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Psychiater Malte Mechels im Interview: Wie mit Kindern über den Krieg reden?

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Von: Lars Warnecke

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Es herrscht Krieg – und viele Eltern fragen sich, wie sie mit der Angst und den Fragen ihrer Kinder umgehen sollen. Der Psychiater Malte Mechels empfiehlt, altersgerecht mit dem Nachwuchs darüber zu reden.
Es herrscht Krieg – und viele Eltern fragen sich, wie sie mit der Angst und den Fragen ihrer Kinder umgehen sollen. Der Psychiater Malte Mechels empfiehlt, altersgerecht mit dem Nachwuchs darüber zu reden. © Warnecke

Rotenburg – Plötzlich herrscht Krieg in Europa – ein beängstigender Gedanke, der schon Erwachsene schnell überfordern kann. Seit letzter Woche führt Russland einen offenen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Viele Menschen sind auf der Flucht, es gibt Bomben, Tote und Chaos. Gerade Kindern können die Bilder und Geschichten, die sie gerade überall mitbekommen, Angst machen. Wie sollten Eltern damit umgehen? Malte Mechels, Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Rotenburger Diakonieklinikum, gibt Ratschläge.

Herr Dr. Mechels, wie nehmen Kinder eine solche Kriegssituation wahr?

Da der Krieg nicht bei uns ausgebrochen ist, sondern in einem Land, das noch ein bisschen weiter entfernt ist, erleben wir keine unmittelbaren Folgen. Bis jetzt jedenfalls noch nicht. Allerdings haben Kinder und Jugendliche feine Antennen für ihre Umwelt – dafür, dass sich in der Familie vielleicht die Stimmung verändert hat, dass die Menschen angespannter sind, sie häufiger über dieses Thema reden. Hinzu kommt, dass sie die Geschehnisse in den Nachrichten mitbekommen – in Form von Zeitungen, Radio oder Fernsehen. Das beschäftigt sie natürlich. Und dann fangen sie irgendwann an, wenn es gut läuft, Fragen zu stellen. Gerade bei Jugendlichen kommt hinzu, dass sie über viele Kanäle über ihre Handys vernetzt sind und da auch immer wieder Nachrichten weitergeleitet bekommen. Hier ist es ganz besonders wichtig, doch auch mal mit ihnen ins Gespräch zu gehen, einzuordnen, woher die Nachrichten kommen – ob es seriöse Quellen sind oder Fake News aus irgendwelchen dubioseren Quellen.

Nun haben wir Erwachsenen schon Schwierigkeiten, diesen Krieg zu verstehen. Wie aber erklären wir ihn Kindern?

Wichtig ist dabei, authentisch zu bleiben und auch offen einzugestehen, dass man vielleicht auch nicht alles versteht und nicht für alles eine Lösung sieht. Kinder merken ohnehin gut, dass etwas bedrohliches los ist anhand der Reaktion des Umfeldes. Dann wäre es sicher nicht hilfreich, ganz zu verleugnen, dass gerade etwas Gefährliches passiert und dass man sich Sorgen macht. Im Gegenteil: Es hilft eher, gemeinsam mit den Kindern einzusortieren, was gerade los ist; auszusprechen, welche Gedanken einem selbst durch den Kopf gehen. Dies muss aber angepasst je nach Alter und Entwicklungsstand erfolgen. Es ist so, dass die Kinder eher entlastet sind, wenn sie merken, sie bekommen Worte für das, was gerade passiert – auch für die Stimmung, die Unsicherheit, die sie gerade vielleicht in der Familie erleben. Gleichzeitig ist es natürlich auch gut, ihnen eine Zukunftsperspektive, die mit Hoffnung verknüpft ist, zu vermitteln. Also dass man davon ausgeht, dass wir jetzt hier sicher sind und die Welt zukünftig auch wieder zum Frieden zurückfinden wird.

Was sollen Eltern denn antworten, wenn ein Kind fragt: „Mama, Papa, was ist Krieg?“

Ich glaube, da alle Kinder Streitsituationen kennen, kann man darauf eingehen, dass es solche auch bei Erwachsenen gibt und diese nicht immer gut und sinnvoll gelöst werden. Wichtig ist es erstmal, zuzuhören und sich die Gedanken und Sorgen der Kinder anzuhören, um dann gezielt darauf eingehen zu können. Das heißt noch lange nicht, dass man auch immer die perfekte Lösung haben und alles selbst verstanden haben muss. Gerade das ist etwas Natürliches. Es geht eher um den Austausch und den Kontakt mit den Kindern.

Und wenn mich die Frage selbst umtreibt? Sollte man seinen Kindern zeigen, dass man selbst beunruhigt ist?

