Landkreis will das ändern

Im Gesundheitsamt fehlt der Fahrstuhl

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Karl Döhmer bemängelt, dass es im Gesundheitsamt des Landkreises keinen Fahrstuhl gibt.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Entdeckung durch puren Zufall: Karl Döhmer hat sich vor zwei Wochen im Urlaub den Knöchel gebrochen und ist trotz Krücken nicht in der Lage, Treppenstufen zu gehen. Er fühlt sich unsicher, also verzichtet er darauf und nimmt – wenn möglich – den Fahrstuhl. Das hätte er auch zuletzt gerne gemacht, als er einen Termin im Gesundheitsamt an der Bahnhofstraße in Rotenburg hatte – im zweiten Stock. Das Problem: In der Behörde ist gar kein Fahrstuhl vorhanden.

Der 72-Jährige wundert sich: Dass es gerade in einem Gesundheitsamt keinen Fahrstuhl gibt, ist für ihn nicht hinnehmbar. Den Termin dort hatte er bei einem Gutachter, denn Döhmers Krankenkasse hatte ihn dorthin bestellt, um ein Gutachten zu seinem neuen Implantat anfertigen zu lassen. Schon vorher erkundigt sich der Ingenieur für technisches Gesundheitswesen in Rente telefonisch, ob er in das Zimmer in den zweiten Stock denn mit dem Aufzug fahren könnte. Der Gutachter habe das verneint und erklärt, dass sie sich einen Raum im Erdgeschoss suchen würden.

Dort angekommen, stellt sich ihm die erste Herausforderung in den Weg: Schon beim Haupteingang gilt es, Stufen zu überwinden. Per Klingel ruft Döhmer eine Mitarbeiterin zu Hilfe – das bietet das Gesundheitsamt auf einem Schild an der Hauswand an. Mit dem Lift geht es die sieben Stufen hoch ins Erdgeschoss. „Es waren wirklich alle sehr nett und hilfsbereit“, sagt er. Und auch der Termin mit dem Gutachter läuft für ihn positiv – nachdem man tatsächlich einen Raum im Erdgeschoss findet.

Dennoch möchte sich Döhmer nicht mit dem Istzustand zufriedengeben. Schon deshalb nicht, weil er als Fahrer des Rotenburger Bürgerbus-Vereins selbst sonst gehandicapten Menschen hilft und deren Bedürfnisse besonders im Blick hat. „Es kann nicht sein, dass ein öffentliches Gebäude, das Publikumsverkehr bis in den zweiten Stock hat, keinen Aufzug hat“, moniert er. „Das muss an die heutigen Begebenheiten angepasst werden.“ Der Landkreis könne dieses Bauprojekt nicht hinten anstellen, denn es diskriminiere Menschen mit einer Behinderung. Und deshalb habe er die Situation auch dem Behindertenbeirat des Landkreises gemeldet, der das in seiner nächsten Sitzung beraten wolle.

Unhaltbarer Zustand auch für Mitarbeiter

Auch für die Mitarbeiter der Behörde hält Döhmer den Zustand nicht dauerhaft für tragbar, denn die Raumsuche halte sie davon ab, ihrer regulären Arbeit nachzugehen. Zumal man ihm mitgeteilt habe, dass ein Fahrstuhl schon seit Längerem auf der Agenda des Landkreises stehe. „Es wurde wohl von Jahr zu Jahr aufgeschoben, weil es keine Priorität hat, es seien nur Einzelfälle“, so Döhmer, der eine Zeit lang selbst als Gutachter und Ingenieur für Arbeitsschutz tätig war. „Da kann ich nicht still bleiben.“ Ihn stört besonders, dass die Entscheider in solchen Fällen meist in der Anonymität verschwänden. „Da wird dann gesagt: Das hat das Gremium beschlossen. Und damit ist das erledigt.“

Der Landkreis bestätigt schriftlich, dass die Problematik bekannt ist, „wie übrigens auch an anderen Stellen in der Kreisverwaltung und an vielen öffentlichen Gebäuden anderer Verwaltungen, deren Baujahr vor den 80er-Jahren liegen“. Aber der Einbau eines Fahrstuhls könne nur mit erheblichen Eingriffen in die Gebäudestruktur realisiert werden. „Aufgrund der sehr seltenen Einzelfälle, bei der aber bisher immer eine gute und zufriedenstellende Lösung gefunden wurde, ist ein Umbau bisher nicht in Angriff genommen worden“, heißt es weiter. Im Rahmen einer anstehenden „energetischen Sanierung“ des Gebäudes werde das Thema „sicherlich noch einmal geprüft werden, um im Sinne einer sparsamen und wirtschaftlichen Haushaltsführung eine optimale Lösung für unsere Mitarbeiter und alle Kunden, auch die behinderten Kunden, zu finden“.

Für Karl Döhmer kommt der Umbau dann zwar zu spät, denn er ist wohl nur noch rund sechs Wochen gehandicapt. Dennoch hofft er, dass sich für Menschen mit einer Einschränkung etwas ändert: „Man merkt manchmal erst, dass etwas fehlt, wenn man selbst darauf angewiesen ist.“

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