In extremer Schieflage

Interview: Veranstalter Christian Meyer über den Stillstand der Kulturszene

Den Sommer haben wir verloren, sagt Christian Meyer. Festivals wie hier auf dem Hamburger Großmarktgelände wird es in diesem Jahr nicht geben. Und was kommt im Herbst? Foto: Marco Sensche

Rotenburg – Interviewer und Interviewten verbindet eine lange Geschichte. Sie beginnt vermutlich vor mehr als 15 Jahren auf einem Konzert irgendwo in der Region bei der Band Gallmucke. Die Jahre vergehen, die Leidenschaft für Musik verbindet. Der Weg des einen führt in den Journalismus, der des anderen in die Veranstalterbranche. Christian Meyer organisiert heute Konzerte und Open Airs in Hamburg, fühlt sich durch viele kleine Veranstaltungen aber auch noch der Heimat verbunden. Der Fragende wollte zunächst nur wissen, wann man wieder gemeinsam auf Konzerte geht. Es wurde ein längeres Gespräch.

Ich muss das jetzt fragen: Wie geht‘s dir?

Beruflich denke ich diese Wochen recht viel nach. Die Situation strengt zunehmend an und macht müde. Heute ist aber ein guter Tag: Ich freue mich, dass ich die Situation in der Veranstaltungsbranche etwas darstellen kann.

Was macht ein Konzertveranstalter, wenn es keine Konzerte mehr gibt?

Zwischen dem ersten Schriftverkehr und dem Vorverkaufsstart bis zum Stattfinden eines Konzerts liegen im Schnitt sechs bis acht Monate. Bei großen Konzerten in Arenen oder Open-Air-Veranstaltungen häufig deutlich mehr. Wir befinden uns zeitlich bereits in der Planung der Winter- und Frühjahrstermine und hoffen, dass es im Frühherbst weiter geht. Die letzten sechs Wochen haben die Planungen, Verkäufe und Werbeaktivitäten über den Haufen geworfen.

Können Veranstaltungen auf das kommende Jahr verschoben werden?

Ausgebremst - Christian Meyer kann derzeit weder Festivals noch Konzerte veranstalten.

Es herrscht viel Unsicherheit darüber, inwiefern und zu welchem Zeitpunkt Veranstaltungen wieder möglich sein werden. Die Club-Konzerte aus den vergangenen sechs Wochen konnten größtenteils verlegt werden. Bei unseren fünf Open-Air-Terminen befinden wir uns in Gesprächen mit unseren Tourpartnern und hoffen, zeitnah Nachholtermine bekannt geben zu können. Ein nachgeholtes Konzert ist im Sinne aller Beteiligten, die Zeiträume und das Clubangebot jedoch begrenzt. In Hamburg verlegen zeitgleich sechs Veranstalter ihren Frühling in den Herbst und auf nächstes Jahr. Das bringt viel Bewegung in die Terminvergabe und sorgt für einen bissigen Ton. Durch die hohe Auslastung der Clubs im Nachholzeitraum, die doppelte Arbeit der Terminfindung und der deutschlandweiten Dynamik führt es mitunter zu großen Schwierigkeiten, alles unter einen Hut zu bekommen. Wir nennen die Arbeit ganz gern „Freitermin-Bingo“.

Was war das letzte Konzert, auf dem du warst?

Mein letztes Konzert war ein Rockkonzert im Hamburger Docks. Meine Kollegen hatten danach noch ein paar Konzerte. Unsere letzte Veranstaltung ging am 12. März über die Bühne, zwei Tage vor der Schließung von Club- und Gastronomiebetrieben. In der Routine der vergangenen Jahre hätte ich mir nicht vorstellen können, dass mir der ganze Stress und Krach so schnell fehlen würde.

Gibt es Ideen für Konzerte auch in Coronazeiten?

Dafür ist die derzeitige Situation zu vage und behördliche Vorgaben zu unterschiedlich. Solange wir auf die Veränderung der Infektionszahlen im Vierwochentakt für das gesellschaftliche Leben reagieren und sich Änderungen sehr kurzfristig, in minimalen Schritten und branchenunterschiedlich ergeben, ist es sehr schwierig, dort überhaupt eine Planungsgrundlage zu finden. Mit den derzeitigen behördlichen Vorgaben zum Schutz vor einer Infektion werden sich Konzerten nicht durchführen lassen. Und aufgrund der branchenüblichen, zeitlichen Planungsvorläufe und logistischen Anforderungen, die Veranstaltungen mit sich bringen, ist es auch nur möglich, im Rahmen von langfristigen Vorgaben und hygienischen Rahmenbedingungen über Konzepte nachzudenken. Das muss für alle Akteure praktikabel sein.

