Nicole Jäger liest am Donnerstag aus ihrem Buch „Die Fettlöserin“ im Wachtelhof

Essend abnehmen

„Verlierer geben auf, wenn sie scheitern. Gewinner scheitern so lange, bis sie siegreich sind“, sagt Nicole Jäger, die am Donnerstagabend im Wachtelhof das Buch ihres Lebens- und Leidensweges vorstellen wird.

Rotenburg - Von Bettina Diercks. Nicole Jäger aus Hamburg war mit Mitte 20 mit 340 Kilogramm einmal die drittschwerste Frau der Welt. Sie zog sich mit Selbstliebe, viel Willen und Humor aus der erkannten Misere und nahm bisher mehr als 170 Kilogramm ab. „Die Fettlöserin“, wie sie sich selbst nennt und wie auch der Titel ihres Buches lautet, liest am Donnerstag ab 19 Uhr im Rotenburger Landhaus Wachtelhof. Vorab stellt sie sich ein paar Fragen.

Frau Jäger, wie geht es Ihnen und was wiegen Sie heute?

Nicole Jäger: Mir geht es, gerade im Vergleich zu damals, enorm gut, und das, obwohl ich noch gute 168 Kilogramm auf die Waage bringe. Ein Witz im Vergleich zu dem, was ich einmal gewogen habe,

Was war Ihr Schlüsselerlebnis, um Ihren vielen Kilos den Kampf anzusagen?

Jäger: Angefangen irgendwas oder -wem den Kampf anzusagen habe ich schon viele Jahre, bevor es fast zu spät war. Ich war mein Leben lang auf Diät. Eines morgens dann, ich war Mitte 20, saß ich in meinem Bett und dachte, ich hätte einen Herzinfarkt. Ich wog 340 Kilogramm und dachte: Jetzt ist es passiert. Ich habe so lange so viel gegessen, dass ich an meinem Gewicht sterbe.

Wie sahen Ihre erste Schritte aus, als Sie sich für das Abnehmen entschieden haben?

Jäger: Viel mehr ging es darum, endlich einen Weg zu finden, der richtig ist und der zu mir passt. Wenn man mehr als 300 Kilogramm wiegt und schon alle Diäten und Kuren durch hat, ist man erst einmal verzweifelt und steht wie Ochs vorm Berg vor der Frage, was man denn nun machen soll. Ich habe erst einmal eine ganze Weile geheult und gedacht, dass ich das niemals schaffen werde. Immerhin hat man mir das ja auch immer wieder gesagt. Mein erster Schritt hieß dann: Ehrlichkeit. Eine ganz ehrliche Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes. Was wiege ich? Wie geht es mir wirklich? Wie sehe ich aus? Was sind meine Beschwerden? Dann habe ich angefangen, aufzuschreiben, was ich esse und trinke. Ich habe angefangen, im Kleinen was zu ändern. Vier Brötchen statt Fünf. Zwei Mahlzeiten statt nur einer unkontrollierten. Meine Anfänge waren nicht glamourös, sondern eher verzweifelt und sauschwierig.

Weshalb raten Sie zum Essen und nicht zu Diäten?

Jäger: Kennen Sie einen einzigen Menschen, der mit einer Diät viel abgenommen und das dann wirklich langfristig gehalten hat? Sehen Sie, ich auch nicht. Man muss sich am Anfang eines jeden Weges die Frage stellen: „Will ich das, was ich dafür machen muss, um an mein Ziel zu kommen, für den Rest meines Lebens machen, Ja oder Nein?“ Und wenn die Antwort auf diese Frage „Nein“ lautet, dann sollten Sie nicht damit anfangen, denn es wird Ihnen um die Ohren fliegen. Essen ist und bleibt etwas Tolles. Genuss und Sinnlichkeit. Das wegzunehmen, nur weil man dann weniger wiegt, funktioniert nie auf Dauer, und alles was nicht auf Dauer ausgelegt ist, wird scheitern. Daher müssen Menschen, die abnehmen wollen, essen statt zu hungern.

Was war das Wichtigste bei Ihrem Prozess?

Jäger: Die gnadenlose Ehrlichkeit mir und anderen gegenüber. Oh, und dass ich meinen Humor nicht verlor. Abnehmen ist ein sehr ganzheitlicher Prozess, und festzustellen, dass ich essen muss statt hungern, dass ich Fehler mache, dass das vollkommen okay ist und dass ich nicht perfekt sein muss, war eine der wichtigsten Erfahrungen. Sehen wir davon ab, dass ich irgendwann wieder laufen konnte und heute ein Leben habe!

Wie haben Sie die Lust aufrecht erhalten, nicht aufzugeben und weiterzumachen?

