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Fachkräftemangel in Rotenburg: Weniger Schüler für die Pflege

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Von: Andreas Schultz

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Eine Abschlussklasse der Berufsbildenden Schulen der Rotenburger Werke. Schüler und Lehrer stehen auf einer Wendeltreppe.
Es ist Projektwoche in den Berufsbildenden Schulen der Rotenburger Werke: Angehende Pflegeassistenten und Heilerziehungspfleger haben Spaß und informieren sich über Karrierechancen – unter anderem bei den Werken selbst. Hans-Peter Kriete (M.) gibt als Bereichsleiter Wohnen Einblicke, Lehrerin Maike Cikursch (r.) begleitet ihre Klasse. © Schultz

Während die einen gehen, zögern die anderen mit dem Kommen: An den Berufsbildenden Schulen der Rotenburger Werke sind zum Zeitpunkt der Abschlussprüfungen noch viele Ausbildungsplätze für das kommende Jahr frei. Der Fachkräftemangel in der Pflege zeigt seine Facetten auch in der Nachwuchsgewinnung. Dabei handelt es sich um „sinnvolle und bereichernde Aufgaben“, weiß Schulleiterin Regina Koithan.

Rotenburg – „Wunschberufe sind andere geworden“, sagt Regina Koithan. Die Berufsbildenden Schulen der Rotenburger Werke spüren das zurzeit vor allem bei den Anmeldezahlen für die Ausbildungsberufe Pflegeassistent und Heilerziehungspfleger. Die Schulleiterin weiß aber auch: Das ist zumindest zum Teil ein strukturelles Problem des Arbeitsmarkts, auch das Handwerk klage – mit der Betroffenheit stehe man nicht allein da.

Aber natürlich spielten auch die bekannten Probleme eine Rolle: Das Missverhältnis von Arbeitsaufkommen und Besetzung in vielen Einrichtungen nennt sie als eines der Beispiele, die Interessierte eher abschreckten. 60 Plätze gibt es für angehende Heilerziehungspfleger, 25 für Pflegeassistenten. Derzeit sind 38 beziehungsweise acht besetzt. Zwar kenne man in den Berufsbildenden Schulen der Werke das zögerliche Bewerbungsverhalten schon aus vergangenen Jahren, aber 2022 ist dieses Zögern ein unübersehbar größeres. „Diese Zahlen haben wir jetzt im Juni – und im August soll es weitergehen“, verdeutlicht Koithan.

Das ist eine sinnvolle Tätigkeit, eine bereichernde Aufgabe.

Regina Koithan über die Arbeit als Pflegeassistent

Sie würde am liebsten eine andere Überschrift über diesem Artikel lesen. „Dies ist eine bunte Schule“ habe vor langer Zeit mal über einem Zeitungsausschnitt zur Projektwoche in der Abschlussphase gestanden. Der Artikel, er liegt viele Jahre zurück, habe die Freude damaliger Schüler über die Berufswahl gezeigt und in der Bildungseinrichtung entsprechende Wellen geschlagen. Aus Sicht Koithans gilt noch immer: „Das sind total schöne Berufe.“ Davon ist sie überzeugt. Beispielsweise in der Pflegeassistenz Menschen mit Behinderung die Teilhabe am Leben zu ermöglichen, ihnen Hilfestellung bei lebensbereichernden Aktivitäten zu geben, „das ist eine sinnvolle Tätigkeit, eine bereichernde Aufgabe“, sagt die Schulleiterin.

Diese Freude über die Berufswahl gebe es nach wie vor – und sie strahlt ab. Die Auszubildenden gehören, bewusst oder nicht, zu den größten Werbeträgern der Einrichtung. Sie sind Multiplikatoren: Dass sich jemand nach längeren Gesprächen mit Schülern selbst dazu entscheidet, eine solche berufliche Karriere einzuschlagen, sei keine Seltenheit, erzählt Koithan. Wo Jugendliche aufeinandertreffen und ihre Schüler dabei sind, springe der Funke einfach über. Nicht nur einmal habe man das beispielsweise kurz nach dem Hurricane-Festival festgestellt, schildert Koithan anekdotisch. „Nichts ist so werbewirksam wie unsere Schüler“, sagt sie stolz lächelnd.