War es falsch, Großveranstaltungen für diese Saison abzusagen?

Meiner Meinung nach war die Entscheidung richtig. Auch wenn es schmerzt, etliche Veranstalter, Dienstleister und anderweitig Beteiligte in eine extreme, existenzielle Schieflage zu kippen, ist es in der jetzigen Phase wichtig, die Zahl der Neuinfektionen in einer kontrollierbaren Größenordnung zu halten und das Risiko auch für die nächsten Monate gering zu halten. Die Gesundheit der Mitmenschen und Handlungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems stehen im Vordergrund. Die Zeit bis zum Spätsommer muss nun jedoch intensiv genutzt werden, eine verlässliche, einheitliche Grundlage zu erarbeiten, die einen Konzertbetrieb ab Frühherbst möglich macht. Wir brauchen kein weiteres, theoretisches Modell, das branchenfremden Personen als praktikabel erscheint.

Aber ist nicht Musik oder die Kunst etwas, auf das wir in einer Situation wie der jetzigen am ehesten für mehrere Monate verzichten können?

Die Frage sollte nicht sein, ob man darauf am ehesten mehrere Monate verzichten kann. Das kann man – da ließe sich ein zeitlich absehbarer Zustand von ein paar Monaten mit staatlicher Unterstützung überbrücken. Wir sollten uns vielmehr jetzt der Frage stellen, bis zu welchem Zeitpunkt wir es wirtschaftlich verantworten können, einem gesamten Zweig die Arbeits- und Finanzierungsgrundlage zu entziehen. Welche Folgeschäden mit jeder weiteren Woche durch eingeschränkte Bewegungsfreiheiten, kurzfristig verlängerte Vorgaben und ein Leben in häuslicher Isolation entstehen. Darüber muss man sprechen. Es geht hier nicht ausschließlich um die Monate bis Ende August und Veranstaltungen, die bis dahin stattgefunden hätten. Es geht um die Zeit danach, für die sich bereits jetzt düstere Entwicklungen abzeichnen. Den Sommer haben wir verloren, jetzt müssen wir um die Monate danach kämpfen.

Was verliert der Mensch ohne Livemusik?

Kurzfristig Unterhaltung. Mittelfristig Freiheiten und Lebensfreude. Langfristig kulturelle Vielfalt und Angebote sowie einen großen Anteil der erstgenannten Punkte.

Ist es nicht gefährlich, Lebensbereiche zu vergleichen und (finanziell) auszuspielen?

Es ist verständlich, dass es hier unterschiedliche Sichtweisen und Prioritäten gibt. Natürlich ist mir die Zukunft meiner Branche besonders wichtig, ich verstehe aber auch, dass sie alles andere als systemrelevant ist. Sie ist jedoch wichtig für die Gesellschaft und unser Zusammenleben. Eine undifferenzierte Wertung und Stammtisch-Diskussionen über die Bedeutung von einzelnen Berufen bieten sich an, bringen uns aber nicht weiter. Sie würden nur wichtige Zeit verschwenden, die in Lösungsgedanken fließen sollte.

Viele Künstler treten jetzt in Livestreams auf, spielen Wohnzimmerkonzerte. Ist das eine gute Form, Kunst am Leben zu erhalten?

Es hilft den Menschen und Kunstschaffenden, mit dieser Situation umzugehen. Ich finde es gut, dass sie diesen Weg gefunden haben und es zeigt, dass wir alle im selben Boot sitzen. Auch wenn das Liveerlebnis nicht im geringsten vergleichbar mit einem Livestream ist, und diese Art der Konzerte nicht ansatzweise die finanzielle Lücke schließen können, stellt die Plattform eine enorm wichtige Möglichkeit für Sensibilisierung und Solidarisierung für diese Phase dar.

Wenn die Menschen jetzt mehr zuhause sind, hören sie doch aber auch mehr Musik. Und davon profitieren die Künstler über die Streaming-Plattformen. Oder nicht?

