Erstspende: Vom Empfang mit der Tafel Schokolade bis zur gefüllten Blutkonserve

Ein Neuling an der Nadel

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Sie hat sich getraut: Die Kollegin ist Erstspenderin.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Für die Deutsche Knochenmarkspende (DKMS) habe ich mich schon vor einiger Zeit registrieren lassen, auch einen Organspendeausweis trage ich bei mir. Aber Blut zu spenden – davor hatte ich bisher immer Respekt. Bis jetzt. Dem Motto „Schenke Leben. Spende Blut.“ des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) wollte ich mich nicht länger entziehen.

Der Grund für mein längeres Zögern ist schnell erklärt: Sobald eine Blutuntersuchung anstand, war mein Kreislauf leider nie besonders erfreut. So manches Mal endete der Arztbesuch beinahe auf dem Fußboden oder einer Tischkante, hätte niemand aufgepasst. Diesmal wollte ich mich aber nicht drücken. Der Spendetermin an der Theodor-Heuss-Schule in Rotenburg stand an – und ich wollte dabei sein.

Schon nach dem kurzen Weg bis zum „Empfangstisch“, an dem zwei Helfer sitzen, zeigt sich: „Hier ist aber ganz schön schlechte Luft.“ Es ist ziemlich warm an diesem Tag. Doch das hilft alles nichts, nun bin ich ja schon da. Die beiden am angesprochenen Empfang fragen mich nach meinem Personalausweis und drücken mir, nachdem sie eine Kopie davon gemacht haben, einen Fragebogen und ein Infopapier in die Hand. Einen Aufkleber, der mich als Neuling kennzeichnet, und eine Tafel Schokolade – für meine erste Spende – ebenfalls. Die Belohnung gibt es also schon im Voraus, obwohl es auch noch sein kann, dass ich nicht geeignet bin.

Es geht weiter an einen der Stehtische, wo ich den Fragebogen ausfülle und zur Sicherheit noch einen Becher Cola trinke. Ich will ja nicht wieder umkippen. Auf den Blättern fragt mich das DRK nach meiner gesundheitlichen Vorgeschichte, zum Beispiel, ob ich mich völlig gesund fühle, ob ich innerhalb der vergangenen sechs Monate im Ausland war und ob ich jemals einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs hatte. Damit will das DRK Spenderschutz gewährleisten, erklärt Manfred Iburg, Gebietsreferent beim DRK für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Oldenburg und Bremen (NSTOB). Gibt es ein Risiko, kommt es gar nicht erst zur Spende oder diese wird im Anschluss entsorgt.

Nachdem ich mich durch den Bogen gearbeitet habe, folgt der Test, bei dem eine weitere DRK-Helferin meinen Hämoglobinwert, den sogenannten roten Blutfarbstoff, bestimmt. Dabei handelt es sich um den Eisenwert im Blut. „Der kann zum Beispiel durch Stress, Nahrung oder Schwangerschaft schwanken“, so Iburg. Das könne eine Woche später schon wieder ganz anders aussehen. Dem DRK gehe es dabei zum einen um die Qualität des Blutes. „Zum anderen darum, den Spender nicht zu gefährden“, erklärt Iburg. Zu dem allgemeinen Check, ob der Spender fähig ist, gehört auch die Messung der Temperatur und des Blutdrucks.

Im Anschluss geht’s zum Arzt. Der misst den Puls und geht mit mir noch einmal kurz den Fragebogen durch. Scheinbar ist alles in Ordnung, denn ich darf in den Raum, in dem es dann zur Sache geht. Dort reihen sich mehrere Liegen aneinander. Und jetzt bin ich doch etwas nervös. Zuerst muss ich aber ein weiteres Formular abgeben: den freiwilligen Selbstausschluss. Das bedeutet, dass ohne Gruppenzwang zum Beispiel durch Familienangehörige und Freunde, die bei der Spende dabei sind, die Möglichkeit gegeben sein muss, vertraulich mitteilen zu können, ob das Blut verwendet werden kann oder nicht. Dabei gehe es beispielsweise um Homosexualität, die geheim bleiben soll, ungeschützten Geschlechtsverkehr oder Suchtprobleme, klärt Iburg auf. „Ein Prozent aller Spender lässt sein Blut wegschmeißen“, so der Gebietsreferent aus Cuxhaven.

Ein kleiner Piks und schon fließt das Blut.

