Thementage: Interview mit Inge Hansen-Schaberg über „Zukunft Heimat“

Exilforscherin: Heimat ist ein Bezugspunkt

Inge Hansen-Schaberg ist Exilforscherin. Heimat spielt bei diesem Thema eine große Rolle.
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Inge Hansen-Schaberg ist Exilforscherin. Heimat spielt bei diesem Thema eine große Rolle.

Rotenburg – Auf ein Neues: Zum Jahreswechsel starten wir wieder unsere Thementage. Der Titel diesmal: „Zukunft Heimat“. Es ist gar nicht so einfach, sich dem Begriff Heimat zu nähern. Antworten auf die Frage, was Heimat ist und für uns bedeutet, fallen sehr individuell aus. Dabei ist festzustellen, dass es in den Antworten darauf sehr oft um den Ort geht, in dem die Menschen zur Welt gekommen und wo sie aufgewachsen sind. Zum Auftakt haben wir Professorin Inge-Hansen Schaberg ein paar Fragen dazu gestellt. Die Rotenburgerin ist unter anderem als Exilforscherin bekannt.

Frau Hansen-Schaberg, als Exilforscherin wissen Sie um viele Probleme, die die Migration mit sich bringt. Inwieweit begegnen Ihnen bei Ihrer Arbeit Fragen zum Begriff Heimat?

Wir müssen unterscheiden zwischen Migration zum Beispiel wegen besserer Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten und erzwungener Migration. Besser gesagt, Flucht und Exil, um das Leben zu retten. Im ersten Fall wird die Heimat freiwillig und eventuell vorübergehend für eine bestimmte Zeit verlassen, aber immer mit der Option der Rückkehr. Im zweiten Fall muss versucht werden, in einem fremden Land eine neue Existenz aufzubauen, meist ohne die Möglichkeit der Remigration.

Wie beschreiben Sie den Begriff Heimat, und welchen Stellenwert hat sie für jeden von uns?

Was unter dem Begriff Heimat zu verstehen ist, unterscheidet sich sicher vielfältig. Es hat aber immer etwas mit dem familiären, sozialen, kulturellen und geschichtlichen Umfeld und mit der Landschaft zu tun, in der jemand aufwächst. Wenn dieser Sozialisationsprozess zu einer Identifikation mit dem Ort und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern führt, kann man das Beheimatetsein nennen.

Was bedeutet Heimat für eine Gesellschaft – innerhalb des Landes, aber auch innerhalb einer Kommune, ganz gleich ob in der Stadt oder auf dem Land?

Heimat ist ein Bezugspunkt. Sie kann Orientierung und Sicherheit geben. In Städten kann das auf den Stadtteil, auf dem Land auf die Region oder das Dorf bezogen sein.

Wer sich entscheidet, seine Heimat zu verlassen, lässt sehr viel zurück, im Gepäck trägt er aber Hoffnung mit sich. Was kennzeichnet diese Hoffnung?

Es ist immer die Hoffnung auf Rückkehr im Gepäck, also dass es nur ein Abschied auf Zeit ist.

Welche Teile dieser Hoffnung lassen sich erfüllen?

An dem neuen Ort wird versucht, ein Stück der verlassenen Heimat zu bewahren, alte Verbindungen und neue zu anderen im Exil Lebenden aufrechtzuerhalten, Erinnerungen auszutauschen, Traditionen zu pflegen, zum Beispiel an Feiertagen, Koch- und Essgewohnheiten festzuhalten.

Welche nicht?

Falls eine Rückkehr oder zumindest ein Besuch irgendwann möglich sein sollte, wird es nicht der Ort sein, den man verlassen hat, weil dort eventuell schreckliche Dinge passiert sind, weil geliebte Menschen nicht mehr leben und auch die Exilierten sich im Laufe der Jahre verändert haben. In einem Gespräch mit Henry Leichter, Anwalt für Internationales Recht, der als Jugendlicher aus Wien 1938 flüchten musste und dessen Mutter im KZ Ravensbrück ermordet wurde, erklärte er mir, dass ihn die Sehnsucht immer wieder nach Wien treibe. Jedoch kaum angekommen, möchte er abreisen, um dann zurück in New York gleich wieder Reisepläne zu schmieden. Er ist ruhelos auf der vergeblichen Suche nach der Heimat seiner Kindheit.

Was kann, was muss eine Gesellschaft tun, um Zugezogenen so etwas wie Heimat bieten zu können?

Ich denke, dass in einer Gesellschaft Offenheit und Akzeptanz notwendig sind, also dass eine Willkommenskultur gepflegt wird. Zudem hängt es von den Möglichkeiten zur Partizipation ab, also ob eine Arbeit und Wohnung gefunden wird, ob die Landessprache erlernt wird, ob Kontakte geknüpft werden können und ein kultureller Austausch stattfinden kann.

