INTERVIEW Meike Pesch ist neue Leiterin der Kreismusikschule

„Es fehlt das Knistern“

Pianistin und Pädagogin: Meike Pesch leitet die Kreismusikschule.
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Pianistin und Pädagogin: Meike Pesch leitet die Kreismusikschule.

Rotenburg – In der Kreismusikschule Rotenburg weht seit vergangenem Sommer ein frischer Wind. Meike Pesch führt dort jetzt Regie. Die neue Leiterin der Einrichtung hatte zuvor als Stellvertreterin von Gert Lueken gearbeitet – und nach dessen Verabschiedung in den Ruhestand einen Start, der alles andere als einfach war. Denn auch die Kreismusikschule hat ganz ordentlich mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen.

Frau Pesch, jetzt spielen Sie als Pianistin in der Kreismusikschule die erste Geige. Wie klappt das?

Das ist überhaupt kein Problem. Mit meinem 18. Lebensjahr habe ich den Beruf Musikschulpädagogin eingeschlagen. Und das wusste ich schon, seit ich zwölf Jahre alt war. Dann musste ich lernen, dass man in Deutschland nicht so einfach feste Stellen bekommt. Dadurch wurde ich in den Pianistenmodus eingespeist, das heißt, ich habe neun Jahre studiert und alle Abschlüsse gemacht bis zur Konzertpianistin. In diesem Rahmen habe ich dann auch richtig konzertiert. Mit allem, was dazu gehört. Das habe ich voll und ganz gelebt. Eine tolle Zeit. Danach kam ein radikaler Cut, ich war zehn Jahre Hausfrau und Mutter. Meine Hobbys: Pianistin und Pädagogin. Das war schon hier in Rotenburg. Und dann bin ich hier reingewachsen. Vor drei Jahren kam eine relativ klare Anfrage von Tilman Purrucker, ob ich die Stellvertretung mit Zielrichtung Leitung übernehmen möchte. Ich habe gesagt, okay, gucken wir erst einmal. Dann war mir schnell klar: Mit diesem Team kann ich mir das vorstellen. Doch ich musste noch viel lernen – das war teuer und arbeitsintensiv. Hat man das aber geschafft, fühlt man sich auch stark genug dafür.

Sie hatten zuvor Gelegenheit, sich bei Tilman Purrucker und Ihrem Vorgänger Gert Lueken viel abzugucken. Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit?

Tilman Purrucker hat diese Schule durch und durch geprägt. Seine Menschlichkeit und Großzügigkeit – davon kann man sehr viel lernen. Was er mir sagte: Er lernt jeden Tag Neues dazu. Mir geht es genauso. Jede Situation muss man sich genau angucken – das habe ich wirklich von ihm gelernt.

Sie sitzen aber nicht nur am Schreibtisch, sondern unterrichten auch nach wie vor. Wie schwer ist dieser Spagat?

Gar nicht schwer. Wunderbar. Ich genieße inzwischen jedes Unterrichten. Ich finde es manchmal schade, dass ich nur noch zwölf Stunden unterrichte. Es ist genau der Gegenpol, den ich brauche. Morgens sitze ich am Schreibtisch und konstruiere, und nachmittags sitze ich mit einem Schüler zusammen und unterrichte.

Wie entwickelt sich die Kreismusikschule?

Wir hatten Anfang vergangenen Jahres ungefähr 1 700 Schüler und knapp 45 Mitarbeiter. Ich sehe zu, dass ich jüngere Leute heranhole. Und das geht auch gut. Ich stelle fest, dass wir zunehmend international werden: Bulgarien, Schottland, Italien und viele andere. Das ist ganz toll zu sehen. Sie sprechen alle Deutsch und haben Lust, richtig etwas zu bewegen. Dadurch entwickelt sich auch eine andere Sichtweise. Und ich stehe in der Mitte und versuche, das alles zu verknüpfen. Das bringt viel Spaß.

Sie sind also Managerin in einem großen Unternehmen. Womit haben Sie es am meisten zu tun?

Im letzten halben Jahr hatte ich jeden Tag neu zu managen. Corona durchkreuzte alles. Das, was ich eigentlich machen wollte, gestalten, dazu war keine Zeit. Das erste, was sein muss, ist, dass der Betrieb läuft, alle Schüler, alle Kooperationspartner zufrieden sind und wir trotz Corona unterrichten können. Ganz wichtig dabei: Wir müssen digital werden. Meine Kollegen standen darin oft genauso in den Kinderschuhen wie ich Anfang des Jahres. Wir mussten alle völlig neu lernen. Ich hatte tatsächlich Kollegen, die noch kein Handy hatten. Wir mussten reagieren, und dabei ging es um ganz viel Kommunikation. Das ist eine tolle Chance gewesen, denn wir mussten miteinander reden. Machen wir das nicht, können wir auch nicht erwarten, dass beispielsweise in Sottrum die Bläserklassen funktionieren. Aber wir haben ganz viel geschafft.