Das Hauptgeschäft für Künstler sind heute Liveauftritte, Einnahmen aus Merchandising und gegebenenfalls Sponsoring. Im Zuge des Verkaufrückgangs von Tonträgern sind Streaminganbieter mit ihren teilweise kostenlosen Angeboten für den Nutzer und außerordentlich breitem Musikangebot enorm wichtig geworden. Die Vergütungshöhe, für die manch Anbieter regelmäßig in der Kritik steht, fällt jedoch äußerst gering aus. Für Künstler, die keine Stadien füllen und zum „who is who“ der nationalen und internationalen Bühnen gehören, stellen die Erlöse nur eine äußerst geringfügige Einnahme dar.

Wen trifft die Corona-Krise besonders hart?

Man muss wissen, dass die Branche nicht dafür bekannt ist, dass sich große Rücklagen bilden lassen. Das Geschäft mit Veranstaltungen ist äußerst risikoreich, vor allem Großveranstaltungen in Arenen oder Open Airs retten ein Jahresergebnis oder machen es zunichte. Wer die Krise überstehen wird, hängt vor allem von der Liquidität und den finanziellen Rücklagen ab. Große Entertainment-Konzerne mit Aktiengesellschaften im Rücken werden es einfacher und komfortabler durch die Krise schaffen als kleine und mittelständische Unternehmen sowie Freiberufler. Genauso verhält es sich bei den Künstlern. Die ersten Fördergelder sind ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sollte es keine weitreichenderen finanzpolitischen Maßnahmen oder eine mittelfristige Perspektive für Veranstaltungen geben, wird es bei einem lang anhaltenden Ausnahmezustand alle kleinen und mittleren Beteiligten gleichermaßen zugrunde richten. Es ist nur eine Frage, wer zuerst und wer zuletzt aufgeben muss.

Wir sehen ja immer nur die Bands. Welche Gewerke sind noch von der aktuellen Situation betroffen?

Personal- und Logistikdienstleister, Bühnen- und Technikanbieter, Spielstätten, Cateringfirmen, Tourbus-Verleiher, Tourveranstalter, örtliche Veranstalter, Vorverkaufsanbieter und Theaterkassen, Lizenz-Gesellschaften, freiberufliche Bandtechniker und Tourpersonal, Merchandising- und Werbemittel-Dienstleister, Initiativen, die durch Liveauftritte unterstützt werden…

Wie wird sich das kulturelle Erlebnis nach Corona verändern?

Ich hoffe, dass der kulturelle Sektor eine größere Wertschätzung erfährt und denke, dass Menschen in diesen Tagen merken, welche Privilegien sie genießen. Ich freue mich auf den ersten Tag, an dem wir einen Weg aus dem Zustand gefunden haben und ich bin mir mehr als sicher, dass die zurückgewonnenen Freiheiten unermesslich gefeiert werden – schwitzend im Moshpit mit kalten Getränken.

Wenn du Bundeskanzler wärst, was würdest du heute wieder erlauben?

Unsere Luxusangebote müssen warten. Wir müssen der Gesellschaft Möglichkeiten geben, sich auszutauschen und einen Weg aus der Isolation zu finden. Ich empfinde diese schwere Situation als größte Chance für ein stärkeres Miteinander. Sich einander zuzuhören und gemeinsam hier durch zu bringen, wie ich es in diesen Wochen innerhalb der Veranstaltungsbranche auf beruflicher und privater Ebene erlebe. Jeder hat seine eigenen Probleme, der Auslöser ist jedoch für alle gleich. Was für eine Gelegenheit auf einen offenen, rücksichtsvollen und direkteren Umgang! Ich würde Gemeinschaftsangeboten, Kinder- und Jugendarbeit, Senioren-Betreuung und Hilfseinrichtungen ermöglichen, ihre Arbeit mit entsprechenden Vorkehrungen wieder aufzunehmen. Das ist aktuell so viel wichtiger, als jedes Konzert oder Festival es sein könnte.

Zur Person:

Christian Meyer ist seit 2011 für die Agentur „Hamburg Konzerte“ in der Programmgestaltung, Organisation und Durchführung von Konzerten und Open Air Veranstaltungen unterschiedlichster Größenordnungen tätig. Aufgewachsen in Selsingen und Rotenburg, wirkte Meyer von 2006 an beim Online-Magazin Row-People.de mit und war über mehrere Jahre federführend für die Durchführung der „Local Heroes“-Bandwettbewerbe und des „Erntefest All Over“ bis zu dessen Ende im Herbst 2018 zuständig. Der 31-Jährige lebt und arbeitet in Hamburg.

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