1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

Erzieher und Tagespflegepersonen: Wunsch nach Verlässlichkeit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ann-Christin Beims

Kommentare

Viele Interessierte aus dem Landkreis Rotenburg und dem Heidekreis schalten sich in die Zoom-Konferenz mit Lars Klingbeil und Sebastian Zinke ein.
Das Thema zieht: Insgesamt 59 Interessierte, Erzieher und Tagespflegepersonen, haben sich in das Gespräch mit den beiden Abgeordneten Lars Klingbeil und Sebastian Zinke eingeschaltet. © Beims

Rotenburg – Selten finden sich so viele Menschen in einem digitalen Gespräch mit Lars Klingbeil ein, wie es an diesem Abend der Fall ist: 59 Personen sind kurz nach Beginn der Zoom-Konferenz aus dem Landkreis Rotenburg und dem Heidekreis zugeschaltet. „Das zeigt die Dringlichkeit“, so Klingbeil. Es sind vorrangig Erzieher und Tagespflegepersonen, die sich mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten sowie dem Walsroder SPD-Landtagsabgeordneten Sebastian Zinke austauschen wollen.

Es gibt viele Probleme, die überall gleich sind, die Lösungen erfordern – und das nicht erst in einigen Monaten. Viele solcher Gespräche führt Klingbeil derzeit, er hört zu und lobt am Ende die „offene, angenehme und konstruktive“ Runde, das habe er schon anders erlebt. „Es ist ein Thema, bei dem bei mir wahnsinnig viel aufgelaufen ist“, leitet er kurz in das mehr als anderthalbstündige Gespräch ein. Vor allem viele Tagespflegepersonen werden sich in dieser Zeit einschalten und machen sehr deutlich, was sich ändern muss. Sie sind zwar größtenteils froh, weiterarbeiten zu können, aber sie fühlen sich oft nicht gesehen. „Da fehlt mir ganz gewaltig die Unterstützung“, merkt Susanne Liebold, Tagesmutter aus dem Heidekreis, an.

Zwischen Mehrarbeit und Mehrkosten

Sie und weitere Kolleginnen führen die Mehrarbeit ins Feld, die sie durch die Hygienemaßnahmen haben, und dadurch Mehrkosten, die aber nicht in dem Maß ausgeglichen werden. Manche haben unter anderem in Luftfilteranlagen investiert. Viele haben Sorge davor, was passiert, wenn sie sich anstecken oder durch einen Fall bei sich in Quarantäne müssen. Das Quarantäne-Geld würde nur einen Bruchteil des normalen Einkommens ausmachen. „Das ist existenzbedrohend – und wir gefährden uns und unsere Familien jeden Tag“, so Liebold.

Distanz halten, wenn ein Kind zum Beispiel weint, das geht nicht – da sind sich alle einig. Und: Wer eigene Kinder hat, „läuft auf Kante“, merkt Alexandra Bayram an. Sie ist Celler Regionalgruppensprecherin der Berufsvereinigung der Kindertagespflegepersonen. Wenn in anderen Berufsschichten angemerkt wird, dass Kinderbetreuung und Homeoffice eine schwierige Kombination ist, so gelte gleiches auch hier.

Die Frage nach der Impfung

Die finanzielle Situation – ohnehin etwas, das Sorgen bereitet, gerade den Selbstständigen. So geht es auch darum, wie es mit den Elternbeiträgen aussieht, wenn Kinder nicht in die Tagespflege gehen. Im Heidekreis fallen diese nach jüngstem Beschluss weg, aber wenn die Betreuung einigermaßen gewährleistet ist, laufen die Zahlungen des Landes an die Landkreise weiter. „Sodass sie in der Lage sein müssten, eine Entscheidung dazu zu treffen“, so Zinke. In Rotenburg habe es dazu aber noch keine gegeben, meint Tagesmutter Kirsi Lindemann – im ersten Lockdown sei es aber hier ebenso gewesen. „Ich habe Eltern, die ihre Kinder seit zwei Monaten nicht bringen und es wissen möchten.“ Klingbeil will das Problem nun an den Rotenburger Kreistag herantragen.

