Interview: Jasper Barendregt über das Hurricane und die Krise

Hurricane-Jubiläum abgesagt: „Es gibt keine Gewinner“

Ansicht einer vergangenen Zeit: Tausende Besucher stehen vor einer der großen Bühnen beim Hurricane auf dem Scheeßeler Eichenring.
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Ansicht einer vergangenen Zeit. Das Hurricane lockt außerhalb Corona bis zu 70000 Besucher auf den Scheeßeler Eichenring.

Scheeßel – Spätestens der Blick auf die Wetterprognosen mit Gewitter schafft Gewissheit: Eigentlich würde an diesem Wochenende das Hurricane-Festival auf dem Scheeßeler Eichenring steigen, doch pandemiebedingt fällt das musikalische Mega-Spektakel mit bis zu 70 000 Besuchern zum zweiten Mal in Folge aus. Wie die Festival-Organisatoren des Veranstalters FKP Scorpio diese Zeit erleben und wie die Prognosen fürs nächste Jahr und die Zukunft der Festivalbranche sich ausnehmen, verrät Festivalleiter Jasper Barendregt

Herr Barendregt, was machen Sie am Wochenende?

Ich treffe mich mit einigen Kolleginnen und Kollegen zu unserem „Battle of the Festivals“ – da wir ausnahmsweise an diesem Wochenende nicht über ganz Deutschland verstreut sind, wollen wir augenzwinkernd klären, wer die beste Crew hat: das Hurricane oder Southside Festival. Über Instagram und Facebook können unsere Gäste übrigens selbst dabei sein.

Was meinen Sie: Werden Anflüge von Wehmut aufkommen?

Natürlich wird Wehmut aufkommen. Im zweiten Jahr ohne Hurricane setzt ja nicht auf einmal Gewöhnung ein, für uns alle im Team ist unsere Arbeit viel mehr als ein Job. Vieles, für das wir morgens aufstehen, liegt immer noch still. Das schmerzt nach wie vor dauerhaft, besonders am eigentlichen Festivalwochenende.

Letztes Jahr wurden mit enormem Aufwand T-Shirts an die Fans verschickt und vor Ort ein Video mit Band gedreht – dieses Mal gibt es nur einige kleinere digitale Aktionen. Ist da im zweiten Jahr Zwangspause ein wenig die Luft raus aus dem Hurricane-Hype?

Das hat nichts mit Hype zu tun, das Hurricane ist seit mehr als 20 Jahren erfolgreich, und unsere Gäste freuen sich mindestens genauso sehr auf unser Wiedersehen im nächsten Jahr wie wir. Dass wir in diesem Jahr einen anderen Weg gegangen sind, hat mehrere Gründe: Zum einen haben wir generell eine gewisse Müdigkeit festgestellt, was digitale Konzerte betrifft. Davon abgesehen war uns ohnehin von Anfang an klar, dass wir den großen Erfolg des TV- und Online-Specials aus dem letzten Jahr nicht übertreffen können.

Gibt es weitere Gründe?

Ein anderer Punkt, der mindestens genauso wichtig ist: Wir hatten das ehrliche Bedürfnis, nach allen Strapazen unserem Team Aufmerksamkeit zu geben und ein wenig ins Rampenlicht zu rücken. Daher haben wir uns unter anderem für die Produktion einer dreiteiligen und aufwendigen Dokumentation entschieden, deren erster Teil vor ein paar Tagen Premiere hatte. Auch das Festivalwochenende selbst widmen wir vor allem unserem Team, was natürlich nicht heißt, dass wir Interessierte über unsere Social Media-Kanäle nicht daran teilhaben lassen würden.

Beobachter der Kulturszene äußern die Befürchtung, dass es kein „Back to normal“ geben wird. Wie zuversichtlich sind Sie, dass das Format eines großen Festivals mit 60 000 bis 70 000 Besuchern nach der Pandemie noch den Nerv der Zeit trifft?

Diese Ansicht teilen wir nicht. Ich weiß nicht, wer diese Beobachter sind, aber unsere gesamte Branche bereitet sich auf ein sehr geschäftiges Jahr 2022 vor – auch, weil wir einen großen positiven Druck aus der Bevölkerung bemerken. Nach so langer Zeit ohne nennenswerte Livekultur sind die Leute so hungrig nach Musik und Festivals wie nie zuvor. Dies zeigen alle Länder dieser Welt, die schon jetzt Veranstaltungen wieder möglich machen, zum Beispiel Neuseeland aber auch die USA. Die dort eingetretene Euphorie, wieder Veranstaltungen besuchen zu dürfen, erwarten wir auch für Deutschland.

