es zum Beispiel mit dem Ramadan auf sich hat. Mehr Integration von Islamunterricht an Schulen würden Kaya und Özdemir toll finden, „dabei würden wir auch gerne unterstützen“, so Kaya. Bislang seien es oft Projektarbeiten oder Ausstellungen, die zu diesem Thema stattfinden.

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