Interview mit Ina Helwig und Nils Bassen – die neuen SPD-Kreisvorsitzenden

„Es fehlt die Identifikation“

Von Michael Krüger und Guido Menker

Nils Bassen und Ina Helwig bilden die neue Doppelspitze der SPD im Landkreis Rotenburg.

Rotenburg – Die SPD stellt sich neu auf im Landkreis Rotenburg. Seit zwei Wochen haben die Sozialdemokraten einen neuen Vorstand – mit einer Doppelspitze. Nils Bassen und Ina Helwig lösen Klaus Manal ab. Und sie haben einiges zu tun. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Was gibt‘s Neues aus dem Privatleben von Nils Bassen? Sie haben ja manch eine Kreistagssitzung mit Updates zum Beziehungsstatus erheitert ...

Bassen: Ach so, soll ich jetzt meinen Beziehungsstatus preisgeben?

Wenn es da was Neues gibt, sehr gerne!

Bassen: Ja, ich bin ledig, also Single.

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Seit wann?

Bassen: So lange ist das noch gar nicht her.

Müssen wir da in die Einzelheiten gehen?

Bassen: Nö.

Kommen wir also zur Politik. Wie stark ist jetzt eigentlich der Linksruck in der Kreis-SPD?

Ina Helwig: Damit habe ich mich gar nicht beschäftigt.

Bassen: Es ist ja die Frage, wie man das definiert. Ich glaube auf jeden Fall, dass wir andere Politikansätze verfolgen. Das wird sich auch im Wahlprogramm zeigen. Aber wir greifen auf jeden Fall auf den Erfahrungsschatz zurück, der schon da ist. Wir werden das Rad nicht neu erfinden, aber versuchen, mit dem Schiff, in dem wir unterwegs sind, schneller zu fahren.

Wie weit sind Sie denn mit dem Wahlprogramm?

Helwig: Die Erarbeitung läuft noch nicht, aber wir sind in einem guten Austausch. Denn wir lernen uns ja gerade erst so richtig kennen. Konkret ist daher nichts zu Papier gebracht.

Wann soll das Programm vorliegen?

Bassen: Wir hoffen, damit im April fertig zu sein.

Wie oft haben Sie beide seit Ihrer Wahl eigentlich schon bei Klaus Manal, Ihrem Vorgänger, angerufen?

Bassen: Regelmäßig.

Worum ging’s?

Bassen: Man hat jetzt natürlich Fragen. Wie geht man miteinander um? Da sind aber auch strukturelle Sachen zu besprechen. Wir hatten ja auch unsere erste Veranstaltung mit der Nominierung von Lars Klingbeil als Bundestagskandidat. Da ist Klaus’ Rat nicht schlecht, wenn es zum Beispiel darum geht, wie man sich ausdrücken kann. Es ist nicht verkehrt, ihn dabei zu haben.

Das heißt, er steht auch noch zur Verfügung?

Helwig: Natürlich. Klar. Das ist das Schöne. Und das ist auch das, was wir wollten – dass es ein guter Übergang ist. Die SPD hat sich stark verjüngt, darauf sprechen uns ja auch alle an. Aber es soll ja nicht das Junge gegen das Alte sein, sondern es soll ein Übergang sein, bei dem wir alle mitnehmen. Dafür sind die Gespräche und der Austausch gut. Nicht nur mit Klaus Manal, sondern auch mit vielen anderen Leuten in der SPD.

Bassen: Aber vielleicht haben wir im Winter auch mal einen roten Schal an. Ina Helwig: Nils will das, aber ich wehre mich da noch.

Herr Bassen, Sie sind vor einem Jahr von der Partei Die Linke zur SPD gewechselt. Was macht die SPD – außer bislang mehr Stimmen zu holen – besser?

Bassen: Ich würde jetzt eigentlich ungern über eine andere Partei reden.

Wir reden ja über die SPD. Was macht die besser?

Bassen: Bei der SPD geht es ja darum, alle in der Gesellschaft mitzunehmen. Die Sprache ist auch eine andere. Die Sprache, der Umgang miteinander. Bei der SPD fühle ich mich menschlich besser aufgehoben, ich fühle mich angekommen.

Fühlt man sich als neues Führungsteam als Notlösung, wo doch zuvor vom alten Kreisvorstand der sich innerparteilich mittlerweile ins Abseits gedrängte Jochen Albinger als Kreisvorsitzender ausgemacht war?

Helwig: Nein, ich empfinde das Ganze überhaupt nicht als Notlösung. Wir bekommen eher ganz viel entgegengebracht, dass es ein Geschenk ist, dass sich alles so ergeben hat. Das trägt uns gerade sehr.

