Heiko Thömen fordert Rechtsanspruch auf offene Angebote

257 Fälle in einem Jahr für die Schuldnerberater

Heiko Thömen

Rotenburg - Einen Rechtsanspruch auf ausreichende, niedrigschwellige und offene Beratungsangebote für überschuldete Menschen fordert Heiko Thömen von der Schuldnerberatungsstelle des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Rotenburg. „Wenn Menschen in finanzielle Not geraten, brauchen sie – unabhängig von der Einkommenssituation – Unterstützung.

Denn Überschuldung destabilisiert die Betroffenen in verschiedener Weise, nicht nur durch oft ungeklärte rechtliche, wirtschaftliche und soziale Fragen, sondern auch in psychischer und gesundheitlicher Hinsicht“, sagt der Schuldnerberater vor dem Hintergrund der gerade zu Ende gegangenen Aktionswoche Schuldnerberatung. Nicht selten entstehe ein Teufelskreis, den die Betroffenen oft ohne Begleitung nicht durchbrechen könnten.

Verschuldung ist kein Einzelfall. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AGSBV) haben 647.136 Personen wegen finanzieller Probleme im Jahr 2015 in einer der 1400 Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in Deutschland das Beratungsangebot in Anspruch genommen. Die Schuldenhöhe der beratenen Personen betrug durchschnittlich 34.400 Euro, was etwa dem 33-fachen ihres Monatseinkommens entspricht. Hauptursachen für die Überschuldung waren Arbeitslosigkeit, längerfristiges Niedrigeinkommen, gesundheitliche Probleme, Trennung oder Tod des Partners.

2016 wurden 115 Fälle zum Abschluss gebracht

Im Kirchenkreis Rotenburg wurden im Jahr 2016 257 Haushalte beraten. Davon wurden 2016 115 Fälle zum Abschluss gebracht. „Das kann in unterschiedlicher Form geschehen“, sagt Thömen. So kann es außergerichtliche Einigungen geben, Insolvenzverfahren, aber auch Abbrüche.

Das Angebot der gemeinnützigen Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle des Diakonischen Werkes müsse in den Augen von Thömen auch in Zukunft aufrechterhalten werden, sichergestellt und personell noch besser ausgestattet sein. „Das ist notwendig, um – insbesondere im ländlichen Raum – den tatsächlichen Bedarf zu decken und Wartezeiten zu vermeiden.“ Notwendig sei auch der politische Wille, die finanzielle Kompetenz von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen zu entwickeln und zu stärken.

Das helfe, die Problematik von Ver- und Überschuldung langfristig zu reduzieren. „Zudem muss die Finanzierung der Schuldnerberatung gesichert werden, damit dieses auf nachhaltige Stabilisierung zielende Angebot greift“, sagt Thömen.

Der Schuldnerberater hält es zudem für erforderlich, den Schuldnerschutz zu stärken. Das 2010 eingeführte Pfändungsschutzkonto erfülle eine wichtige Schutzfunktion für Überschuldete. Bei der Umsetzung des Pfändungsschutzkontos habe es regional einige Probleme gegeben. Thömen fordert, darauf durch entsprechende Gesetzesänderungen zu reagieren, damit Schuldner und Beratungsstellen nicht unnötig belastet werden.

Viele Ratsuchende sind „Aufstocker“

Aus seiner Erfahrung in der Praxis hält es der Schuldnerberater auch für notwendig, die bedarfsdeckende Existenzsicherung zu gewährleisten. Viele Ratsuchende, so seine Beobachtung, seien in prekären Beschäftigungsverhältnissen sogenannte „Aufstocker“. Ratsuchende mit niedrigem Einkommen dürften nicht länger gezwungen sein, bei größeren Reparaturen oder der Anschaffung einer Waschmaschine oder eines Kühlschranks Finanzierungsangebote zu nutzen oder Darlehen beim Jobcenter aufzunehmen. Gestiegene Kosten für Energie führten dazu, dass immer mehr Menschen mit niedrigem Einkommen ihre Strom- und Heizkostenrechnung nicht mehr bezahlen könnten und sich verschuldeten.

Schließlich müsse der Gesetzgeber eine Regelung finden, damit verschuldete Menschen, die Beitragsrückstände bei ihrer gesetzlichen Krankenkasse oder in der privaten Krankenversicherung haben, dennoch Zugang zum Leistungsumfang der Regelversorgung erhalten.

Die Schuldnerberatungsstelle des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Rotenburg ist zu erreichen unter Telefon 04261 / 6303956 oder per E-Mail unter schuldnerberatung@dw.kirche-rotenburg.de.

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