Auf lange Sicht fehlen im Landkreis Rotenburg niedergelassene Ärzte

Es drückt bei Ärzten an allen Ecken

Schild mit Stethoskop
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Hausarztstellen neu zu besetzen wird gerade im ländlichen Raum ein immer größeres Problem.

Mit der Pandemie wird den Menschen gerade im ländlichen Raum noch einmal vor Augen geführt, welch wichtige Arbeit niedergelassene Ärzte verrichten. Aber die Versorgung der Menschen steht auf wackligen Füßen – der Nachwuchs fehlt. Ein Ausblick.

Rotenburg – Die junge Frau tut das, was der Volksmund als „sparsam gucken“ bezeichnet. Sie ist gerade aus dem Bremer Stadtteil Findorff nach Bremen-Nord gezogen. Toll, muss sie sich gedacht haben, eine Arztpraxis gleich in der Nachbarschaft, dort könne sie sich ja als Patientin registrieren lassen. Doch weit gefehlt, sie möge doch bitte eine E-Mail schreiben.

Allerdings müsse sie mit Wartezeit von drei Monaten rechnen. Was die junge Frau erlebt, ist typisch: Einerseits werden Hausarztpraxen von willigen Patienten förmlich überrannt, andererseits geben immer mehr Mediziner zumeist aus Altersgründen ihre Tätigkeit auf. Nachfolger sind nicht in Sicht – die Kassenärztlichen Vereinigungen, die Krankenkassen und Wissenschaftler registrieren schon seit Jahren eine immer geringere Bereitschaft angehender Mediziner, sich als Haus- oder als Facharzt niederzulassen. Dieses Problem betrifft aktuell weniger die Städtzentren, sondern den ländlichen Raum sowie die Stadtrandbereiche.

„Bei der Besetzung von Arztsitzen heißt das Zauberwort work-life-balance“, bennennt Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), das Problem. Wer heute vor der Frage stehe, eine bestehende Praxis zu übernehmen oder gar eine neue zu eröffnen, schaue beispielsweise, ob die Partnerin oder der Partner „einen adäquaten Arbeitsplatz“ in der Nähe finde. Und sind Kinder da oder geplant, spiele das Schul- und Betreuungsangebot eine entscheidende Rolle. Weitere Fragen sind laut Haffke die Häufigkeit von Bereitschaftsdiensten abends oder am Wochenende, die Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Ärzten der Region, die Freizeitmöglichkeiten und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Landkreis noch gut versorgt

Laut KVN ist der Landkreis Rotenburg derzeit noch gut mit Haus- und Fachärzten versorgt, wenn auch noch Luft nach oben ist. Die rechtliche Grundlage dafür ist die sogenannte Bedarfsplanung. Für diese gibt es regionale Betrachtungsräume, die Planungsbereiche. Auch die Verhältniszahlen „Bevölkerung zu Ärzten“ einer Fachrichtung ist wichtig. Hinzu kommt die Frage, wie hoch der Versorgungsgrad an Medizinern einer Fachrichtung ist. Liegt dieser bei 110 Prozent im Verhältnis zur Bevölkerung, ist dieser Bereich gesperrt. Zur dieser Berechnung liegt jeweils wieder eine Verhältniszahl zugrunde. Beispielsweise solle laut Haffke ein Hausarzt 1 609 Einwohner versorgen. Ein Augenarzt sei etwa für 12 460 Einwohner zuständig. Und: Die Verhältniszahlen können in den einzelnen Bereichen leicht variieren. Je niedriger der Versorgungsgrad, umso mehr Ärzte der Fachrichtung können sich dort niederlassen. Oder anders ausgedrückt: „Versorgungsgrade unter 100 Prozent zeigen einen Bedarf auf.“

Für den gesamten Landkreis Rotenburg ist laut KVN die hausärztliche Versorgung noch gut, aber eben nicht mehr optimal. Der Bedarf liege bei elf Hausärzten. Anders sieht es bei den Fachärzten aus. Hier gilt für den Landkreis eine Sperre, weil der Versorgungsgrad bei über 110 Prozent liegt. Laut KVN-Statistik gibt es lediglich Bedarf für einen Psychiater und 2,5 Psychologische Psychotherapeuten.

Was aber tun, damit die Versorgung der Bevölkerung in den ländlichen Bereichen mittel- und langfristig nicht zu einem Desaster wird? Hier ist in erster Linie die Kassenärztliche Vereinigung gefordert. Vor allem der eigene Strukturfonds soll wenn nicht Heilung, so doch wenigstens Linderung bringen. Bislang hat die KVN nach Auskunft ihres Sprechers 20 Millionen Euro für „Niederlassungen, Anstellungen und Praxisübernahmen in Gebieten, die von Unterversorgung bedroht sind“, ausgegeben. Allerdings: „Der Landkreis Rotenburg gehört bisher nicht dazu.“

Der Ärztemangel ist eklatant.

Diako-Sprecher Lars Wißmann

Doch die Zukunftssicherung müsse schon viel eher beginnen – auch bei Studierenden. Seit langem fordern die Ärztevertreter eine Ausweitung des Studienplatzangebotes sowie gezielter Förderung von künftigen Hausärzten. Allerdings sei nicht nur die Förderung mit Geld notwendig. Hierzu zählen unter anderem auch Ansprache der Studierenden durch die Teilnahme der KVN an Messen, Hochschulsprechstunden, Studierendentreffen und -exkursion. Im Landkreis Rotenburg werden nach einem Kreistagsbeschluss von 2018 mittlerweile sechs Medizinstudenten mit einem Stipendium unterstützt – unter der Bedingung, dass sie später auch hier arbeiten.