Bassen: Das sehe ich ebenso. Ich habe das Gefühl, es gibt so langsam eine Art Aufbruchstimmung – kreisweit. Auch in der Fraktion im Kreistag ist die Unterstützung sehr breit, was guttut. Das einzige Manko zurzeit ist, dass wegen Corona die Besuche bei den Ortsvereinen sehr schwierig sind.

Was macht denn die von Ihnen angesprochene Aufbruchsstimmung aus?

Bassen: Die Genossen haben jetzt schon das Gefühl, dass wir sehr viel Spaß haben bei der politischen Arbeit, weil es uns erfüllt und wir als Team auch anfangen, uns zu finden und zu wachsen. Die anderen merken auch, dass Ina und ich uns super verstehen. Diese Freude, die wir dabei haben, die übertragen wir auf die anderen – wir versuchen es zumindest.

Also wird die SPD eine Spaß-Partei?

Bassen: Nein. Also auch. Wir wollen ja viel Spaß haben bei der Arbeit. Inhaltlich natürlich nicht. Aber ja, wir wollen auch Leute begeistern.

Helwig: Wir möchten vermitteln, dass politisches Engagement eben auch Spaß machen kann.

War das denn vorher nicht so?

Helwig: Das war bestimmt so, aber ich glaube, wir bringen da schon unsere Art und Energie mit hinein.

Hat es einfach niemand anderen gegeben, der sich das antun wollte?

Bassen: Antun? Es ist ein Prozess gewesen. Richtig. Jochen Albinger war zunächst im Gespräch. Ich selbst war vorher schon als Schriftführer im Unterbezirksvorstand aktiv. Nachdem die Nachricht gekommen war, dass Jochen Albinger andere Pläne hat, haben wir uns relativ schnell gefunden. Ina kannte ich ja schon durch politische Arbeit. Und dann habe ich sie ganz klassisch gefragt. Und sie hat „Ja“ gesagt.

Aber Sie sind noch ledig, ja?

Bassen: Ich bin noch ledig, aber politisch verlobt.

Helwig: Nils war es schon wichtig, dass es noch ganz traditionell abläuft. Auch wenn wir uns mit einer Doppelspitze Frau / Mann schon weiterentwickelt haben, war das schon noch ganz wichtig für ihn.

Warum braucht es denn in der SPD heute immer Doppelspitzen?

Helwig: Das ist modern.

Bassen: Ja, es geht auch darum, dass wir eben Männer und Frauen gleichberechtigt an der Spitze haben. Aber ich denke, das ist ein Modell für die Zukunft auch für andere Parteien. Es könnte Vorteile haben. Frauen in die Politik – da geht’s auch um Gleichberechtigung. Das finde ich schon ganz wichtig. Außerdem haben wir den Vorteil, dass wir uns immer absprechen können. Da geht keiner vorweg.

Helwig: Für mich als Frau und als Mutter hat es tatsächlich auch den Vorteil, dass ich es mir zutrauen kann – rein zeitlich. Alleine wäre ich nicht in dieses Amt gegangen. Ich habe zwei Kinder, ich arbeite. Und meine Kinder stehen für mich immer an erster Stelle. Vorsitzende des Unterbezirks zu sein, ist immer auch eine Verantwortung. Da kann man nicht sagen, ich habe jetzt keine Zeit, sondern man muss zuverlässig da sein. Für mich ist die Doppelspitze eine Chance, in ein solches Amt zu gehen. Außerdem bringen zwei Personen immer auch zwei unterschiedliche Ansätze und Erfahrungen mit. Davon kann unsere Arbeit unwahrscheinlich profitieren.

Männer und Frauen sind im Vorstand gleichberechtigt, aber der Nordkreis ist unterrepräsentiert.

Bassen: Ist das so? Nur weil wir aus dem Südkreis sind, heißt das nicht, dass wir uns im Nordkreis weniger zeigen oder dort weniger aktiv sind. Wir haben gute Kontakte. Das soll schon gleichmäßig laufen.

Ein anderes Thema: Wer wird Landratskandidat der SPD sein?

Bassen: Wir können nichts dazu sagen.

Warum nicht, er soll doch schon feststehen?

Helwig: Es steht nichts fest.

Der Kandidat steht doch fest ...

Helwig: Der Kandidat oder die Kandidatin steht noch nicht offiziell fest.

Wir könnten es doch hier jetzt offiziell machen.

Bassen: Hahaha. Wir machen heute nichts offiziell. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt.

Wann ist denn der richtige Zeitpunkt?

Bassen: Demnächst. Im April.

Wird es ein Mann oder eine Frau sein?

Bassen: Wir sagen heute nichts dazu, Aber wir sind in guten Gesprächen.

Okay, wir kommen da nicht weiter. Aber hat man als Kandidat gegen einen Marco Prietz von der CDU überhaupt eine Chance?

