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9-Euro-Ticket: Der Ansturm im Nahverkehr kommt später

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Von: Andreas Schultz

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Das 9-Euro-Ticket, Rotenburger Bahnhof im Hintergrund
Das 9-Euro-Ticket ist da. Die Fahrgäste am Rotenburger Bahnhof freut’s einerseits, andererseits stellt das Ticket die Anbieter des öffentlichen Nahverkehrs wie Metronom vor Herausforderungen. © Schultz

Misst man den Sturm auf das 9-Euro-Ticket allein am Fahrgastaufkommen des Rotenburger Bahnhofs, dann fällt er zumindest verhalten aus. Die Metronom Eisenbahngesellschaft spricht am ersten Tag mit dem neuen Ticket von höherer Auslastung der Züge, zum Teil 100 Prozent, allerdings bleibt es beispielsweise bei der Fahrt von Rotenburg nach Bremen und zurück eher ruhig.

Rotenburg – Etwas ist anders als gewohnt. Ein langer Güterzug mit zahllosen Containern steht mitten im Bahnhof – entsprechend verwundert kratzt sich ein Fahrgast an Gleis vier am Kopf. Er dreht wieder um: Der Zug Richtung Verden um 7.06 Uhr fährt heute mal von Gleis sechs. Der Mann springt pünktlich ins Abteil, der Lokomotivführer schaut wenig später noch einmal prüfend aus dem Fenster, ob noch wer kommt, klappt es geräuschvoll zu und der Zug fährt ab. Zwei Fahrgäste im vorderen Waggon. Wenn es wegen des 9-Euro-Tickets einen großen Ansturm im Pendlerverkehr gibt, dann bleibt der Rotenburger Bahnhof davon verschont.

Claus-Dieter Thiele fährt Bürgerbus
Claus-Dieter Thiele fährt Bürgerbus – eine große Steigerung der Fahrgastzahlen sieht er zum Tag des 9-Euro-Ticket-Starts aber nicht. © Schultz

Schon mittags zeigt sich: Die Auslastung der Bahnstrecken ist stark unterschiedlich. Die Fahrgastzahlen in den Zügen, mit denen die Metronom Eisenbahngesellschaft in Niedersachsen fährt, bleiben „meistens normal“, sagt Simon Mertens aus der Pressestelle. „Wir hatten auch welche dabei, die bei hundertprozentiger Auslastung waren. Aber das ist kein Problem, das meiste verläuft sich unterwegs an den Bahnhöfen. Außerdem kennen wir das von Großveranstaltungen – unsere Teams sind auf solche Situationen vorbereitet.“ Auch im kleineren Maßstab bemerkt man die Auswirkungen des 9-Euro-Tickets: Claus-Dieter Thiele steuert den Rotenburger Bürgerbus an diesem Nachmittag. Nach der ersten Tour sagt er: „Wir hatten ein bisschen mehr, aber meist bleibt es doch bei unseren Fahrgästen mit Schwerbehindertenausweis.“ Die beste Zeit für den Verkauf der 9-Euro-Tickets sieht er im Rückspiegel: Der Vorverkauf lief gut, heute spuckte der Fahrscheindrucker aber nur eins aus.

Die Fahrt mit dem Metronom von Rotenburg nach Bremen ist eine ruhige. Zehn Leute in einem Waggon im unteren Teil, 12 im nächsten. Es bleibt entspannt, bis der Zug um 10.06 Uhr in Bremen einfährt. Eine typische Zugfahrt eben: Vorbeirauschende Landschaft, beim Öffnen der Tür zwischen den Abteilen lärmt es, nach dem Halt am Bahnhof springt ein Kind in die Arme seiner Mutter. Laut Metronom ist dieser Teil der Strecke in der Regel zwischen 20 und 30 Prozent ausgelastet. Heute sind es laut der beiden mitfahrenden Fahrgastbetreuer ein paar mehr Menschen, aber dieses Mehr ist überschaubar. „Wir haben den Eindruck, dass wir mehr Tagestouristen haben als sonst“, sagt die Fahrgastbetreuerin. Beide wollen namentlich nicht genannt werden, ihr Kollege fügt aber hinzu, dass auch ein paar Schulklassen mit 9-Euro-Ticket unterwegs sind, aber es sei eher entspannt. Und wie wird es Pfingsten? Beide stöhnen auf, wegwerfende Handbewegungen. Am Wochenende sei immer viel los, noch mehr, wenn ein Feiertag ansteht, auch ohne 9-Euro-Ticket.

