Die ersten 44 Flüchtlinge beziehen den Campus Unterstedt

Stadt und Diako setzen auf Beteiligung statt Betreuung

+
Elke Bellmann (l.) nimmt die ankommenden Flüchtlinge am Bus in Empfang.

Rotenburg - Von Guido Menker. Eine nette Geste zum Empfang: Es gibt eine heiße Suppe, auf den Fensterbänken in den Zimmern stehen Blumen, auf den Tischen eine Schale mit Obst. Der Campus Unterstedt ist für die Aufnahme von bis zu 150 Flüchtlingen vorbereitet. Und am Donnerstag war es dann auch soweit: Die ersten 44 von ihnen haben ihr neues Zuhause bezogen.

Die ersten 44 Menschen aus Syrien sowie dem Irak bringt die Stadt Rotenburg in der ehemaligen Lungenklinik des Agaplesion Diakonieklinikums unter. Ganz bewusst, so Bürgermeister Andreas Weber (SPD), habe man sich jedoch für eine Umbenennung in Campus Unterstedt entschieden: „Ehemalige Lungenklinik – das klingt doch so sanierungsbedürftig.“

Doch genau das ist eben nicht der Fall: Denn das Diako als Vermieterin hat vor dem gestrigen Einzug das erste der drei zur Verfügung stehenden Häuser bezugsfertig hergerichtet. Die Arbeiten an den beiden anderen Häusern sind bereits in Gang. „Wir stecken 150000 Euro in die Gebäude“, sagt Matthias Richter. Und der theologische Direktor des Diako unterstreicht: Es sei nicht nur das Anliegen, den Campus für die Unterbringung von Flüchtlingen anzubieten, sondern man wolle darüber hinaus auch einen diakonischen Beitrag leisten. Deshalb fließe zusätzlich ein ganz wesentlicher Teil der Mieteinnahmen – mehr als 100.000 Euro – wieder zurück. „Damit die Integration gelingt“, so Richter. Das Motto: „Beteiligung statt Betreuung.“

Aus Sicht von Richter soll es darum gehen, den Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich selbst einzubringen. Er spricht von einer Art Selbstverwaltung mit einem Sprecher und von der Beteiligung der Menschen an den Abläufen, die täglich erforderlich sind. Sie übernehmen daher zum Beispiel einen Teil der Reinigung, gehen einkaufen und bereiten sich auch selbst ihre Mahlzeiten zu. „Es ist eben keine Notaufnahme, sondern die Menschen wohnen dort“, betont Andreas Weber. Mit dem Campus Unterstedt verlässt die Stadt zum ersten Mal den ursprünglichen Weg, die Flüchtlinge dezentral unterzubringen. Bereits 45 Wohnungen hatte die Stadt angemietet und ausgestattet – für bislang 264 Menschen. Doch inzwischen ist das Ende der Kapazitäten erreicht. Denn bereits kommende Woche werden weitere zehn Asylbewerber erwartet. Weber: „Der Campus sorgt für eine Entspannung.“

Aber auch der wird nicht reichen: „Die Lage spitzt sich weiter zu“, versichert Elke Bellmann, Leiterin im Amt für Jugend und Soziales. Es werde darum gehen, bis April aller Voraussicht nach noch weitere 280 Menschen unterzubringen. „Deshalb denken wir jetzt auch daran, Gewerbebauten zu nutzen. Erste Gespräche und Planungen gibt es bereits“, ergänzt der Bürgermeister. Zwar sei noch nichts fix, aber ein konkreter Fall zeichne sich ab: „Im ehemaligen Rathsmann-Baumarkt am Glummweg könnten wir weitere 130 Menschen unterbringen.“ Der Umbau soll voraussichtlich im Januar starten – für die Anlieger soll es rechtzeitig weitere Infos geben.

Doch jetzt geht es erst einmal um den Campus. Donnerstagmittag, kurz nach 13 Uhr, trudelt der Bus mit den Flüchtlingen ein. Zwei Stunden später als geplant erreicht er das Rathaus. „Hier empfangen wir die Flüchtlinge zunächst im Ratssaal, anschließend erledigen wir mit ihnen zusammen die Formalitäten“, erläutert Elke Bellmann. Außerdem erhalten die Asylbewerber im Alter zwischen sieben und 69 Jahren ihr erstes Geld, um sich selbst versorgen zu können. Die Summe liegt etwas unterhalb des Regelsatzes.

