INTERVIEW AM WOCHENENDE Pastor Hans-Günter Sorge über seinen Job in der weltgrößten Firma

„Es hängt nur an einer Person“

Mit seinem Wohnmobil ist Pastor Hans-Günter Sorge ständig im Bistum Hildesheim unterwegs – ganz in der Tradition des Apostels Paulus – und macht dabei auch oft Station in Rotenburg an der katholischen Kirche.
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Mit seinem Wohnmobil ist Pastor Hans-Günter Sorge ständig im Bistum Hildesheim unterwegs – ganz in der Tradition des Apostels Paulus – und macht dabei auch oft Station in Rotenburg an der katholischen Kirche.

Rotenburg – Er trägt ein T-Shirt, das ein wenig nach Metal anmutet. Darauf steht „Made in Heaven – by God“. Darüber hat er lässig ein schwarzes Sakko gezogen, an den Füßen aber bequeme Schlappen: Pastor Hans-Günter Sorge, Springer aus dem Bistum Hildesheim, ist mal wieder in Rotenburg zu Gast, um seinen Kollegen zu unterstützen. Mit seinem Wohnmobil parkt er dann auf dem Parkplatz hinter der katholischen Kirche. Und genau so lässig wie sein Auftritt ist auch seine Art, er ist eher der unkonventionelle Pastor – und eckt mit seinen Aussagen auch mal an. Kein Problem, „dann bin ich ja schnell wieder weg“, merkt er gut gelaunt an. Uns hat er ein wenig aus seinem Leben und von seinen Ansichten zu verschiedenen Themen erzählt – und von seinem Job in der „größten Firma der Welt, seit 2 000 Jahren“.

Herr Sorge, Sie ziehen als Springer durch das gesamte Bistum. Wie ist es dazu gekommen?

Der Apostel Paulus lebte in Rom, Damaskus und an vielen anderen Orten und brachte die Botschaft Jesu Christi, indem er unter damaligen Mitteln Briefe schrieb und Besuche machte. Und so mache ich es auch.

Springer zu sein ist sicher auch anstrengend?

Ich bin ein Zigeunertyp. Die Menschen sind sehr unterschiedlich, manche brauchen ein festes Zuhause, da fühlen sie sich wohl. Bei mir ist das schon mein ganzes Leben anders. Woanders zu sein, hat seinen Reiz. Es ist anstrengend, man muss sich immer wieder zurechtfinden. Aber man ist flexibel, und für mich ist es immer spannend. Es kommt darauf an, wie man an die Sache herangeht.

Sie haben den Drive-In-Gottesdienst in Zeven geleitet, das ist nichts Neues mehr für Sie. Wie haben Sie diesen erlebt?

Da muss ich ausholen. Wir haben in Corona-Zeiten die Frage der Systemrelevanz diskutiert. Relevant sind nicht die Bonzen, sondern die Müllabfuhr, Kassierer, Lkw-Fahrer, Pfleger und so weiter. Das ist – auch finanziell – die untere Gruppe unserer Gesellschaft. Diese Gesellschaft erkannte auf einmal deren Stellenwert. Aber es hat sich, auch, was die wirtschaftliche Anerkennung angeht, nicht viel geändert. Kirche ist in der Geschichte immer äußerst systemrelevant gewesen – in Kriegen und Krankheiten. Während der Pest wurden Kirchen gebaut, sie waren Zufluchtsorte. Jetzt kommt Corona und damit die Frage, ist Kirche noch systemrelevant? Darüber streitet man sich. Im ersten Lockdown wurde ausschließlich über wirtschaftliche Auswirkungen diskutiert, bei der zweiten Welle trat die psychologische Auswirkung stärker ins Blickfeld, hat die Telefonseelsorge um 20 Prozent zugenommen, auch die Selbstmordrate. Wer kann in solchen Krisen Hoffnung und Zuversicht geben? Die Institution, die das kann, ist für mich systemrelevant. Es geht nicht nur um wirtschaftliche Fragen, sondern auch darum, wie Menschen mit ihrem Leben in solchen Situationen zurechtkommen. Wenn es für die Seele – für Menschen, die glauben – wichtig ist, müssen wir sie unter Umständen vom Sofa holen. So habe ich den ersten Drive-In-Gottesdienst an Ostern ins Leben gerufen. Vor dem Fernseher bin ich weiter isoliert. Deswegen gab es beim Gottesdienst Elemente, um den anderen wahrzunehmen – hupen, winken, Lichter und Blinker. Dann merke ich, da ist noch jemand. Und zu Weihnachten haben viele eine emotionale Bindung. Die Besucherzahlen sind höher als sonst. Was kann Kirche dann Systemrelevantes machen? Drive-In, denn da wird keiner abgewiesen – und das habe ich sehr positiv empfunden. Voller Dankbarkeit von den Teilnehmern,

Das klingt sehr modern, katholische Kirche ist aber noch in vielen Dingen starr traditionell. Wie werden solche Ideen aufgenommen? Muss Kirche sich anpassen?

