Erster Teil der Serie über den Alltag in unseren Schulen: Ein Tag in der Montessori-Grundschule Rotenburg

Alles anders

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Unterricht an der Montessori-Grundschule Rotenburg

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Es ist früher Morgen, kurz vor halb acht, als ich mich am Rotenburger Kiebitzweg einfinde. Ich war bisher erst einmal kurz in einer Montessori-Schule, ich kenne nur wenig vom pädagogischen Ansatz, ich will erst mal gucken.

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Und ich traue meinen Augen und Ohren nicht! Es ist alles anders! Alles! Alles anders als zu meiner längst vergangenen Schulzeit, alles anders als das, was ich bisher gesehen und erlebt habe. Ich staune über die Ruhe. Es sind schon einige Kinder da, aber es ist erstaunlich still. Mein lautes „Guten Morgen“ zieht verwunderte Blicke nach sich. „Psst!“ Hier spricht man leise! Ich ziehe mich in eine Ecke zurück. Langsam trudeln mehr Kinder ein. Um kurz nach halb acht sind‘s immerhin schon neun. Aha, lerne ich, die Anfangszeit ist flexibel. Man trifft zwischen halb und viertel vor ein. Die, die da sind, nehmen sich was aus den Regalen und hocken sich zu zweit, zu dritt oder viert um einen kleinen Teppich auf den Boden. Manche sitzen an Schultischen. Die gibt‘s auch – locker verteilt im Raum.

Unterricht an der Montessori-Grundschule Rotenburg sieht etwas anders aus: keine klassischen Klassenstufen, freies Lernen.

Keine klassische Anordnung in Reihen. Kein Lehrertisch, und nur eine winzige Tafel. Der fremde Mann weckt Neugier: „Bist Du von der Zeitung?“, fragt ein Sechsjähriger, und ergänzt gleich: „Zeitung ist richtig viel Arbeit!“ Na, bitte. Der hat doch schon was gelernt! Seine etwa achtjährige Nachbarin meint: „Ich will später als Sängerin berühmt werden. Wir haben hier schon viele Fans!“ Sieh an! Übrigens: die Lehrerin ist längst anwesend, und inzwischen tummeln sich auch etwa 20 Kinder im Raum. Ulrike Hammer geht mal hier hin, mal dort hin. Sie gibt, wie es bei Montessori heißt: „Darbietungen“, Anstöße, Impulse. Da sind drei Mädchen aus dem dritten Jahrgang, die beschäftigen sich mit einer Afrika-Karte; zwei andere nehmen sich die Uhrzeit vor. Direkt vor mir steckt einer auf einer gelöcherten Tafel lauter farbige Pins nebeneinander. Sieht hübsch aus, aber wozu? Der Junge hat sich auf einem Zettel eine Zahl notiert: 2463. Er zieht hieraus, so erklärt mir seine Schulleiterin, spielerisch mit diesen grünen, blauen und roten Pins die Wurzel. Ich fasse es nicht! Das gelänge mir kaum ohne die Pins. Er kann es. Andere beschäftigen sich mit der Zeichensetzung, zu der die Lehrerin am Tag zuvor eine „Darbietung“ gegeben hatte. Ulrike Hammer hockt sich dazu und gibt ein paar Erklärungen. Als Lehrerin bei Montessori musst du beweglich sein, lerne ich. Das Leben der Kinder spielt sich überwiegend auf dem Fußboden ab. Da müssen die Erwachsenen eben runter.

Mit wachen Augen sieht sie, wenn irgendwo jemand längere Zeit allein herumsitzt. Montessori möchte das Gemeinsame fördern, etwas „miteinander machen.“ Es klappt in erstaunlicher Weise. Natürlich nicht immer. Es gibt mal eine, die doch nicht ganz so viel Lust hat, da einen, der sich mal eben kurz drückt (alle Türen stehen immer offen!), und einen, der sich langweilt. Die Bandbreite einer Grundschule findet sich auch hier: Kinder, denen das Lernen leicht fällt, Kinder, die erhebliche Schwierigkeiten haben. Trotzdem: die individuelle Förderung fällt sehr ins Auge.

