60.000 Impfungen im Kreis Rotenburg

Experte warnt vor zu langsamer Booster-Impfkampagne

Ampullen mit Impfstoff
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Es muss einfach mehr geimpft werden. Und zwar nicht nur die Menschen, die immer noch nicht erst- oder zweitgeimpft, sondern auch und vor allem diejenigen, deren Immunisierung langsam nachlässt, sagen Experten.

Lungenfacharzt Professor Tom Schaberg geht mit dem Impffortschritt auch im Landkreis hart ins Gericht. Das, was gerade beim Thema Boostern geleistet wird, reicht nicht aus, sagt er. Es sei keine Zeit mehr zu verlieren. Maßnahmen wie einen Lockdown schließt er nicht aus.

Rotenburg – Auch im Landkreis Rotenburg wird man nicht alle Menschen davon überzeugen können, dass eine Impfung hilft. Die Skepsis bleibt bei einem Prozentsatz der Bevölkerung, ob Biontech und Co. gegen die Pandemie helfen. „Unverständlich“, sagen die wissenschaftlichen Experten. Es müsste stattdessen auch vor Ort aktuell noch viel mehr und viel schneller weiter geimpft werden.

Professor Tom Schaberg gehört zu denen, die mehr Tempo fordern. Der ehemalige Chefarzt des Zentrums für Pneumologie im Diakoniekrankenhaus Rotenburg und Spezialist für infektiöse Lungenerkrankungen ist gerade erst wieder vom Robert-Koch-Institut für drei Jahre in den 14-köpfigen Expertenbeirat „Pandemische Atemwegsinfektionen“ berufen worden. Er blickt mit Sorge auf die Corona-Entwicklung, die den Landkreis zwar im bundesweiten Vergleich immer ganz gut hat aussehen lassen, aber auch hier schon bald zu viel größeren Problemen führen könnte – auch mit Blick auf die noch ungewisse Entwicklung der Omikron-Variante. Wird die Coronavirus-Verbreitung auch durch Menschen, deren Impfschutz nachlässt, noch einmal beschleunigt, „ist zu erwarten, dass unser Gesundheitssystem den Belastungen nicht mehr wird standhalten können. Die Grenzen der Belastbarkeit sind im Süden ja bereits jetzt erreicht.“

Was hilft aus Schabergs Sicht: boostern. Den Impfschutz der bereits doppelt Geimpften auffrischen, idealerweise dann auch noch die weiter Ungeimpften erreichen. Schaberg: „Die sehr hohen Antikörperspiegel, die durch die Booster-Impfungen entstehen, erzeugen eine hohe persönliche Schutzwirkung sowohl gegen Delta als auch gegen Omikron. Sie schützen bereits nach einer Woche massiv besser vor einer Ansteckung und Weiterverbreitung der Viren. Daher werden die Booster-Impfungen, wenn ausreichend viele Menschen zum dritten Mal geimpft sind, helfen, die Infektionszahlen nach einigen Wochen deutlich zu reduzieren.“

Vor allem das Land Niedersachsen, aber auch der Kreis Rotenburg müssen die Impfkampagne jetzt endlich dramatisch beschleunigen. Auch wenn das Tempo jetzt langsam anzieht, ist die Diskrepanz zu dem, was geleistet werden muss, unübersehbar. Es ist jetzt nicht mehr die Zeit für lange Diskussionen.

Professor Tom Schaberg

68,1 Prozent der Menschen im Landkreis sind durchgeimpft, heißt es vom Landkreis. Die rund 2. 100 Menschen in den 31 vollstationären Pflegeeinrichtungen der Region seien zudem bis Ende der Woche „durchgeboostert“. Die Kassenärztliche Vereinigung spricht am Dienstag in einer Pressemitteilung von einem „Impfrekord“, den die Haus- und Fachärzte als „wichtigste Säule der Impfkampagne“ trotz der „von der Bundesregierung geschaffenen Umstände“ erreicht hätten. Die Impffrequenz steige kontinuierlich. Im Landkreis, heißt es, haben die Ärzte bereits 13. 144 Drittimpfungen verabreicht. Die drei mobilen Impfteams des Landkreises zudem 2. 512.