Nein, Kirche darf sich nicht an alles anpassen. Wir haben eine unverrückbare Botschaft. Jesus Christus ist in die Welt gekommen, alle Menschen sind Geschöpfe Gottes, es gibt keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, Schwarzen und Weißen. Wenn wir diese Message aufgeben, haben wir verloren. Was wir verändern müssen und können, ist die Form. Wir müssen auch in die Medien, Internet, Fernsehen. Die Leute erreichen. Aber nur in einer anderen Form, nicht in der Veränderung der Botschaft. Katholische Kirche ist eines der wenigen bestehenden hierarchischen Systeme. Absolutistisch, könnte man sogar sagen. In Demokratie-Zeiten unvorstellbar. Sie kennt aber auch das Moment der Demokratie, der Papst ist gewählt. Die Priester aber nicht. Das hat seine Vorteile. Aber katholische Kirche hat sich auch in jüngster Vergangenheit angeboten, in die Kritik zu geraten.

Sie sprechen von sexuellem Missbrauch und dem synodalen Weg?

Sexueller Missbrauch ist das schlimmste Verbrechen, was es gibt. Jetzt kommen diese Fälle in der Kirche zutage, das hatte niemand vermutet. Die Kirche ist in der Vergangenheit nicht sehr offensiv damit umgegangen. Ich kenne einige Frauen, die missbraucht worden sind – aber innerhalb der Familie. Da war es zum Beispiel der gute Onkel. Jetzt kommt das in der Kirche hoch – da hieß es dann „war ja klar, diese Scheinheiligen“. Kindesmissbrauch geschieht nicht, wie es oft heißt, vor allem unter Singles. Aber für die Gesellschaft passte das sehr gut in das Klischee, das die Medien bedient haben.

Das hat auch für viele Kirchenaustritte gesorgt.

Die Menschen haben der Kirche vertraut. Dann die Erschütterung. Früher glaubte man auch noch, Pädophilie sei heilbar. Wir hatten erst in den vergangenen Jahren die genauere wissenschaftliche Erkenntnis.

Das ganze Geschehen wird gerade aufgearbeitet, wurde aber jahrelang unter Verschluss gehalten.

Das ist systembedingt. Pädophile Priester wurden von der Kirchenleitung gedeckt. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Aber so ein Verhalten blieb nicht ohne Folgen. Wer sowas gemacht hat und es kam raus, der wurde vor den Bischof zitiert. Dann gab man ihm eine Chance – das könnte man als Barmherzigkeit auslegen. Sie haben einen Fehler gemacht, wurden versetzt. Auf dem Hintergrund des Standes, dass es heilbar wäre, mit einer Therapie. Bis man merkte, dass es das nicht ist. Sie wurden rückfällig. Da gab es unkluge Entscheidungen. Da hat das System nicht nur in Deutschland versagt: Kindesmissbrauch ist eine Strafsache, wurde aber nicht an die Behörden gemeldet. Und bei den Opfern spielt viel Scham hinein.

Kinder wurden ja nicht ernst genommen, wenn sie etwas gesagt haben.

Genau. Das Bistum Hildesheim zum Beispiel ist in den vergangenen Jahren sehr offensiv damit umgegangen. Das wurde mit dem neuen Hildesheimer Bischof Heiner Willmer Chefsache. Jeder, der mit Kindern arbeitet, musste Präventionskurse belegen. Und wir sind aufgefordert, alles zu melden – auch den Verdacht allein.

Sie sind bekannt dafür, die Kirche auch mal „ins Gebet zu nehmen“. Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, auch gegen Widerstände, mit solchen Themen offen umzugehen?

