Die Problemlöser

Fachkräftemangel: Viele Patienten, aber zu wenig Physiotherapeuten

Physiotherapeutin Anna-Lena Meinke demonstriert an ihrem Kollegen Kai Bach einen Teil ihres Berufsalltags.
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Eine Massage für den Kollegen: Physiotherapeutin Anna-Lena Meinke zeigt an ihrem Kollegen Kai Bach einen Teil ihres Berufsalltags.

Rotenburg – Anna-Lena Meinke steht an der roten Liege in ihrem Raum in der Praxis des Physioteams Rotenburg und desinfiziert sie. Gerade war eine ältere Patientin bei ihr, gut gelaunt verlässt sie die Praxis. „Bis nächste Woche dann!“ Die Physiotherapeutin lächelt, draußen scheint die Sonne, das scheint allen gut zu tun. Aber ein kleiner Schatten ist dann doch am Horizont: Denn wie in so vielen Berufszweigen, herrscht auch bei ihnen Fachkräftemangel.

Physiotherapie ist systemrelevant. Deswegen dürfen die Praxen weiter geöffnet haben, und die Therapeuten arbeiten unter Hygienekonzepten mit den Patienten. Maske tragen, regelmäßige Desinfektion, nur das mit dem Abstand halten geht in dem Fall natürlich nicht. Meinke und ihr Kollege Kai Bach demonstrieren die Arbeit. Ob sie nun hinter ihm steht, während er auf der Liege ist, oder an seinen Beinen, die auf einem Gymnastikball hochgelagert sind: Körperkontakt ist nicht zu vermeiden.

Unter den Patienten gab es schon positive Fälle, von den Mitarbeitern habe sich aber niemand infiziert. Wer ins Altenheim zu Hausbesuchen geht, lässt sich regelmäßig testen, ansonsten ist es keine Pflicht, es sind aber in der Praxis immer Schnelltests vorhanden. „Es schwingt ein Risiko mit, aber es ist auch schön, Sozialkontakte zu haben“, erklärt Meinke, die zunächst eine Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin gemacht hat, dabei aber mit Physiotherapeuten in Kontakt kam und gemerkt hat, „dass mir das Spaß machen könnte“.

Die Patienten kommen hauptsächlich auf ärztliche Verordnung zu ihnen, meist nach einer Operation. Sie brauchen die Unterstützung, aber die Wartelisten sind lang. Drei bis vier Wochen Terminvorlauf gibt es aktuell, sagt Meinke. Und das, obwohl gerade nach einer Operation Hilfe sofort gebraucht wird und die meisten Patienten schon im eng gesteckten 20-Minuten-Takt kommen. Und die strenge Taktung ist manchmal ein Problem, „das ist stressig und auch anstrengend“. Wenn geplante Operationen anstehen, bei denen absehbar ist, dass danach Physiotherapie benötigt wird, empfehle es sich oftmals schon im Vorfeld, einen Termin auszumachen für danach, so die 37-Jährige. „Aber wer denkt daran?“

Elf Physiotherapeuten sind sie aktuell, sagt Meinke. Das klingt erstmal viel, aber es gibt drei Ausfälle, darunter eine Stelle, die bereits seit dem vergangenen Jahr nicht nachbesetzt werden konnte. Die Patienten stehen dennoch an. „Es ist schwierig“, meint Meinke. „Stellen werden daher oft nur durch Kontakte besetzt.“ Dabei sei der Beruf sehr vielfältig und mache ihr viel Spaß: neurologische, chirurgische oder orthopädische Patienten, „wir behandeln alle Krankheitsbilder“, erklärt die 37-Jährige – Patienten von jung bis alt. Sie zeigen aktive Übungen, machen manuelle Therapie oder auch Gerätetraining. „Es ist sehr abwechslungsreich – und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie klappt gut.“ Plus: Je mehr sich ein Physiotherapeut im Laufe seiner Karriere fortbildet, desto mehr Möglichkeiten hat er, auch in seiner Arbeitseinteilung. Das ist auch wichtig, denn rein mit der Ausbildung darf man nur Krankengymnastik und Massage machen. „Für alle weiteren Therapien braucht man Fortbildungen.“

Oft schwingt das altbekannte Thema mit, der Beruf werde nicht gut bezahlt. „Die Verdienstaussichten waren auch lange nicht gut.“ Die Bezahlung ist aber in den vergangenen Jahren besser geworden, sagt Meinke, die 2011 ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Dennoch „ist es immer noch nicht so, dass ich sagen würde, es wird genug wertgeschätzt“. Dabei kommt es neben den Kassenleistungen auch auf den Arbeitgeber an: „Unser Chef bezahlt Fortbildungen“, freut sich Meinke – denn die gehen teils ordentlich ins Geld.

Seit Januar 2020 müssen Auszubildende in dem Beruf immerhin kein Schulgeld mehr bezahlen – die nächste ist in Gyhum. „Ich hoffe, das merken wir dann bald und bekommen neue Fachkräfte“, wünscht sich Meinke. Mittlerweile gibt es einen Studiengang, der auch das Arbeiten im Ausland erleichtert. Dennoch müsse die Wertschätzung noch steigen, auch die Kassen die Leistungen mehr anerkennen, findet Meinke: „Durch uns wird ja letztlich auch viel Kassenleistung eingespart.“

Die Anforderungen steigen, Gesundheitsversorgung wird anspruchsvoller, und Physiotherapeuten, die sehr intensiv und oft über einen längeren Zeitraum mit den Patienten arbeiten, müssen über verschiedenste Kompetenzen verfügen. Aber gerade das, so Meinke, mache den Beruf eben auch so spannend. Danach stehen einem viele Wege offen: ob im Krankenhaus, in einer Praxis oder Reha-Klinik. „Man hat viele Stationen und unterschiedlichste Patienten. Man bekommt die Diagnose, muss aber gucken, wo liegt das individuelle Problem und wie kann ich dem Patienten helfen“, sagt sie und schmunzelt. „Manchmal ist man dabei ein Detektiv.“

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