Kaum noch Schmetterlinge in der Region gesichtet

Zu wenig Nahrung für Insekten: Falter vor dem Aussterben?

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Gibt es Schmetterlinge bald nur noch auf Fotos zu sehen? Damit das nicht geschieht, kann der Mensch helfen, Nahrung für die zumeist hübschen Insekten zu besorgen.

Rotenburg - Von Heinz Goldstein. Ulf Achelis aus Waffensen ist ein pensionierter Grundschullehrer. Er liebt die Natur und hat festgestellt, dass er in diesem Jahr noch nicht einen Schmetterling im Garten oder in der freien Natur erspäht hat. Nun fragt er sich, ob dieses Phänomen auch anderen Menschen aus der Region aufgefallen ist.

In seiner Stammkneipe in Waffensen blickte Achelis als Antwort auf diese Frage oft in erstaunte Gesichter, denn niemanden war so recht bewusst geworden, dass auch sie in diesem Jahr noch keines dieser Insekten in der freien Natur gesehen haben. Den Grund dafür sieht Achelis darin, dass die immer intensiver betriebene Landwirtschaft in Verbindung mit Pestiziden die Schmetterlinge in der Region nahezu ausgerottet und damit die Artenvielfalt hier stark reduziert habe.

Der besorgte Naturfreund stellt sich die Suggestivfrage: „Wo finden Schmetterlinge ihre Nahrung?“ – und Achelis gibt sich selbst die Antwort: „Auf blühenden Wiesen, und die werden immer weniger.“ Aus den Blüten wilder Pflanzen holen sich die Schmetterlinge das, was sie zum Leben brauchen, Nektar. Den finden sie nach seiner Beobachtung immer weniger in freier Natur – auch in der ländlichen Region Rotenburgs.

Viele Arten sind bedroht

Auf Anfrage der Kreiszeitung beim Rotenburger Naturschutzbund (Nabu) zur Situation der Falter nimmt der Vorsitzende Roland Meyer Stellung. Er habe zwar in diesem Jahr schon hier und da einen Schmetterling gesehen, stellt aber selbst auch einen großen Rückgang bei den Insekten allgemein fest. „Viele Schmetterlingsarten sind vom Aussterben bedroht, weil Wildkräuter als Unkraut vernichtet werden. Ein reichhaltiges Blüten- und damit Nektarangebot im Garten würde diesen schönen Insekten helfen. Doch vergessen wir nicht: Ohne Raupen keine Schmetterlinge“, sagt Meyer. Im Gegensatz zu den Faltern ernähren sich die Raupen demnach nicht von Nektar, sondern haben es auf Blätter einheimischer Pflanzen abgesehen.

Der ehemalige Grundschullehrer Ulf Achelis aus Waffensen hebt resigniert die Hände und fragt sich „Wo sind die Schmetterlinge in der Region abgeblieben?“

Während der Schmetterling eine Vielzahl unterschiedlicher Nektarquellen aufsucht, ist seine Raupe in Bezug auf ihre Futterpflanze schon wählerischer. So lebt die Raupe des Schwalbenschwanzes auf der Wilden Möhre oder der Petersilie. Raupen von Schachbrett und Ochsenaugen ernähren sich von Gräsern, die vom Kleinen Fuchs und vom Admiral von Brennnesseln. „Menschen können aber helfen, dass die Schmetterlinge wieder Nahrung bekommen“, erklärt Meyer. So zum Beispiel im eigenen Garten. Statt einer Kräuter- könne dort auch eine Schmetterlingsspirale unter anderem mit Hornklee, Gewöhnlicher Bläuling, Stockrose, Moschusmalve, Dill oder Rotklee, Wilder Majoran, Thymian und Lavendel gepflanzt werden. Er gibt auch einen Gartentipp: „Wer einen Teil seines Rasens in eine bunte Schmetterlingswiese umwandeln möchte, muss zuerst den Nährstoffgehalt des Bodens senken. Dazu muss die Grasnarbe abgetragen werden. An den freigelegten Stellen wird der Boden umgebrochen, durch Sandbeimischung abgemagert und mit einer im Fachhandel erhältlichen Blumenwiesenmischung eingesät“, rät der Naturexperte.

Der Mensch müsse nachhelfen, denn das Nahrungsfeld in der freien Natur reiche nicht mehr aus. Die Menge an Insekten habe demzufolge in den vergangenen 30 Jahren um 80 Prozent abgenommen. Autofahrern sei es sicherlich im Sommer aufgefallen, dass im Gegensatz zu früheren Jahren bei der Fahrt durch die Natur kaum noch Insekten an der Windschutzscheibe kleben blieben. Es sei noch gar nicht so lange her, da musste der Fahrer mit einem harten Schwamm die Scheibe reinigen, um freie Sicht zu haben und die Fahrt fortsetzen zu können, erinnert sich der Nabu-Chef. Das sei ein weiteres deutlich sichtbares Zeichen, dass es weniger Insekten gebe.

Folgen für die Nahrungskette

Dieser Rückgang habe Folgen für die gesamte Nahrungskette der Tiere in der Natur. Dadurch fehle auch eine Nahrungsgrundlage für die Vögel, und das setze sich fort. „Wenn die Insekten zum Beispiel um 80 Prozent weniger werden, dann können zwangsläufig nur noch 20 Prozent der Insektenfresser genügend Nahrung finden“, so Meyer. Mit anderen Worten: Unsere Landschaft wird ärmer, und eben auch durch weniger Schmetterlinge.

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hat am 12. Mai zur Situation bei den Schmetterlingen öffentlich Stellung genommen. Auch die Politiker hatten bemerkt, dass immer mehr Insekten ausbleiben. Weniger Schmetterlinge bedeuten weniger Obstbestäuber – ein ganzes Ökosystem kann aus der Balance geraten.

Eine von der Bundestagsfraktion beauftragte Studie zur Situation der Schmetterlinge ist zu dem erschreckenden Ergebnis gekommen: Allein 40 Prozent der Tagfalter sind vom Aussterben bedroht. Dazu gehören unter anderem der Bläuling oder der Goldene Scheckenfalter. Für das Flächen- und Agrarland Nordrhein-Westfalen zum Beispiel ist die Untersuchung noch alarmierender. Dort sind fast 70 Prozent der Tagfalter gefährdet.

Das hat weitgehende Folgen: Weniger Raupen heißt auch weniger Futter für die Vögel. Das deckt sich mit der Feststellung des Nabu in Rotenburg.

Die Ursachen für die zunehmende Bestandsgefährdung werden vor allem dem Einsatz von Pestiziden, der Intensivierung der Landwirtschaft sowie der Bebauung – und damit Zerstörung natürlicher Lebensräume und artenreicher Kulturlandschaften für Siedlung, Industrie und Gewerbe zugerechnet.

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