Wir sind nicht in Sorge, aber mindestens gespannt.

Metronom-Pressesprecher Simon Mertens zu den Fahrgastzahlen am kommenden Wochenende

Auch die Pressestelle selbst rechnet mit dem eigentlichen Ansturm erst mit Ende der Woche. „Wir sind nicht in Sorge, aber mindestens gespannt“, sagt Mertens. Er bittet alle, die über Pfingsten eine Zugfahrt planen, die Mitnahme des Fahrrads zu überdenken und stattdessen Leihangebote am Zielort wahrzunehmen. Wenn es hart auf hart kommt, habe die Personenbeförderung Vorrang vor dem Fahrradtransport. Auf vielen Strecken gebe es Möglichkeiten, dem Ansturm mit größerem Wagenangebot zu begegnen, oder auch mal zwei Züge aneinanderzukoppeln, mehr Fahrten anzubieten. Zwischen Bremen und Hamburg fällt das allerdings alles weg: Dort fahren die Züge jetzt schon mit der Maximalzahl von sieben Waggons – wären es mehr, könnten Fahrgäste aufgrund kurzer Bahnsteige nicht bei allen Wagen ein- und aussteigen. Und das bleibt nun mal ein Muss: „Die Sicherheit geht vor“, sagt Mertens. Wer gemütlich reisen möchte, dem empfiehlt die Pressestelle, außerhalb der Stoßzeiten zu fahren: An Wochenenden gehe es erfahrungsgemäß für die meisten etwa so ab 9 Uhr los, so Mertens.

Drei Fragen an den Vorsitzenden des Rotenburger Bürgerbusvereins Gebhardt Cordes

Kaum ist das 9-Euro-Ticket da, gibt es auch schon Verwirrung. Für viele scheint das Angebot, für einen derart geringen Fahrpreis einen Monat lang deutschlandweit den Nahverkehr nutzen zu können, wohl einfach zu gut zu klingen. Das führt dazu, dass Fragen zur Gültigkeit aufkommen. Gilt es im Bürgerbus? Und wie geht der überhaupt damit um, wenn Fahrgäste mit einem andernorts bezahlten Fahrschein bei den ehrenamtlichen Fahrern auftauchen? Wir haben mal bei Gebhardt Cordes nachgefragt. Er leitet den Bürgerbusverein Rotenburg.

Herr Cordes, einfach mal zur Klarstellung: Gilt das 9-Euro-Ticket bei Ihnen und Ihren Kollegen im Bürgerbus?

Natürlich gilt das auch bei uns. Wir gehören zum öffentlichen Nahverkehr und darauf ist das Ticket ausgelegt. Die Fahrscheine haben bei uns nicht nur Gültigkeit, wir verkaufen sie auch.

Wie ist die Nachfrage – einerseits in Sachen Ticketverkauf, andererseits an den Busfahrten, jetzt, wo das 9-Euro-Ticket da ist?

Der Verkauf läuft recht gut bei uns. Wir haben jetzt die erste Schicht damit hinter uns, und man merkt schon sehr deutlich: Mehr Leute steigen zu. Mitunter könnte dabei auch ein Problem auf uns zukommen, wenn mehr als acht Fahrgäste mitfahren wollen, denn unsere Fahrzeuge sind nur auf acht Personen ausgelegt. So viele dürfen dann auch nur mitfahren. Es kann also auch schon mal passieren, dass wir jemanden an der Haltestelle stehen lassen müssen.

Wenn jemand mit einem vorher erworbenen 9-Euro-Ticket zusteigt, verliert der Verein dann nicht die Einnahmen in Höhe der 2,20 Euro, die normalerweise fällig werden?