Um die Versorgung der Menschen in Stadt und Land in Zukunft mit ausreichend Haus- und Fachärzten zu gewährleisten, sind in den vergangenen Jahren die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) entstanden – unter anderem nach der Schließung der Ostemed-Klinik in Zeven. Dort arbeiten Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen unter einem Dach. Jedoch: Ein MVZ scheint nur für die fachärztliche Versorgung erfolgreich zu sein. Dies lässt zumindest Lars Wißmann, Theologischer Direktor und Pressesprecher des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg, durchblicken. „Die fachärztliche Versorgung über ein MVZ hat sich bewährt. Somit leisten wir einen hohen Beitrag zur Sicherstellung der Versorgung in der Region, und wir sehen keine Sinnhaftigkeit in einer erneuten Änderung der bestehenden Strukturen.“ Das Klinikum habe versucht, eine Hausarztpraxis mit einem festangestellten Mediziner zu etablieren. Doch dies habe nicht funktioniert, weil in diesem Fall der Drang in die Selbstständigkeit größer gewesen sei.

Gute Erfahrungen mit dem MVZ

Gute Erfahrungen mit einem MVZ hat auch das Krankenhaus des benachbarten Landkreises Osterholz gemacht – und das bereits seit dem Jahr 2006. Laut Krankenhausleiter Klaus Vagt sind die Mediziner ausschließlich im MVZ tätig. Das MVZ „füllt eine teilweise große medizinische Lücke“, zieht Vagt Bilanz, es lasse sich eine „Verbindung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung herstellen“.

Aber was kommt nach dem MVZ beziehungsweise der fachärztlichen Behandlung? Hier skizziert Wißmann das besondere (Rotenburger) Problem: die Nachsorge nach einem stationären Aufenthalt im Diakonieklinikum. Dann mache sich besonders bemerkbar, dass zunehmend Hausärzte fehlten. „Ferner taucht das Problem bei uns in der Notaufnahme auf, wenn Patienten mit Beschwerden vorstellig werden, die die Abläufe und Ressourcen absorbieren, die schwerkranken Patienten vorbehalten sein sollten“, ergänzt der Agaplesion-Sprecher. Wißmann zieht eine ernüchternde Bilanz: „Der Ärztemangel ist eklatant.“ Die Politik müsse dringend mehr unternehmen, um „unter anderem die Rahmenbedingungen für hausärztliche Tätigkeiten im ländlichen Raum zu verbessern.“ Krankenhaus-Leiter Vagt aus Osterholz-Scharmbeck weiß: „Man muss nach neuen Konzepten suchen.“ Dazu könne gehören, Kliniken über das Zulassungsrecht „für bestimmte ambulante Leistungen zu öffnen“. Bislang ist dies alleine Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen der Bundesländer.

Ein Hausarzt kümmert sich um rund 1 700 Bürger

Wenn es um die Versorgung mit Hausärzten geht, erfolgt dies laut Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), über sogenannte Mittelbereiche – dem Zusammenschluss von Gemeinden. Die fachärztliche Versorgung sei im gesamten Landkreis zu planen. Demnach gibt es im Landkreis Rotenburg drei hausärztliche Planungsbereiche:

- Bremervörde mit den Gemeinden Alfstedt, Anderlingen, Basdahl, Bremervörde, Stadt, Deinstedt, Ebersdorf, Farven, Gnarrenburg, Hipstedt, Oerel, Ostereistedt, Rhade, Sandbostel, Seedorf, Selsingen. Dort leben 43 692 Menschen, ein Hausarzt soll 1 695 Bürger behandeln. 24 Hausärzte sind aktuell tätig, und der Versorgungsgrad liegt bei 91,1 Prozent. Somit können sich fünf weitere Hausärzte bis zur Sperrung niederlassen.

- Rotenburg mit den Gemeinden Ahausen, Bötersen, Bothel, Brockel, Fintel, Hassendorf, Hellwege, Helvesiek, Hemsbünde, Hemslingen, Horstedt, Kirchwalsede, Lauenbrück, Reeßum, Rotenburg, Scheeßel, Sottrum, Stemmen, Vahlde, Visselhövede-, Westerwalsede. Dort leben 75 604 Menschen, ein Hausarzt soll 1 708 Bürger behandeln. Tätig sind 43,5 Hausärzte. Der Versorgungsgrad liegt bei 98,2 Prozent, also können sich rechnerisch 5,5 weitere Hausärzte bis zur Sperrung niederlassen.

- Zeven mit den Gemeinden Breddorf, Bülstedt, Elsdorf, Groß Meckelsen, Gyhum, Hamersen, Heeslingen, Hepstedt, Kalbe, Kirchtimke, Klein Meckelsen, Lengenbostel, Sittensen, Tarmstedt, Tiste, Vierden, Vorwerk, Westertimke, Wilstedt, Wohnste, Zeven. In diesem Mittelbereich leben 45 327 Menschen, ein Hausarzt soll 1 804 Bürger behandeln. 26,75 Hausärzte sind im Mittelbereich aktuell tätig. Der Versorgungsgrad liegt bei 106,5 Prozent. Platz ist bis zur Sperrung für einen weiteren Hausarzt.

Bei den Fachärzten geht nichts mehr, weil der Versorgungsgrad bei über 110 Prozent liegt. Laut KVN gibt es lediglich Bedarf für einen Psychiater und 2,5 Psychologische Psychotherapeuten.

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