Man glaubt, Katholiken sind ein Einheitsbrei. Aber Priester oder Bischöfe sind keine homogene Masse. Sie sprechen mit einer Stimme in Bischofskonferenzen, aber intern sieht das schon mal ganz anders aus. Sie können nur das berechtigt kritisieren, was Sie lieben. Manche Kritik muss schärfer sein, sonst ändert sich nichts. Jesus hat häufig scharf kritisiert. Ja, einige sind mit dem nicht einverstanden, was ich mache und denke. Ich wünsche mir, dass der nächste Papst ein Schwarzer wird, der übernächste eine Frau. Wenn ich etwas liebe, mit Herzblut dabei bin, kann ich Missstände nicht ertragen. Und das sind meine Möglichkeiten, etwas zu tun.

Sie sprechen von Chancen. Wir reden von Missbrauch, der Pandemie. Sind das auch Chancen, ein Weckruf für Reformen? Kann man solche Ereignisse nutzen, um etwas Besseres daraus zu machen?

Ja. Jede Krise birgt in sich eine Chance. Das gilt auch für Krankheiten oder Ehekrisen. Corona ist eine weltweite Krise, die aber gezeigt hat, worauf es ankommt. Wie viel Solidarität es in der Gesellschaft gibt – mehr, als man denkt. Und sie fragt: Muss alles wieder auf den Status quo? Ich meine: nein. Wir können nicht so weitermachen wie vorher. Ich war dankbar, wie unsere Gesellschaft in Coronazeiten reagiert hat, zum Beispiel in der Reihenfolge der Impfungen. Sie hat gesagt, als Erstes die Alten, die Risikogruppe. Das zieht die, die sich um sie kümmern, nach sich. Wir schauen, wer für die Gesellschaft wichtig ist, und zwar aus moralischen Gründen, nicht aus ökonomischen. Das ist schön.

Wie viel Halt kann da der Glaube oder die Kirche geben?

Die Kirche steht hundertprozentig hinter dieser Entscheidung: Die Schwachen zuerst und die, die sich um sie kümmern.

Sie sagen selbst, es gibt keinen Unterschied zwischen Mann und Frau – und doch wird einer gemacht. Sind solche Zeiten auch Chancen, den Frauen mehr Wege zu öffnen?

Diese Forderung der Öffnung in allen Bereichen gibt es schon lange. Und sie ist für mich theologisch überhaupt nicht zu verstehen. Das haben schlaue Theologen sich ausgedacht: Frauen können nicht geweiht werden, weil beim letzten Abendmahl nur Apostel dabei waren.

Das ist ja mal eine Begründung...

Aber eine schwache. Im Abendmahlssaal waren nur Juden. Demnach könnte nur ein Jude Priester werden. Zugleich waren da Verheiratete, Petrus zum Beispiel. Demnach müssten Priester verheiratet sein, wenn das das Kriterium zur Zulassung ist. Nehmen wir Maria Magdalena, sie stand Jesus nahe, war vorrangig im Jüngerkreis. Sie wurde sogar die Apostelin der Apostel genannt. Das Kriterium des Abendmahls ist demnach brüchig. Wenn ich dann Jesus, seinen Duktus betrachte: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus gesagt hätte, weil du Frau bist, darfst du kein Priester werden.

In den vergangenen Jahren hat Kirche verloren, nicht nur Mitglieder. Wenn mehr Frauen dabei wären, würde sie das wieder nach vorne bringen?

Die katholische Kirche ist die größte christliche Gemeinschaft, mit mehr Mitgliedern als alle anderen Konfessionen zusammen. So viel Katholiken wie heute gab es noch nie auf der Welt. Brasilien, Mexiko, da brummt die Bude, auch mit Jüngeren. Es gibt Bereiche, dort herrscht Mangel, aber nicht weltweit. Im katholischen System ist vieles langsam. Aber die ersten Zeugen der Auferstehung waren Frauen – dann zu sagen, sie können keine Priester sein, ist theologisch schwer nachvollziehbar. Ehelosigkeit kommt aus der Bibel, nicht der Zölibat. Deswegen glaube ich, dass auch diese Frage innerhalb der Kirche partikulär geregelt werden müsste. Wir haben auch verheiratete Priester, wenn sie zum Beispiel konvertiert sind.

Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis sich die Kirche öffnet oder ist es noch ein weiter Weg?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. In einem hierarchischen System wie der Kirche sind Veränderungen von oben sehr schnell möglich. Es hängt nur an einer Person – dem Papst. Wenn er heute sagt, ab sofort ist der Zölibat abgeschafft und eine Weihe von Frauen zulässig, hätte das sofort für die gesamte Weltkirche Gültigkeit. Ob es dazu kommt, steht in den Sternen. Unmöglich wäre das nicht.

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