In der Nachbarklasse sitzt ein Junge weinend in der Ecke. Maike Dhem, die Lehrerin in dieser Klasse, hat sich neben ihn gesetzt, redet mit ihm, tröstet ihn. Alle anderen arbeiten ruhig (tatsächlich ruhig!) weiter.

Zwei ordnen gerade gemeinsam Adjektive und Substantive, drei andere stellen fest, wer so alles zu einer Familie gehören kann. Macht hier eigentlich jeder nur, wozu und wie lange er gerade Lust hat? „Anstrengen, konzentrieren, dranbleiben“, erfahre ich, gehört auch zur Montessori-Pädagogik. Die Lehrerinnen achten darauf, dass es spielerisch bleibt (dazu helfen die sehr reizvollen Materialien), aber kein Spiel wird. Die Selbstständigkeit der Kinder zu fordern und zu fördern spielt eine besondere Rolle.

Und auch das Schulgebäude in Rotenburg selbst entspricht nicht unbedingt dem, was der Autor aus seiner eigenen Schulzeit kennt.

Trotzdem: nach gut zwei Stunden wird‘s auch am Kiebitzweg lauter! Das Nachlassen der Konzentration ist spürbar, und unübersehbar langweilen sich manche auch. Wäre ja auch noch schöner: eine Schule ganz ohne Langeweile!Ann Goertz kommt aus Schottland. Für jeweils 15 bis 20 Minuten holt sie sich drei bis fünf Kinder in einen kleinen Extra-Raum und lernt Englisch mit ihnen. Ab der ersten Klasse! Mit vielen Bildern, Liedern, Geschichten. „Bringt das was?“, frage ich. Ein besseres Sprachverständnis, so hofft man, eine fremde Sprache mal gehört zu haben und den enormen Wissensspeicher, den Kinder in diesem Alter haben, nutzen. Einer würde trotzdem die Bilder lieber ausmalen, als sie auf Englisch zu benennen. Ich überlege, im Hinblick auf die drei Lehrerinnen, die ich kennengelernt habe, was „Engelsgeduld“ eigentlich auf Englisch heißt… Nach drei Stunden ist Pause. Und zwar eine geschlagene Stunde lang. Alle ab nach draußen! Pausenaufsicht haben Eltern. Das gehört zum Prinzip der Schule: Eltern müssen nicht nur Schulgeld zahlen, sondern sich auch ehrenamtlich einbringen: den Rasen mähen, die Bäume schneiden, die Zahlen kontrollieren oder eben auch die Pausenaufsicht führen. Die Lehrerinnen haben frei – eigentlich. Denn natürlich klopft es doch dauernd an ihrem Zimmer, das Telefon läutet, und draußen hat sich gerade jemand verletzt. Schulalltag eben.

Ob sie sich nicht vor ihrem Studium eher nach einem Beamtenjob im staatlichen Schuldienst gesehnt hätten? Hätten sie nicht. Montessori ist Überzeugung. Man ist beim Trägerverein angestellt, verdient etwa Gleiches wie beim Staat, hat aber nicht die Sicherheit einer Beamtin.

Nach der großen Pause: Die ganze Klasse sitzt im Kreis auf dem Boden; fast 20 Kinder zwischen sechs und neun Jahren. Wieder herrscht beeindruckende Stille. Josefine berichtet von einem Wettkampf. Stolz präsentiert sie Urkunde und Medaille. Alle klatschen. Toll! Ulrike Hammer liest aus „Jim Knopf“ vor. Das Buch dient als Fortsetzungsgeschichte in der Klasse. Aber das Interesse ebbt recht bald ab.