Aber allein darauf zu vertrauen, wäre fahrlässig – und das weiß man auch in der Rotenburger Fachkräfteschmiede. Dass die Schüler selbst jetzt in der Projektwoche den Instagram-Kanal der Rotenburger Werke übernehmen, ist ein Streiflicht der Bemühungen. Darüber hinaus gibt es die „Last-Minute-Aktion“, die Unentschlossene zu Kurzentschlossenen machen soll: nämlich solche, die sich am Ende der Bewerbungsfrist noch für die Karriere in der Pflege entscheiden. Dabei sind die Praxisstellen eingebunden: Die Betriebe, in denen die Ausgebildeten einmal arbeiten könnten, rühren die Werbetrommel mit. Vor Corona gab es zudem noch Fachmessen direkt vor Ort, die Werke sind beim Ferdinands Feld präsent, zeigen sich beim „Laut und Draußen“ – „und natürlich kann sich jeder vor die Schule stellen und sagen, dass er rein möchte“, sagt Koithan. Dafür sei man offen. Anstrengungen gibt es demnach viele.

Schild mit der Aufschrift „Berufsbildende Schulen der Rotenburger Werke“
Die Berufsbildenden Schulen der Rotenburger Werke stehen Interessierten offen, sagt die Schulleitung. © Gröger

Mühe investiert die Einrichtung auch darin, dass die Schüler den passenden Arbeitgeber finden, sobald sie fertig sind. Natürlich spielen dabei die Einrichtungen direkt vor Ort eine besondere Rolle. Auch im Rahmen der Projektwoche. „Wir schauen uns an, was es hier so gibt“, fasst Maike Cikursch zusammen. Die Dozentin für Heilerziehungspflege steigt auf dem Gelände der Rotenburger Werke an der Lindenstraße vom Drahtesel ab. Die Projektwoche beinhaltet für sie und ihre Abschlussschüler auch das Erkunden der Gegend mit dem Fahrrad. Acht angehende Heilerziehungspfleger stehen wenige Meter entfernt im Halbkreis um Hans-Peter Kriete, der als Bereichsleiter im Geschäftsfeld Wohnen der Rotenburger Werke gerade erklärt, welche Arbeit die Angestellten hier verrichten, welche Vorzüge die Tätigkeit vor Ort hat. „Mir ist es wichtig, dass die Schüler über den Tellerrand schauen und dabei finden, was sie interessiert“, sagt Cirkursch.

Und das müsse nicht unbedingt eins zu eins mit den Inhalten des Lehrplans übereinstimmen: „Man muss ja nicht unbedingt die nächsten 50 Jahre das machen, was man in der Ausbildung gelernt hat“, so die Lehrerin. Die Schüler der Heilerziehungspflege-Klassen genießen die Projektwoche, schauen sich in der Umgebung um, erkunden, was es Schönes in und um die Kreisstadt herum gibt. Auf der Tagesordnung steht Spaß, unter anderem in Form von Schaukeln auf dem Hartmannshof – aber auch der Blick hinter die Kulissen von Pflegeeinrichtungen.

Ein Teil der Schüler bleibt dafür in der Stadt, andere zieht es etwas weiter weg nach Hamburg und Bremen. Natürlich gebe es die Hoffnung, dass das Gros der Abschlussschüler in der Gegend bleibt. „Ja, auch dafür machen wir das. Aber wir zeigen eben auch andere Perspektiven auf“, sagt Cikursch. Dass es nicht nur die Arbeit in Wohngruppen gibt, dass es Arbeitsplätze mit grundverschiedenen Schwerpunkten gibt. Unter anderem in Gruppen mit Menschen hoher Pflegebedürftigkeit – solche Dinge eben. Bis zu 40 Heilerziehungspfleger und 13 Pflegeassistenten könnten erfolgreich aus den nun anstehenden Prüfungen hervorgehen. Wer davon bleibt, wer geht oder eine Extrarunde dreht, steht noch in den Sternen – wie viele neue Schüler nachrücken ebenso.

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