Mieter wehren sich gegen hohe Nebenkostenabrechnungen bei Geothermie-Projekt

„Falsche Versprechungen“

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Rüdiger Schult will gegen seiner Ansicht nach zu hohen Nebenkosten klagen.

Rotenburg - Von Michael Krüger. „Das ist die Zukunft“, war sich Unternehmer Christoph F. Trautsch vor knapp zwei Jahren sicher. Mit seiner Deutschen Geothermischen Immobilien GmbH (DGI) hat der Münchener in Celle und Rotenburg zusammen 25 Millionen Euro in Europas größtes Erdwärme-Projekt investiert.

Hunderte Wohnungen rund um den Ellernweg waren davon betroffen. Die Mieter dort sind große Versprechen allerdings satt. Ihnen schlägt die Gegenwart ins Gesicht: mit deutlich gestiegenen Nebenkostenabrechnungen. Sie wollen Klagen.

Rüdiger Schult ist sich sicher: Es war Vorsatz. Im Februar 2015 ist er in eine im Zuge der Sanierung neu entstandene Dachgeschosswohnung gezogen. Nach zehn Jahren im Ausland zurück in die Heimat, der heute 42-Jährige ist zunächst auf Hartz IV angewiesen, im Mai beginnt er einen neuen Job als Vertriebsassistent. 32 Quadrameter Dachgeschoss: 290 Euro Kaltmiete, 60 Euro „Trautsch-Flatrate“ für die Erdwärme-Heizung, dazu 55 Euro Nebenkosten. Eine Summe, die das Jobcenter bereit war, zu übernehmen. Doch vergangene Woche bekam Schult, wie viele andere Mieter in dem Gebiet, unangenehme Post. 1 009 Euro soll er nachzahlen, der „Betriebskostenabschlag“ werde künftig 147 statt 55 Euro betragen. „Das ist die völlige Verarschung“, ist Schult empört.

Das sehen wenigstens 67 andere Mieter mit „Trautsch-Modell“ nicht anders. Sie haben sich am Wochenende per Unterschriftenliste Schults Beschwerde angeschlossen. Im Durchschnitt betrage die Nachzahlung pro Wohneinheit 700 Euro, sagt Schult. Das habe System und sei gemacht worden, um den Behörden etwas vorzugaukeln. Drei Viertel aller Mieter in den Häusern bezögen staatliche Zuschüsse. Zu den nunmehr offenkundigen Konditionen hätte Trautsch nicht vermieten können, ist sich Schult sicher. „Wir wurden als Mieter mit falschen Versprechungen hinsichtlich der zu erwartenden Neben-, insbesondere Heiz- und War mwasserkosten gelockt“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Mieter. Am Dienstag will Schult im Namen aller Strafantrag „wegen Vorspiegelung falscher Tatsachsen/Betrug“ gegen die Verantwortlichen stellen.

Schon zu Beginn des Projektes waren durchaus skeptische Stimmen zu vernehmen. Anders als zum Beispiel in Celle hatte sich die Stadtpolitik um den damaligen Bürgermeister Detlef Eichinger nicht mit dem Unternehmen zusammen präsentiert, auch der Rotenburger Mieterverein mahnte. Der Vorsitzende Frank Stork: „Die Karten kommen auf den Tisch, wenn die ersten Betriebs- und Nebenkosten-Abrechnungen eintreffen.“

Das ist nun der Fall. Bemerkenswert dabei: Wasserkosten zum Beispiel wurden auf die Wohneinheiten umgelegt, nicht dem Verbrauch angepasst. Und das, obwohl jede Wohnung Zähler habe und diese im März auch kontrolliert worden seien, so Schult. „Was soll das?“ Tatsächlich steht in Schults Mietvertrag, dass, „soweit eine entsprechende Messeinheit vorhanden ist, nach tatsächlichem Verbrauch abgerechnet“ wird. Nun aber soll Schult für Wasser genauso viel wie eine vierköpfige Familie zahlen. Ähnlich für Hausmeistertätigkeiten, Müllabfuhr und Strom für die Erdwärme-Pumpen. Einige Kosten seien zudem viel zu hoch angesetzt worden. Die Reinigung der Treppenhäuser sei mangelhaft, die Außenanlagen ungepflegt. Und in den Hausfluren sind noch viele Arbeiten unerledigt – offen liegende Starkstromkabel nur ein Indiz dafür. „Ich weigere mich gegen die Zahlung“, so Schult. Der Hausverwaltung ist ein entsprechendes Schriftstück zugegangen.

Unternehmer Trautsch weist die Vorwürfe zurück. Die Stromkosten lägen, genau wie bei einer Mieterversammlung am 28. Februar 2014 angekündigt, im Durchschnitt bei 30 Euro pro Monat und Wohnung. „Da sämtliche Bestände nun erheblich verschönert wurden, habe ich selbstverständlich auch den Komfort für alle Mieter angehoben“, betont Trautsch. Und das habe eben seinen Preis. Die Mieten seien wie von ihm versprochen nicht erhöht worden, die Mehrkosten beziehen sich nur auf die Betriebskostenvorauszahlung. Dabei hätte er im gesetzlichen Rahmen die Modernisierungskosten auf die Mieter umlegen können. Trautsch: „Hätte ich von meinem Recht gebraucht gemacht, würde jeder Mieter eine Erhöhung der Kaltmiete von über 200 Euro bezahlen müssen.“ Und nicht zuletzt müsse berücksichtigt werden, dass durch die Erdwärme-Heizung jeder Mieter „einen erheblichen Beitrag für die Umwelt“ leiste. Trautsch: „Solch eine positive Öko-Bilanz hat es in Deutschland für Altbestände aus den 60er Jahren noch nicht gegeben und ist beispielhaft.“

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