Auch Teststrategien und Impfungen werden viel diskutiert. Nach aktuellem Stand fallen die Erzieher und Tagespflegepersonen in Gruppe 3. Diese würde geimpft, sobald die über 70- und über 80-Jährigen ihre Dosis erhalten haben. Der Zeitpunkt ist weiter unklar – das hängt vom Nachschub ab und ob eventuell der Impfstoff von „AstraZeneca“ nur an Jüngere verimpft werden kann – dann, so Klingbeil, könnte die Gruppe vorgezogen werden. Möglicherweise in den nächsten vier Wochen. Eine Aussage, die Bispingens Bürgermeister Jens Bülthuis so nicht stehen lassen mag. „Bei allem Wohlwollen, da habe ich eine andere Wahrnehmung – es wäre vermessen, Hoffnung zu wecken, die wir vielleicht nicht halten können.“ Er rechne eher mit Mai.

Schnelltests auch für die Kinder?

Es bleibt ein schwieriges Thema, das verhehlen die Abgeordneten nicht. Und auch, dass sie nicht immer ganz glücklich mit den Aussagen von Gesundheitsminister Jens Spahn sind – zum Beispiel beim Corona-Bonus, der nur an Einzelne ging, was Unmut geschürt hat. „Diese Bonuszahlung hat mehr kaputt gemacht in der öffentlichen Debatte, als das es Dank und Wertschätzung war“, merkt Klingbeil an. „Es darf aber auch nicht nur bei schönen Worten bleiben.“ Es bedarf generell unter anderem einer besseren Bezahlung.

Schnelltests sind vielen ebenfalls wichtig. Nicht nur für die Erzieher und Tagespflegepersonen, auch für die Kinder – „über die noch keiner spricht“, so Beate Geisel, Leiterin einer Kita in Walsrode. Das sieht ihr Kollege Thomas Morick, Kita-Leiter im Landkreis Rotenburg, ähnlich. Aus Gesprächen mit Eltern, sagt er, hat er den Eindruck, dass das noch ein blinder Fleck sei.

Hinzu komme: „Wenn wir als Fachkräfte geimpft sind, sind es die Eltern und Kinder noch nicht“, gibt Tagesmutter Saskia Rupalla zu bedenken. In Oerel in der Samtgemeinde Geestequelle gehören Schnelltests indes schon zum Alltag, erklärt die dortige Kita-Leiterin Adelheid Pohl. Man sei dafür geschult worden – ein Faktor, der bedacht werden muss, nicht jeder kann die Tests einfach anwenden. „Die Leute müssen angelernt werden“, betont Klingbeil.

Detailarbeit ist nun gefragt

Am Ende ist beiden Abgeordneten vor allem eines wieder deutlich geworden: Es gibt viele Dinge, an denen im Detail gefeilt werden muss – dringend. Kitas und Tagespflegestellen sind nicht nur Notbetreuung, sondern ermöglichen Bildung und Entwicklung. Das braucht Kontakt, das braucht Freunde. Belastung und psychischer Druck sind hoch, auf allen Seiten: Was bedeutet der fehlende Kontakt für die Kinder und ihre Entwicklung; aber auch, was nehmen die Kinder aus den Elternhäusern mit in die Tagespflege oder Kitas? „Bei Ihnen kommt das an, was Zuhause schief läuft“, so Klingbeil. Und auch Eltern lassen ihre Sorgen und Nöte bei den Erziehern.

Da „wir in irgendeiner Form mit dem Virus leben müssen“, so Zinke, sei eine Teststrategie sinnvoll. Strategien, klare Ansagen, das wollen die Teilnehmer. „Wir suchen Verlässlichkeit. Nicht darin, wie die nächsten Monate aussehen, das kann keiner sagen. Aber Verlässlichkeit zeigt sich auch in ,ich sehe dich, ich höre dich, ich bin für dich da‘“, sagt Rupalla, ganz so, wie es die Kinder auch lernen.

Auch interessant

Kommentare