Das ist richtig. Man muss aber auch bedenken, dass wir selbst das Ticket auch verkaufen und das gleicht das schon ein Stück wieder aus. Es ist also nicht ganz so tragisch. Darüber hinaus fahren 35 bis 40 Prozent unserer Fahrgäste mit Schwerbehindertenausweis, also ohnehin kostenlos. Außerdem wissen wir, dass der Landkreis und die Stadt uns unterstützen, wenn es in der Not mal mit dem Tanken zu teuer wird.

Die Gründe dafür, dass Menschen die günstige Mobilität wahrnehmen, sind vielfältig: Angela Körner zum Beispiel holt sich das 9-Euro-Ticket am Mittwochmorgen, weil sie am Wochenende noch zu einem Konzert in Hamburg will. „Außerdem kann ich auch öfter mal meine Söhne in Bremen besuchen“, sagt die Rotenburgerin. Ein anderer Fahrgast aus Rotenburg, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, verlässt heute mal das Homeoffice, um bei einer Konferenz in seiner Firma in Bremen teilzunehmen. „Da ist das 9-Euro-Ticket die günstigste Variante“, sagt der IT-Spezialist. Für den Rotenburger Stefan Krautwasser geht es mit dem frisch erworbenen Ticket erst mal zur nächsten Sitzung des DFB-Dachverbands in Wernigerode. Der Fanbeauftragte des RSV freut sich zudem auf die Ausflugsfahrten mit seiner Mutter, die beide nach Hamburg und an die Nordsee führen werden. „So fahren wir zwar länger, aber sehen auch was von der Landschaft“, sagt er.

Bei der Anfahrt wirken die G-Kräfte. Drei junge Frauen, die sich gerade kichernd auf der Suche nach einer gemeinsamen Sitzgelegenheit durchs Abteil schlängeln, werden durchgeschüttelt, als der Zug ruckelnd das Gleis wechselt. Bei der Fahrt von Bremen zurück nach Rotenburg ist schon deutlich mehr los. Hier und dort sind noch vereinzelt Plätze frei, ansonsten ist es aber wieder wahrzunehmen, das akustische Gemisch von maskengedämpften Gesprächen, Kinderlauten, Fahrzeugrauschen und dem Geklapper von Gepäckstücken, die unter Ächzen eine Treppe hinauf gehievt werden. Der 10.33-Uhr-Zug ist gefüllt – sicher nicht voll, aber trotzdem setzen sich einige Fahrgäste schon auf Taschen in den Gang.

Mann steht auf Gleis und beobachtet den einfahrenden Zug, wenige Menschen im Hintergrund
Der Ansturm wegen des 9-Euro-Tickets bleibt aus - zumindest am Mittwochmorgen auf dem Bahnhof in Rotenburg. © Schultz, Andreas

„Wie viele davon jetzt auch ohne 9-Euro-Ticket hier wären, das ist jetzt die Frage“, sagt eine Fahrgastbetreuerin. Belastbares Zahlenmaterial gibt es noch nicht, auch Metronom kann nur Aussagen über die ungefähre Auslastung treffen. Sicher ist: Mehr Leute sind unterwegs. Auch sprechen mehr Menschen in diesen Tagen Jessica Zeaiter an. Sie verkauft in der Service-Stelle am Rotenburger Bahnhof Tickets – und der besondere Fahrschein ist schon seit vorletzter Woche bei vielen Kunden von großem Interesse. Auch am ersten Gültigkeitstag stellt sie immer wieder die 9-Euro-Tickets aus, dabei ginge es theoretisch auch am Automaten um die Ecke – Metronom hat einen großen Button auf die Startbildschirme gelegt, ein Klick darauf und man darf bezahlen. „Viele sagen, sie kommen mit dem Automaten einfach nicht zurecht“, begründet Zeaiter das Interesse an ihrer Dienstleistung. Und: Ein Automat beantwortet nicht die Fragen, mit denen viele Bürger, auch ältere, immer wieder zu ihr kommen.

Den großen Ansturm auf die Fahrscheinmaschinen am Rotenburger Bahnhof gab es übrigens auch nicht. Aber wer weiß, wie das am Wochenende aussehen wird.

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