Jäger:  Welche Lust denn? Ich bin noch nie morgens aufgestanden und dachte: „Geil! Jetzt erst einmal zum Sport und dann kümmere ich mich um mich und meine Ernährung und arbeite noch ein bisschen an meinem Selbstwert.“ Ich habe nicht jeden Tag Bock abzunehmen. Wer hat das schon? Motivation ist ein riesen Arschloch. Ich weiß einfach, dass es sich lohnt. Ich habe ein Ziel vor Augen, und dieses verfolge ich auf Teufel komm’ raus. Weil ich es kann und weil ich mir endlich genug wert bin. Ich liebe mich und bin der Meinung, dass ich noch lange hier sein will. Also bekomme ich meinen Hintern hoch und tue etwas. Weil am Ende der ganzen Plackerei jedes Mal aufs Neue etwas steht, dass ich mit keinem Geld der Welt in diesem Maße kaufen kann: Lebensqualität.

Auch andere Menschen versuchen, sich viel Wissen anzueignen, um abzunehmen und scheitern dennoch. Was glauben Sie, unterscheidet Sie von Ihnen?

Jäger:  Man muss sich fragen, „Warum bin ich es mir augenscheinlich nicht wert, mich ausreichend um mich zu kümmern?“ Ihnen bringt das beste Wissen über Ernährung nichts, wenn es am Selbstwert mangelt.

Was hat Sie motiviert, was deprimiert, verletzt in den vergangenen sieben Jahren?

Jäger: Jeder Tag, der besser war als der davor, motiviert. Das erste Mal wieder rausgehen. Das erste Mal ohne Gehhilfe gehen. Der erste Tag, an dem es okay war, nicht aufzuessen. All sowas. Deprimieren tun mich vor allem Plateaus (Gewichtstillstand, Anm. d. Red.) und das ewig gleiche Gequatsche von anderen Menschen. Leute sind der Meinung so kluge Dinge zu sagen wie „Wenn sie weiß, wie es geht, wieso ist sie dann noch fett?“ ungeachtet der Tatsache, dass Abnehmen Zeit braucht. Das geht mir höllisch auf den Sack.

Was war das Schwerste in der Zeit?

Jäger: Sie ist ja noch nicht vorbei, und das ist manchmal das Schwerste. Nicht die Geduld zu verlieren und nebenbei schwachsinnige Kommentare wegzulächeln. Manchmal ist es einfach nur ein verregneter Montagmorgen, an dem ich keine Lust habe, zum Sport zu gehen.

Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen sieben Jahre?

Jäger: Wenn Ihnen jemand sagt, Sie können es in keinem Fall schaffen: Glauben Sie ihm nicht eine Sekunde lang, er lügt!

Was haben Sie am meisten schätzen gelernt?

Jäger: Das Leben und mich. Die Liebe zu mir selbst und das Gefühl von Lebensqualität sind einfach die beiden besten Komponenten. Und dass ich heute darüber hinaus anderen helfen und sie zum Lachen bringen darf, ist das allergeilste.

Welchen Tipp haben Sie für Ihre Leser im Gepäck?

Jäger: Immer schön locker durch die Hose atmen. Wenn man schon Diäten gemacht hat: Damit sofort aufhören. Sich Hilfe suchen, wenn nötig und einfach mal ehrlich mit sich selbst sein. Jeder von uns sieht doch, was er falsch macht wenn er ganz offen mit sich selbst ist. Dort einfach ansetzen und Stück für Stück.

Wieviel wollen Sie noch abnehmen?

Jäger: Als nächstes großes Ziel möchte ich eine zwei in der Mitte. Also sowas wie 125 oder so. Und dann danach einmal unter die Hundert.

Weshalb sollte ich, Konfektionsgröße 34, keine 60 Kilogramm schwer, Ihr Buch lesen?

Jäger:  Weil es glücklich macht, zu lachen, und weil Sie einen Körper haben. Mein Buch ist nicht nur für Übergewichtige, es ist für jeden der an ein Ziel kommen möchte, egal welches. Es ist für alle die einfach mal lachen wollen auch über die nervigen und gruseligen Seiten des Lebens und es kann nie schaden, ein bisschen was zu wissen.

Welchen Rat geben Sie unseren Lesern mit auf den Weg – ob übergewichtig oder nicht?

Jäger: Jeder von uns ist mehr als eine Zahl auf einer Waage oder eine Meinung eines anderen Menschen. Wir sind nach mehr als 100.000 Jahren Entwicklung nun einmal Mensch 2.0. Jeder von uns ist die beste Version seiner selbst. Es gibt uns in größer, kleiner, dicker, dünner und in weniger arschig, aber es gibt uns nicht in besser. Wenn man morgens vor dem Spiegel steht sollte man damit beginnen sich das zu sagen und dann gut zu sich sein. Denn wenn ich mich nicht liebe, wie soll es dann ein anderer tun können? Und niemals, komme was wolle, den Humor verlieren und wissen, dass ein Prozess, egal zu welchem Ziel auch immer, kein Durchmarsch ist sondern ein Weg mit Steinen, Kurven und Trollen die im Weg stehen. Verlierer geben auf wenn sie scheitern. Gewinner scheitern so lange, bis sie siegreich sind.

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