Frank Westermann über die aktuelle Lage in der Gastronomie

Wirte beklagen fehlende Planungssicherheit

Im Mai vergangenen Jahres hat sich Frank Westermann an einer Aktion des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) beteiligt, um auf die schwierige Situation aufmerksam zu machen, in die die Corona-Krise die Gastwirte gebracht hat.
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Im Mai vergangenen Jahres hat sich Frank Westermann an einer Aktion des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) beteiligt, um auf die schwierige Situation aufmerksam zu machen, in die die Corona-Krise die Gastwirte gebracht hat.

Rotenburg – Die Coronazahlen steigen. Nach und nach zieht die Politik die Schrauben an – in der Hoffnung, sich damit der vierten Welle entgegenstellen zu können. Das hat Folgen. Und die bekommen unter anderem wieder einmal die Gastronomen zu spüren. Mit Blick auf die aktuelle Situation haben wir dem Mulmshorner Gastronom Frank Westermann vom Kräuterhotel „Heidejäger“ Fragen dazu gestellt.

Herr Westermann, nach dem letzten Lockdown hat sich die Lage auch für die Gastrobranche ja wieder deutlich gebessert. Nun aber steigen die Zahlen wieder – was heißt das für Sie und die Kollegen?

Die Situation im Sommer war sehr gut. Vieles wurde nachgeholt, die versprochenen Hilfsmittel vom Staat kamen spät, aber sind dann letztendlich angekommen. Wir haben die Zeit genutzt, unsere Betriebe so herzurichten, dass wir auch mit dem Virus weiterarbeiten können. Wir haben Lüftungen und Filteranlagen eingebaut. Die Mitarbeiter sind fast alle wieder voll in Arbeit und voll geimpft. Was jetzt passiert, ist wie ein Déjà-vu. Alles auf Anfang. Die Bücher waren voll, und jetzt wird alles wieder storniert. Und das, obwohl es unter Auflagen wie 2G und 2G+ durchaus möglich wäre, eine Weihnachtsfeier durchzuführen. Allerdings beinhaltet diese Regelung auch eine Maskenpflicht. Das nimmt einem die Feierfreude doch schon sehr.

Mit 2G ist aber immer noch einiges möglich. Wie erklären Sie sich die vielen Stornierungen?

Die Menschen haben Angst, getrieben von den täglichen Meldungen über die steigenden Zahlen. Zum Teil ist von „Horrorzahlen“ die Rede. In vielen Teilen des Landes ist das auch sicher so. Angst ist und war aber schon immer ein schlechter Berater.

Was lässt sich gegen diese Entwicklung machen?

Aufklärung! Wir hier im Landkreis Rotenburg gehörten während der gesamten Pandemie immer zu den Landkreisen mit den niedrigsten Werten. Das hat sicher auch mit der Disziplin der Menschen hier vor Ort zu tun. Ich glaube aber auch, dass wir Gastronomen hier in der Region uns alle an die Auflagen halten und die Kontrollen sehr ernst nehmen, auch wenn das bei einigen Gästen auf Unverständnis stößt. Der Großteil ist hier aber sehr verständnisvoll. Gerade bei unseren Hotelgästen hören wir immer wieder, wie vorbildlich wir das hier handhaben. In anderen Regionen wird das nicht so streng kontrolliert. Das berichten unsere Kollegen hier auch so. Wir sind hier aber auch sehr konsequent. Gerade gestern hatte ich hier einen Lkw-Fahrer, der mir den Impfpass seines Kindes gezeigt hat. Der musste dann aber wieder gehen. Auch verschiedene Studien haben gezeigt, das Restaurants und Hotels nicht die Pandemietreiber sind.

Aber ist es nicht verständlich, dass sich die Menschen gerade jetzt wieder zurückhalten und zu viele Kontakte meiden?