Viele Künstler und Bands haben in der Zwangspause oder davor Alben herausgebracht, die sie erst jetzt durch eine Tour promoten können. Könnte das zu einem Überangebot auf dem Konzertsektor führen? Steht zu befürchten, dass sich kulturelle Veranstaltungen ab sofort gegenseitig Konkurrenz machen?

Sicherlich sind die Kalender der Venues, Veranstalter und Künstler für die kommende Zeit sehr voll. Allein schon aufgrund der zahlreichen Shows, die noch nachgeholt werden müssen, aber diese stehen ohnehin nicht in direkter Konkurrenz zueinander, weil sie ihre Käufer größtenteils schon gefunden haben.

Wie hat sich die Veranstalterlandschaft verändert – viele kleinere Agenturen haben aufgegeben oder sind von mit den großen Spielern aufgekauft worden. FKP Scorpio hat während der Krise Niederlassungen in Schweden, Dänemark, Norwegen, Polen, Belgien, Finnland und Österreich eröffnet. Sind Sie Gewinner der Krise? Oder ist Monopoly der einzige Weg zum Überleben in der Branche?

Diese Aussage ist leider falsch, denn alle der genannten Niederlassungen gehörten schon weit vor der Pandemie zu uns. Es gibt keine Gewinner dieser Krise, und ich persönlich finde ehrlich gesagt, dass Monopoly nicht mal als Brettspiel taugt. Richtig ist, dass wir als größeres Unternehmen ein finanzielles Polster hatten, das uns überhaupt dazu befähigt hat, diese Krise ohne Personaleinsparungen durchzustehen – aber auch nur, weil wir immer verantwortungsbewusst gewirtschaftet haben. Dazu zählt übrigens auch die Erweiterung unseres Teams in Großbritannien, die tatsächlich während Corona erfolgte, weil sie unser Geschäft auf Dauer bereichert und damit noch krisenfester macht. Keine einzige Kündigung aussprechen zu müssen, war unser oberstes Ziel. Auch wenn wir durch unseren Erfolg stetig gewachsen sind: Menschen kommen für uns immer zuerst.

Unlängst haben Hurricane und Southside eine Spende von 200 000 Euro an Viva con Agua geleistet, ein Prozentteil der zurückgegebenen Tickets. Dabei hatten die Fans allerdings nicht die Wahl, was von einigen kritisiert wurde. War das Einfordern der „Zwangsspende“ das angesichts von Entlassungen und Kurzarbeit ein probates Mittel für den guten Zweck?

Natürlich, wir stehen nach wie vor zu unserer Entscheidung, die von der überwältigenden Mehrheit tatsächlich sehr gelobt wurde. Schließlich wurde der afrikanische Kontinent zusätzlich zu allen bestehenden Problemen hart von Corona getroffen, sauberes Trinkwasser und Hygiene sind dort wichtiger denn je. Menschen, die nicht spenden wollten oder konnten, stand außerdem die gesetzlich geregelte Gutscheinregelung zur Verfügung, die durch unsere kulante Härtefallregelung ergänzt wurde, von der vereinzelt auch Gebrauch gemacht wurde.

Hinter den Kulissen wird weiter geschraubt an neuen Konzepten – spielt neben Hygienekonzepten auch die Nachhaltigkeit weiter eine Rolle? Sind außer bestehenden Maßnahmen wie „Bahnanreise inklusive“ und den freiwilligen Abgaben der Bands und Fans bei der Anreise weitere konkrete Maßnahmen in Planung?

Tatsächlich sind die bereits bestehenden Maßnahmen sehr viel vielfältiger als die genannten Beispiele, und das gesamte Thema schon seit einigen Jahren so komplex, dass ich am besten auf unsere Website verweise. Darüber hinaus arbeiten wir aber tatsächlich und aus Überzeugung an neuen Nachhaltigkeitsprojekten, zu denen wir zu gegebener Zeit Informationen veröffentlichen werden.

Auf welche Neuerungen darf sich der Festivalfan schon jetzt freuen, abgesehen vom Line-Up?

Wir freuen uns erst einmal sehr, dass der Großteil des ursprünglich versprochenen Line-Ups erhalten geblieben ist und wir 2022 die Veranstaltung abliefern können, die wir unseren Gästen versprochen hatten. Gleichzeitig arbeiten wir natürlich immer an Neuerungen. Darüber zu sprechen, wäre jetzt noch zu früh – vor allem an diesem etwas wehmütigen Wochenende…

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