Warum klappt das vielerorts nicht?

Es sind viele Faktoren zu nennen: Berührungsängste, Angst vor dem Fremden und vor „Überfremdung“, mangelnder Integrationswille auf beiden Seiten, Angst vor möglicher Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, sozialer Neid, Hass.

„Zukunft Heimat“ ist der Titel unserer Thementage. Welche Zukunft hat Heimat?

Heimat hat Zukunft, wenn sie nicht statisch, also unveränderbar verstanden wird, sondern Einflüsse von außen aufgenommen werden und Menschen, die neu hinzukommen, und ihre Kultur als Anreicherung und Chance zur Weiterentwicklung gesehen werden. Das einfachste Beispiel dafür ist kulinarischer Art. Wo wären wir ohne die internationale Küche, die sich durch Migration nach Deutschland entfalten konnte?

Welchen Einfluss hat die zunehmende Globalisierung auf das, was wir Heimat nennen?

Auf der einen Seite stellt Heimat so etwas wie eine Insel der Geborgenheit in der globalisierten Welt dar, auf der anderen Seite öffnen sich vielfältige Möglichkeiten, eben diese Heimat einzutauschen gegen vielfältige Angebote, sich in der Welt zu Hause zu fühlen.

Gewinnt Heimat also gerade im Zuge dieser Globalisierung an Bedeutung?

Das ist sicher individuell sehr verschieden und auch abhängig von der sozialen und wirtschaftlichen Lage, ob man zum Beispiel überhaupt reisen kann.

Welche Gefahren verbergen sich aber genau dahinter?

Wenn die Globalisierung dazu führt, dass so etwas wie Sesshaftigkeit verloren geht, regionale kulturelle Besonderheiten nivelliert werden oder einen Bedeutungsverlust erleiden, wird ein Gefühl von Heimatlosigkeit entstehen.

Wer in den Geschichtsbüchern blättert, stellt fest, dass der Begriff Heimat auch zum Missbrauch taugt. Wo liegt da genau die Grenze, und welcher Nährboden sorgt für diese Grenzüberschreitung?

Hass und Fremdenfeindlichkeit führen zur Abschottung und zu vermeintlicher Heimatliebe. Das schrecklichste Beispiel haben wir in der NS-Zeit erlebt, wo Heimat ideologisch über „Blut und Boden“ definiert wurde und zum Ausschluss von politisch Oppositionellen und jüdischen Menschen, von Angehörigen anderer Ethnien und Religionsgemeinschaften und von Homosexuellen führten. Sie wurden als „undeutsch“ verfolgt, vertrieben und ermordet. Dieser Nährboden gärt leider immer noch und entlädt sich zurzeit wieder in der Abwehr von Flüchtlingen, in Gewalt und in kruden Verschwörungsmythen.

Was bedeutet Ihnen selbst eigentlich Heimat, was verbinden Sie damit?

Für mich ist Heimat zum einen der Ort, an dem ich aufgewachsen bin und dessen Landschaft mich geprägt hat. Zum anderen kommen zwei Orte hinzu, die identitätsstiftend gewesen sind. Da ist zuerst Berlin zu nennen, wo Bildungserfahrungen, wichtige persönliche Begegnungen, politische Lernprozesse und Teilhabe an kulturellen Leben zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensweg und zu Entscheidungen geführt haben. Und dann ist es seit über 20 Jahren Rotenburg, weil ich hier Freundschaften geschlossen habe, viele Jahre im Vorstand und Aufsichtsrat der Schulgenossenschaft Eichenschule tätig war und mich jetzt für die Belange der Cohn-Scheune engagieren kann und außerdem die täglichen Spaziergänge mit unserer Airedaleterrier-Hündin in der wunderschönen Landschaft genießen darf.

Darf man eigentlich auf seine Heimat stolz sein?

Ja, wenn in dieser Heimat alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen friedlich miteinander leben dürfen. Und wenn wir alle an unserem jeweiligen Platz versuchen, dazu beitragen, die Klimakatastrophe abzuwenden und die Natur und Kultur zu erhalten.

Was kann jeder Einzelne von uns dafür tun, dass Heimat eine Zukunft hat?

Heimat braucht keine Zukunft, sondern jeder Einzelne braucht eine Zukunft! Es geht darum, soziale Verhältnisse zu schaffen, in denen die Menschenrechte aller beachtet werden, und Perspektiven zu entwickeln, wie mit den begrenzten Ressourcen sorgsam umgegangen werden kann.

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