Es ist durchaus wichtig, authentisch zu bleiben. Die Kinder merken das ohnehin, ob man es möchte oder nicht. Sie merken, dass irgendetwas anders ist als sonst und dass da irgendwas Beunruhigendes vor sich geht. Gleichzeitig sollte man aber natürlich auch Stabilität vermitteln. Also dass man sagt: Ja, mir macht es auch Sorgen, aber wir beschäftigen uns damit und alle suchen gerade nach Lösungen, die früher oder später auch gefunden werden. Kinder müssen wissen, dass die Bedrohung relativ weit entfernt ist. Damit sie sich von der Distanz eine Vorstellung machen können, kann man auch Hilfsmittel hinzuziehen, dass man sich nochmal gemeinsam anschaut, wo die Ukraine liegt.

Gibt es eigentlich Situationen, bei denen man nicht über das Thema reden sollte?

Man muss schon sehr aufpassen, dass man nicht dem eigenen Bedürfnis ständig nachkommt, sich damit zu beschäftigen. Das geht, glaube ich, gerade vielen so, dass man sich gerade am Abendbrottisch im Beisein der Kinder gerne darüber austauscht. Die können aber nicht alles verarbeiten, was man so in der Erwachsenensprache gerade miteinander bespricht. Und das kann durchaus Ängste und Belastungen auslösen. Gut ist, das zu dosieren, eher zu schauen, wann die Kinder das ansprechen, um dann darauf einzugehen und ihnen nicht so sehr das Thema aufzudrängen.

Es gibt Kinder in Deutschland, die den Krieg kennen. Können diese retraumatisiert werden?

Das ist durchaus möglich. Im Moment ist es ja so, dass wir eher über die Medien erfahren, was im Kriegsgebiet passiert. Das können durchaus erschreckende Bilder, Geräusche und Aussagen von betroffenen Personen sein, die an das eigene Erlebte erinnern und dadurch wieder traumatische Erlebnisse wachrütteln, wodurch es erneut zu Symptomen kommen kann. Wenn so etwas auftritt, gibt es dafür aber gute Unterstützung und Behandlungsmöglichkeiten. In vielen Fällen sind die Kinder aber insgesamt, also nicht nur jene, die schon traumatisiert wurden, so widerstandsfähig, dass die meisten gesund durch solche Belastungsphasen durchkommen.

Die Kinder leben seit zwei Jahren in einer Ausnahmesituation, der Pandemie. Man hat ihnen viel abverlangt. Jetzt kommt auch noch ein Krieg in Europa dazu. Bekommen wir eine Generation von traumatisierten Kindern?

Es stimmt, dass Kinder und Jugendliche durch die Pandemie in besonderer Form belastet sind – auch durch die Schutzmaßnahmen, die natürlich nachvollziehbarerweise durchgeführt worden sind und notwendig waren. Wir in unserer Klinik erleben schon große Veränderungen bei dem, was bei uns angefragt wird. Zum Teil waren es Phasen mit einer extremen Häufung von Notfällen, also mit suizidalen Krisen von Kindern und Jugendlichen. In anderen Phasen waren es mehr planbare Anfragen nach psychotherapeutischer Beratung und Unterstützung – und das weit mehr als vor der Pandemie. Bestimmte wissenschaftliche Zahlen zeigen ja auch, dass die psychische Belastung in der jungen Altersgruppe zugenommen hat. Das heißt, dass sie seit Jahren schon mit einer überdurchschnittlichen Belastung leben und diese verarbeiten muss. Jetzt kommt noch ein großes, weltpolitsches Thema obendrauf, was natürlich wieder eine Verunsicherung schafft. Gemeinsam ist beiden Themen ja, dass die Erwachsenenwelt ebenso verunsichert ist. Auch sie erlebt neue bedrohliche Situationen, für die sie nicht sofort eine Lösung parat hat. Weil sich nicht auf gewisse Routinen zurückgreifen lässt, sondern erst neue Bewältigungsstrategien entwickelt werden müssen. Und das klappt nicht immer sofort. Wichtig finde ich zu erwähnen, dass die meisten Kinder gesund durch solche Ereignisse durchkommen. Klar, sie spüren die Belastung und das prägt sie womöglich auch für ihr Leben. Aber sie entwickeln nichts, was man als psychische Erkrankung diagnostizieren kann, sondern sie sind weiterhin stabil im Alltag unterwegs. Und solchen Kindern, die doch anhaltende Symptome entwickeln, die sie einschränken, können wir gezielt Angebote zur Verfügung stellen.

Zur Person

Malte Mechels (46) lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in Bremen. Seit Mai 2018 ist er Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik, die zum Diakonieklinikum gehört. Von 1998 bis 2004 hat Mechels Medizin in Hamburg studiert und über die psychosoziale Versorgung onkologisch erkrankter Kinder und ihrer Familien in Deutschland promoviert. Vor seiner Anstellung in der Wümmestadt hat der passionierte Reiter und Mountainbikefahrer in Lüneburg, Bremen und Hamburg in Krankenhäusern gearbeitet und war in einer kinderpsychiatrischen Praxis in Verden beschäftigt. 

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