Dann geht’s ans Eingemachte. Die Frage ist: linker oder rechter Arm? Ich entscheide mich für links, obwohl ich nicht weiß, ob die DRK-Helferin meine Ader dort wirklich besser findet. Ich setze mich auf den Stuhl, der mich in eine halbliegende Position versetzt. Nach kurzer Wartezeit kommt die Helferin schließlich zu mir, packt die Nadel aus der Hülle – und sticht zu. Von der Seite spüre ich den Blick meiner Begleiterin, die bereits an der Nadel hängt: eine Mischung aus Respekt und Ekel, weil ich genau hinschaue, wie die Nadel in meiner Haut versinkt. Halb so schlimm, finde ich. „Es ist normal, eine gewisse Angst vor Nadeln zu haben“, so Iburg. Er rät Erstspendern, dass sie „Charakterstärke beweisen, es überwinden und dem Empfänger in einer lebensbedrohlichen Situation helfen“. Iburg empfiehlt ebenfalls, vor der Spende genügend zu essen und zu trinken, um einen Kollaps zu vermeiden. „Dafür kann man auch schon vorher zum Büfett gehen, auch wenn es eigentlich als Belohnung im Anschluss gedacht ist.“

Während ich warte, bis die benötigten 500 Gramm Blut – es dauert bei mir etwa sechs Minuten – in den Beutel fließen, beobachte ich die Waage, die das bereits abgegebene Blut in der Konserve bewegt. „Darin ist Gerinnungsverhinderer, damit das Blut nicht klumpt“, erklärt Iburg. Auf dem Beutel der anderen sehe ich farbige Aufkleber und erfahre: Auf diesem steht die Blutgruppe. Der fehlt bei mir noch. Bis in die 1940er Jahre kannte man vier Blutgruppen: A, B, AB und 0. Seitdem wird auch der Rhesusfaktor – positiv oder negativ – bestimmt. Deshalb gibt es mittlerweile acht Gruppen. Die wichtigste ist 0 negativ, denn „die ist universell einsetzbar“, so Iburg. Das heißt, es ist egal, welche Blutgruppe der Patient hat, er kann immer eine Konserve mit 0 negativ bekommen. Nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung gehören dieser Gruppe an. Die häufigste ist A positiv – der gehöre auch ich an, wie ich einige Tage später erfahre, als ich meinen Spenderausweis per Post erhalte.

Zum Abschluss des Gesprächs fragt mich Iburg, ob mich das DRK denn als regelmäßigen Spender gewonnen hätte. Natürlich bleibe ich dabei. „Nehmen Sie beim nächsten Mal noch mehr Leute mit“, appelliert er. Es müsse ins Bewusstsein gerufen werden, dass gesunde Menschen kranken helfen, denn Blut kann nicht künstlich hergestellt werden.

Von Iburg erfahre ich auch, dass etwa 70 Prozent aller Deutschen einmal im Leben ein Blutprodukt brauchen. Besonders in den Sommerferien sei die Versorgung der Krankenhäuser aber schwierig. „Viele sind im Urlaub und gehen deshalb nicht zur Blutspende“, berichtet er. Auch wenn es zum Beispiel beim letzten Termin in der Theodor-Heuss-Schule in Rotenburg am ersten Tag 186 und am zweiten 158 Personen waren. Wenige Spender gibt es außerdem zu Weihnachten und Silvester. Die andere Seite der Medaille ist, dass in der warmen Jahreszeit viele mit dem Motorrad oder auf dem Weg in den Urlaub einen Unfall haben, also mehr Menschen Blutkonserven brauchen. „Und wenn der Arzt sieben Konserven braucht, aber nur fünf da sind...“

Spenden beim Diakoniklinikum:

In Niedersachsen spenden im Schnitt etwa 90 Personen pro Termin Blut. Die meisten Blutkonserven werden für Krebspatienten benötigt, das macht etwa 40 Prozent aus. Acht Prozent kommen bei der Unfallversorgung zum Einsatz. Generell kann spenden, wer älter als 18 Jahre ist und mindestens 50 Kilogramm wiegt. Frauen dürfen bis zu viermal, Männer bis zu sechsmal innerhalb von zwölf Monaten spenden. Zwischen zwei Spenden muss ein Abstand von mindestens acht Wochen liegen.

Für Donnerstag, 20. August, von 12 bis 17 Uhr haben übrigens das Rotenburger Agaplesion Diakonieklinikum und das DRK einen Blutspendetermin organisiert. Hintergrund sind die Aktionswochen „Mit Blut spenden Mut spenden“, heißt es in der Ankündigung. Damit wollen die Initiatoren auf Blutknappheit in Deutschland aufmerksam machen. Von 12 bis 17 Uhr steht der Blutspendedienst NSTOB im Buhrfeindsaal auf dem Mutterhausgelände bereit. Auch freiwillige Helfer der Gesundheits- und Krankenpflegeschule des Diakonieklinikums unterstützen das Team beim Ablauf, heißt es. Mitzubringen ist ein amtlicher Lichtbildausweis oder der Unfallhilfe- und Blutspenderpass.

www.diako-online.de

www.mutspende.de

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