Helwig: Da bin ich mir sicher. Wir sind sehr überzeugt von der Person, die wir aufbieten könnten. Wir sind überzeugt davon, dass sie die Power und die Eigenschaft hat, den Landkreis zu führen.

Womit will die SPD denn im Wahlkampf punkten?

Bassen: Wir haben drei große Blöcke, auch wenn wir noch nicht soweit sind mit dem Programm. Wir sehen, dass es durch Corona bedingt viele Probleme geben wird. Einsamkeit und Ausbildungsplätze etwa. Es geht um die älteren Menschen, aber auch um Kinder. Für die jüngeren Menschen geht es um Ausbildungsperspektiven.

Helwig: Man darf es nicht vergessen: Kinder sind im zurückliegenden Jahr ganz anders groß geworden. Vor allem die Kleinsten. Sie kennen nichts anderes als Leute, die auf Abstand sind und Masken tragen. Darauf müssen wir einen Blick haben.

Bassen: Im ersten Bereich sehe ich das Thema Ausbildung im Landkreis Rotenburg. Es geht um ambitionierte Ziele. Wir müssen aus meiner Sicht uns das Ziel setzen, für die Ausbildung der am besten strukturierte Landkreis in ganz Niedersachsen zu werden. Wir haben gute Arbeitgeber und eine gute Struktur, aber Mobilität und Wohnraum sind andere Fragen.

Und was sind die anderen beiden großen Blöcke?

Helwig: Thema Familie. Das bringe ich ja nun von Herzen mit. Wir haben supergute Voraussetzungen. Aber es gibt einiges, was nicht befriedigend ist. Zum Beispiel die Kita-Plätze. Wir haben sie, aber es fehlt das Personal.

Das ist ein landesweites Problem. Wie will man das ändern?

Helwig: Es geht um eine attraktive Ausbildung von Erzieherinnen. Damit hängen dann auch noch viele andere Themen mit zusammen. Vor allem die Wohnraumsituation.

Und das dritte Thema?

Bassen: Altenheime sind eine Grundvoraussetzung, aber kein Angebot für ältere Menschen. Das muss da sein, es geht darum, Attraktivität zu schaffen für ältere Menschen.

Helwig: Das Ehrenamt spielt eine große Rolle. Gerade wenn wir im sozialen Bereich sind, müssen wir das im Auge haben. Wir haben im Landkreis gutes Ehrenamt. Das gilt es zu sehen, zu achten, zu fördern. Mit Ehrenamt lassen sich Vernetzungsstrukturen besser realisieren – zwischen Jung und Alt.

Welche Mehrheit ist aus Ihrer Sicht die beste für den neuen Kreistag?

Bassen: Eine von der SPD geführte Mehrheit.

Allein wird sie es nicht schaffen ...

Helwig: Mit Blick auf die wichtigen Themen Klima und Umwelt wird es wichtig sein, dass sie rot-grün ist. Bassen: Aber mit einer starken SPD.

Wie sieht denn Ihre Kandidatenliste aus?

Bassen: Es wird auf jeden Fall schon drüber gesprochen. Sie ist noch nicht da, aber sie ist in Arbeit.

Nils Bassen wird drauf stehen. Ina Helwig auch?

Bassen: Ich werde wieder kandidieren. Wir wollen neue Mehrheiten, und wir wollen gestalten. Wir haben gute Ideen gefunden, die wir umsetzen möchten.

Helwig: Ich würde mich freuen. Selbstverständlich möchte ich auf der Liste stehen – auch für den Stadtrat.

Was muss denn Ihrer Meinung nach eigentlich besser werden in der SPD?

Helwig: Was ich mir wünsche, ist an der einen oder anderen Stelle ein bisschen mehr Deutlichkeit bei dem, wofür wir stehen. Ich wünsche mir den Mut, die Parteiinhalte und die Ziele noch deutlicher nach außen zu vertreten. Denn das, wofür wir stehen, ist das, was die Gesellschaft gerade braucht.

Bassen: Es fehlt so ein bisschen die Identifikation. Die Leute laufen mit einem HSV-Schal oder Werder-Schal rum – richtig cool. Ich würde gerne den ganzen Sommer mit einem SPD-T-Shirt rumlaufen, weil ich es einfach geil finde.

Die Doppelspitze

Ina Helwig und Nils Bassen bilden die neue SPD-Doppelspitze im Landkreis Rotenburg. Ina Helwig aus Rotenburg ist 38 Jahre alt und zweifache Mutter. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin beim Familienforum Simbav. Nils Bassen aus Scheeßel ist 28 Jahre alt und studiert auf Lehramt. Er will im Bereich Wirtschaft unterrichten.

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Rotenburg (Wümme)
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