Spannenderes ist angesagt: Eine Gruppe deponiert eine gefüllte Wasserflasche im Tiefkühlfach der Küche. Ein Experiment! „Mal sehen, ob sie bis morgen platzt!“ Drei Zweitklässler schnappen sich einen Kasten mit geometrischen Formen: „Rechtwinkelige Dreiecke, gleichseitige, spitz-winkelige Dreiecke.“ Die Lehrerin gibt kurze, weiterhelfende Infos. Ähnliche Dreiecke kann man nun selbst zusammenbauen, malen, beschriften. In der zweiten Klasse dann (in erstaunlich schöner Handschrift) die richtige Bedeutung darunter zu schreiben, ist ohne Frage eine großartige Leistung. Aber natürlich hapert es noch mit der Orthographie. „Gleichschenkeliges Dreieck“ gehört ja nicht zum Grundwortschatz Siebenjähriger.

Wäre es nicht besser, die Rechtschreibfehler gleich zu korrigieren? „Beim ersten Mal wird nicht korrigiert“, erklärt Ulrike Hammer, „das kommt alles später. Erst einmal steht die Freude am Schreiben im Vordergrund.“ Es gibt auch keine Schulnoten, keine Zeugnisse, keine Hausaufgaben; wohl aber regelmäßige „Entwicklungsberichte“ für die Eltern. „Wir sind eher wie eine Familie“, meint die Schulleiterin. Ihr, wie auch ihren Kolleginnen, merkt man die Begeisterung an. Gefragt, was sie sich denn noch wünschen würden, fällt ihnen nur wenig ein: mehr Unterrichtszeit (also eher Richtung Ganztagsschule). Das war‘s dann auch schon.

Der Schlusskreis naht. Kurz nach 13 Uhr mahnt eine Schülerin (!) noch mal zur Ruhe. Alle räumen auf und versammeln sich. Es gibt noch ein paar Berichte über „Forschungsprojekte“ Einzelner, die bestaunt und beklatscht werden. Und mit rhythmischem Klatschen und einer pantomimischen „Rakete“ geht ein Schultag zu Ende. Wenigstens das, was dann kommt, ist wie überall: in Windeseile sind alle draußen!

Pädagogik nach Maria Montessori

Maria Montessori (1870- 1952) war eine italienische Ärztin und Pädagogin. Sie entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue Methode zur Kindererziehung. Prägend ist dabei, in einem offenen Unterricht die selbstbestimmte „Freiarbeit“ des Kindes zu fördern („Hilf mir, es selbst zu tun“). Wichtig ist auch die Ausstattung der Schule, die ansprechend und kindgerecht sein und den Schulkindern die Möglichkeit geben soll, sich so gut und unabhängig wie möglich zu entwickeln. In Deutschland gibt es etwa 400 Montessori-Schulen. Die Montessori-Schule am Rotenburger Kiebitzweg gibt es seit 2003. Ein vergleichsweise winziger „Gebäudekomplex“ bestehend aus Grundschule und „Kinderhaus“ (Kindergarten). In der Schule werden momentan 43 Kinder von vier Lehrerinnen unterrichtet. Ulrike Hammer, die Schulleiterin, hat die Jahrgänge 1 bis 3, Maike Dhem die Jahrgänge 2 bis 4. In beiden Klassen wird jahrgangsübergreifend unterrichtet. Zuständig für den Englischunterricht an der Schule ist Ann Goertz, eine gebürtige Schottin. Die vierte Kollegin ist seit einigen Wochen in der Schweiz unterwegs, um das – für diese Schule notwendige – Montessori-Diplom zu erwerben.

msc

Unsere Serie

Der Autor

Unser Autor hat Schulklassen in Rotenburg in verschiedenen Schularten jeweils einen Tag lang begleitet. Wie sieht Schule eigentlich heute aus? Wo sind die größten Probleme? Wie geht es den Lehrern? Was wünschen sich die Unterrichtenden und die Unterichteten? Und schließlich fragt sich der Verfasser, ob er heute vielleicht noch mal gerne zur Schule gehen würde. Früher nämlich war´s ihm ein Gräuel!

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