Auf dem Campus sind die Flüchtlinge aber keineswegs sich selbst überlassen – insofern hat auch die Betreuung eine gewisse Bedeutung. Wie Matthias Richter erläutert wird Dorothee Clüver als Koordinatorin die Fäden in der Hand haben, aber dabei auch auf Unterstützung zurückgreifen können. Denn Mutterhaus und Diako haben nicht nur sie, sondern in Rigbe Grube eine Frau eingestellt, die ursprünglich aus Eritrea stammt und daher Arabisch spricht. Sie kann also eine ganz wichtige Brücke schlagen. Vorgesehen sei darüber hinaus auch die Einstellung eines Sozialarbeiters – „die Ausschreibung läuft“, so Richter.

Nun geht es aber erst einmal ums Ankommen, nachdem die Flüchtlinge aus den Erstaufnahmelagern in Braunschweig, Friedland und Bramsche abgeholt und nach Rotenburg gebracht worden sind. „Wir werden später dazu einladen, uns zu unterstützen – in Bereichen wie Freizeitgestaltung oder auch Spracherwerb“, versichert Richter. Er plant Strukturen zu schaffen, die für die Zeit der Unterbringung tragen. „Die Integration ist nämlich kein Sprint, sondern ein Marathon.“ Es brauche einen langen Atem.

„Ein Riesenaufwand“

Bürgermeister Andreas Weber (SPD) setzt im Zusammenhang mit der Unterbringung von Flüchtlingen in Rotenburg auf die Integration, denn es sei wünschenswert, dass die Menschen nach einer Anerkennung auch langfristig in Rotenburg bleiben. Dabei gibt es im Fall des Campus‘ Unterstedt reichlich Hilfe vom Diakonissen-Mutterhaus sowie vom Diakonieklinikum. Das will zum Beispiel mittelfristig Praktikumsstellen für die Asylbewerber anbieten. Weber: „Ich bin sehr froh über die Kooperation.“ Zugleich sendet er ein dickes Lob an Elke Bellmann und ihr Team im Amt für Jugend und Soziales. Diese Mannschaft hat nämlich seit vielen Wochen Arbeit ohne Ende – und braucht immer wieder Verstärkung. Ein ehemaliger Auszubildender hat daher eine halbe Stelle bekommen, aber auch Kollegen aus anderen Ämtern müssen aushelfen, wenn es zu sehr kneift. Insgesamt hat die Stadt vier weitere Mitarbeiter eingestellt, die der Verwaltung zur Seite stehen: Zwei von ihnen kümmern sich um die Betreuung und Ausstattung der Unterkünfte, zwei weitere springen bei der Sprachentwicklung der Flüchtlinge ein. Das alles sei ein „Riesenaufwand, der zu leisten ist“, sagt Weber. Zugleich weist er darauf hin, dass der Rotenburger Bürgerbus mit Beginn des neuen Fahrplans ab 14. Dezember auch am Campus Unterstedt halten wird. men

Mehr zum Thema:

Mit Künstlern unterwegs auf Rhodos

Mit Künstlern unterwegs auf Rhodos

Couture für zu Hause: Wenn große Modehäuser Möbel herstellen

Couture für zu Hause: Wenn große Modehäuser Möbel herstellen

Tauchurlaub auf Selajar in Indonesien

Tauchurlaub auf Selajar in Indonesien

Heiße Reifen, ein Troll und zwei schnittige Kumpel

Heiße Reifen, ein Troll und zwei schnittige Kumpel

Meistgelesene Artikel

Schunkeln in der St.-Lucas-Kirche

Schunkeln in der St.-Lucas-Kirche

Selbstverteidigung im Viervierteltakt

Selbstverteidigung im Viervierteltakt

Familie aus dem Kosovo wird in Heimatland zurückgeschickt

Familie aus dem Kosovo wird in Heimatland zurückgeschickt

Chef vom „Lucky Dog Hostel“ ist baff

Chef vom „Lucky Dog Hostel“ ist baff

Kommentare