Na klar. Es ist nicht so, dass wir kein Verständnis dafür haben. Es ändert aber nichts an unserer Situation, dass unsere Branche wieder in einen Quasi-Lockdown geschickt wird. Wir dürfen zwar weiter geöffnet haben, die Politik empfiehlt aber, alle Kontakte zu vermeiden.

Was heißt das alles mit Blick nach vorne, mit Blick auf Weihnachten und den Jahreswechsel?

Schwer zu sagen. Das hängt sehr stark von der Entwicklung ab. Es wäre schon schön, wenn wir zumindest das Jahr noch einigermaßen „normal“ zu Ende bringen könnten. Die meisten von uns haben schon für Weihnachten und die nächsten Wochen eingekauft, weil auch wir es in einigen Bereichen mit Lieferengpässen zu tun haben. Vor März glaube ich allerdings an keine Entspannung der Lage.

Es muss Sie und Ihre Kollegen wie ein Déjà-vu vorkommen. Hat man nicht irgendwann einfach die Nase voll?

Ja. Es macht schon sehr müde. Es ist wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Jeden Morgen klingelt der Wecker, ich höre die Nachrichten mit den neuen Coronazahlen. Jeden Tag sagt wieder eine Gruppe ab. Immer wieder die Frage von Gästen, was erlaubt ist und warum das so ist. Das macht keinen Spaß.

Wie lange kann ein Betrieb wie der „Heidejäger“ dieses Auf und Ab noch mitmachen, ohne dabei die wirtschaftliche Balance zu verlieren?

Für uns mache ich mir da nicht so große Sorgen. Wir sind hier sehr gut aufgestellt, weil wir mit Hotel, Restaurant, Bankettveranstaltungen, Tagungen und Außer- Haus-Geschäft viele verschiedene Standbeine haben. Auch dass es Eigentum ist und wir in den letzten Jahrzehnten immer wieder renoviert und unseren Betrieb aktuell gehalten haben, spielt dabei sicher eine große Rolle. Wobei das beim ersten Lockdown noch anders war, als noch nicht sicher war, ob es Hilfen oder Unterstützung gibt. Ohne diese Hilfen wäre es für alle nicht möglich gewesen, zu überleben. Der zweite Lockdown hat sieben Monate gedauert! Sieben Monate ohne nennenswerte Einnahmen. Für jeden Betrieb war es aber auch die Chance, sich zu hinterfragen.

Was gilt es denn dabei jetzt zu hinterfragen?

Was muss ich noch machen, oder was brauche ich nicht mehr? Bei einigen hat das Außer-Haus-Geschäft sehr gut funktioniert, anderen hat der Hotelbetrieb das Leben erleichtert. Aber es gab auch Betriebe, in denen alles nicht so richtig gut lief. Das hatte zum Teil aber auch mit der Lage des Betriebes zu tun. Einige Kollegen haben es am Ende auch nicht geschafft und daher geschlossen. Ewig darf das aber auch nicht so weiter gehen. Die massiven Einschränkungen für unsere Branche müssen irgendwann auch mal ein Ende haben. Nicht, dass wir nächsten Winter wieder vor derselben Situation stehen.

Das, was Sie und Ihre Kollegen wollten, Planungssicherheit, hat es zwischenzeitlich wieder gegeben. Waren wir alle, also auch die Gastro-Branche, zu blauäugig nach dem „fast normalen“ Sommer?

Das glaube ich nicht. Meine persönliche Meinung: Wir werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben. Es ist für mich auch nicht die Frage, ob wir Corona bekommen, sondern nur wann. Irgendwann wird es uns alle erwischen. Planungssicherheit haben wir bis heute nicht. Jeden Tag gibt es neue Meldungen, und alle paar Wochen neue Verordnungen. Das macht ein Planen quasi unmöglich. Ich selbst werde weiter am Leben teilnehmen und mich nicht verkriechen. Aber wir müssen uns an gewisse Regularien halten. Dann kann ein Leben auch mit Corona lebenswert sein.

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