Was heißt das?

Wir mussten den Pfad vorgeben. Auch den Kollegen. Was machen wir? Wie machen wir es digital? Selbst ich habe jetzt mein erstes Video für Youtube gemacht. Weil meine Schüler einfach einen Film brauchten, wo sie drauf spielen und welchen sie der Oma zeigen können. Wir dürfen keine Konzerte machen, also muss es so gehen. Das ist die größte Herausforderung gewesen.

Wie sehr schmerzt es, gerade in der Weihnachtszeit auf Konzerte verzichten zu müssen?

Das ist eine große Problematik. Es ist menschlich sehr schwierig. Die Musik fehlt. Was noch viel mehr fehlt, ist das Verständnis der Menschen, dass Kultur etwas Existenzielles ist. Für uns alle.

Ist mit den coronabedingten Maßnahmen eine Trendwende für Ihre Arbeit verbunden?

Wir sind uns darüber im Klaren, dass unseren direkten Unterricht nichts ersetzen kann. Der digitale Unterricht wird ihn nicht ersetzen, weil es viel mit Menschlichkeit zu tun hat, die sich mit Zoom und Skype nicht rüberbringen lässt. Und wir freuen uns riesig, wenn wir wieder Konzerte spielen dürfen. Das brauchen wir auch. Wenn wir gut weitergeben wollen, was Musik ausmacht, müssen wir selbst Musik machen dürfen. Dazu gehört auch ein Publikum. Das wird uns zurzeit genommen und schlägt teilweise auch aufs Gemüt. Aber wir mussten und durften viel Neues lernen, wodurch wir digitale Möglichkeiten dazugewinnen. Ohne Corona hätten wir wahrscheinlich nie WLAN in der Schule bekommen. Daher bin ich dankbar für das, was uns der Landkreis ermöglicht.

Die Musikschule ist nach wie vor gefragt. Warum ist Musik so wichtig?

Musik ist etwas, das uns im Inneren stabilisiert, was uns durch alle Kriege gebracht hat. Die Hungersnot hat uns nicht zu Boden gerissen. Aber wenn die Menschen nicht mehr singen durften, dann war es vorbei. Musik ist etwas, wodurch das gesamte Gehirn zu wachsen beginnt und Empathie ausgebaut wird. Das ist etwas, was wir gerade jetzt in Corona-Zeiten ganz dringend brauchen. Ich merke, dass gerade jetzt auch viele kommen, die mit einmal Zeit haben und sagen, hey, ich habe mal Klavier gespielt, bin jetzt alleine zu Hause und hätte eigentlich gerne wieder einen Lehrer. Ich bin davon überzeugt, dass wir ohne Musik nicht leben können.

Wie gehen die jungen Schüler mit der Situation um?

Den jungen Schülern fällt es total schwer, nicht vorspielen zu dürfen. Deshalb ist die Verpflichtung eigentlich, dass man versucht, wo es irgendwie geht, den Schülern eine Alternative aufzuzeigen. Das Kollegium wollte den Kindern auch etwas anbieten. Seitdem wir das tun, gibt es wieder Ziele für sie, worauf sie hinarbeiten. Sie können für Oma ein Video drehen. Dabei arbeiten wir so zusammen, dass wir uns links und rechts die Hand geben. Mentoring wird so groß geschrieben, wie noch nie zuvor. Das gilt seit dem ersten Lockdown. Die Schule war immer präsent, und wir trauen uns ganz viel zu. Ich denke nie in Problemen, sondern in Lösungen.

Was macht Corona mit der Kultur insgesamt?

Das Problem: Die Live-Konzerte brechen uns weg. Das trifft jeden. Publikum ist nur über Aufnahmen zu erreichen. Es fehlt das Knistern zwischen Publikum und Musiker. Der Bildschirm knistert nicht.

Musste es erst einen Lockdown geben, um zu erkennen, was uns damit fehlt?

Vermutlich ja, und wir merken, dass die Politik erst sehr spät reagiert. Die Künstler fallen hinten rüber, die Hilfen greifen nicht. Ich wünsche mir, dass die Politik das erkennt und hier aktiver unterstützt. Die Kultur zu erhalten, ist für die Gesellschaft ganz wichtig.

Was wird sich an der Musikschule ändern?

Ich möchte, dass sich die Kreismusikschule hier als musikalisches Kompetenzzentrum entwickelt. Alle, die an Musik interessiert sind, egal ob Pop, Jazz oder Klassik, sollen wissen, dass sie hier einen Anlaufpunkt haben. Damit es ein großes Miteinander wird, und auf keinen Fall ein Konkurrenzdenken.

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