Ein Impfrekord? Für Schaberg ist das viel zu wenig. Die Nationale Akademie der Wissenschaften habe am Wochenende dringend geraten, dass zur Eindämmung der aktuellen Coronawellen bis Ende des Jahres 60 Prozent der bereits Durchgeimpften ihren dritten Piks erhalten. Im Landkreis sind das laut Schaberg mindestens 60 000 Menschen. Wären Praxen und Impfteams durchgehend aktiv, bräuchte man für dieses Ziel im Kreis in den kommenden fünf Wochen mehr als 1 700 Booster-Impfungen täglich – und bei nur fünf Einsatztagen sogar 2 400.

Ein neues Impfzentrum?

Offensichtlich sei, dass es „beträchtlicher Anstrengungen bedarf, um die Drittimpfungslücke zu schließen“ und das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren. „Ohne eine Wiedereröffnung des Impfzentrums und ohne eine massive Ausweitung täglicher dezentraler Impfungen und die Einrichtung von lokalen Impfstraßen wird dies absehbar nicht gelingen“, sagt Schaberg. Vom Landkreis heißt es, „zusammen mit den niedergelassenen Ärzten“ wolle man „das Impfangebot noch weiter steigern“. Unter der Voraussetzung, dass der Bund genügend Impfstoff zur Verfügung stellt, seien von den mobilen Impfteams bis Ende des Jahres mehr als 10 000 Impfungen geplant. Eine Wiedereröffnung des Zevener Impfzentrums sei aber nicht möglich – das sei „komplett abgewickelt“.

Parallel zum höheren Impftempo fordert Schaberg entschlosseneres Handeln der Verantwortlichen. „Gefragt ist in dieser Notlage jetzt vor allem eine konsequente politische Führung, die die Aktivitäten mit aller Macht vorantreibt, bündelt und überwacht. Dies vermisse ich zurzeit auf allen Ebenen sehr schmerzlich.“ Das könnten auch bereits bekannte staatliche Maßnahmen sein, zu denen man sich in Berlin beim Gipfeltreffen am Dienstag noch nicht durchringen konnte: „Wir werden so schnell wie möglich eine starke Einschränkung der persönlichen Kontakte brauchen. Konkret befürchte ich, dass wir schon in Kürze um neue strikte Lockdown-Maßnahmen nicht herumkommen werden.“ Gehandelt werden müsse sofort. Es dürfe nicht sein, „dass wir bei den ausreichend vorhandenen Impfstoff-Ressourcen, wobei Moderna und Biontec vollkommen gleichwertig sind, die Booster-Impfkampagne durch Untätigkeit gegen die Wand fahren. Die Folgen wären dramatisch.“

Impfdurchbrüche in fünf Pflegeheimen

81 neue Coronafälle und einen weiteren Todesfall im Zusammenhang mit der Pandemie hat der Landkreis am Dienstag gemeldet. Die Zahl der aktuell Infizierten liegt den Angaben nach in der Region bei 453. Fünf von ihnen werden im Krankenhaus behandelt. Auf den beiden Intensivstationen des Landkreises werden aktuell zwei Covid-Patienten behandelt, heißt es vom Robert-Koch-Institut. 26 Intensivbetten gibt es im Kreis. Als nunmehr 103. Covid-Todesfall im Landkreis gilt eine 100-jährige Frau aus der Samtgemeinde Zeven. Sie ist den Angaben nach am Dienstag in der Ostemed-Klinik Bremervörde gestorben.

63 der aktuell neu gemeldeten Fälle betreffen Menschen unter 60 Jahren, 17 davon Kinder und Jugendliche unter 20. Aber auch Seniorenheime sind im Kreis vor allem von Impfdurchbrüchen betroffen: Am Montagabend waren es fünf Pflegeeinrichtungen im Kreis, in denen 27 Bewohner oder Mitarbeiter positiv getestet wurden. Kreissprecherin Christine Huchzermeier: „Zurzeit gibt es glücklicherweise keine schwereren Krankheitsverläufe in Alten- und Pflegeheimen, die auf eine Coronainfektion zurückzuführen sind.“ Die Sieben-Tage-Inzidenz lag am Dienstag bei 149.

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