Erste Streikbrecherinnen ermöglichen Ausbau der Notbetreuung

Ab Montag mit Tabaluga

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Lagebesprechung im Kindergarten Hemphöfen: Irma Liebig, Elke Bellmann und Marion Hübner beraten über die kommende Woche.

Rotenburg - Von Bettina Diercks. Am Limit befinden sich Eltern und die gewerkschaftlich organisierten Fachkräfte nach drei Wochen „Kita-Streik“. Die ersten Erzieherinnen melden sich bei ihrem Arbeitgeber zurück und entspannen damit die Lage für die kommunalen Arbeitgeber. So auch in Rotenburg.

Deshalb kann die Stadt ab Montag weitere Betreuungsplätze anbieten. „Die ersten Erzieherinnen haben sich zurückgemeldet. Sie wollen ab Montag wieder arbeiten“, sagt Elke Bellmann vom Amt für Jugend und Soziales. Neben dem Kindergarten Hemphöfen öffnet das Tabaluga. Nachmittags kommen dort in der Hortbetreuung außerdem zehn Kinder unter. „Der Streik soll aber weiter anhalten“, bedauert Bellmann. Deshalb bleiben die restlichen vier städtischen Kindertagesstätten geschlossen. Zunächst ermöglicht die Stadt bis zum 12. Juni weiterhin eine Notbetreuung bis 14 Uhr mit Mittagessen. Bellmann hofft, alle Kinder unterbringen zu können, die sich bis gestern angemeldet haben. „Wenn die Plätze nicht ausreichen, werde ich wieder ein Losverfahren durchführen“, sagt Elke Bellmann.

„Ich konnte einfach nicht mehr“, sagt eine der Streikbrecherinnen. Nicht mehr der Verantwortung gegenüber den Kinder nachkommen zu können und zu wissen, wie schwierig die Situation für Eltern ist, hielt sie nicht mehr aus. „Die Eltern sind am Limit“, sagt sie. Sie gab ihrem Gefühl nach und meldete sich bei der Stadt. Wie Urlaub habe sich die freie Zeit nicht angefühlt, zu nahe gingen ihr die Schicksale. „Ich konnte es einfach nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren und habe mich für das Kindeswohl entschieden.“

„Man fühlt sich wie ein Schwerverbrecher“, sagt eine weitere Rückkehrerin, die das Unverständnis streikender Kollegen kennt. Bei ihr siegte ebenfalls das Verantwortungsgefühl. „Ich habe nun einmal einen sozialen Beruf gewählt. Man ist ja eine Kämpfernatur und will nach ganz oben, was erreichen. Doch für welchen Preis?“, sagt die Erzieherin, die in der Streikzeit ebenfalls nicht zur Ruhe kam und eher als belastend empfand.

Von den rund 300 Kindern, die sonst alltäglich die sechs städtischen Einrichtungen beleben, kommen bis heute täglich 65 im Kindergarten Hemphöfen unter, in dem die Stadt einen Notdienst eingerichtet hat. Betreut werden sie von Fachkräften, die nicht in der Gewerkschaft sind, sowie von Bundesfreiwilligendienstleistenden und Praktikanten. 45 festangestellte Fachkräfte sorgen regulär für das Wohl des Nachwuchses. Der Zeitpunkt des Streiks kommt laut Bellmann besonders ungünstig, da die „Fastschulkinder“ auf ihr erstes Schuljahr vorbereitet werden sollten.

Den Kita-Streik sieht Landrat Hermann Luttmann (CDU) als „schwere Belastung der Eltern“. Die „hochwertige Arbeit für frühkindliche Bildung“ wisse der Kreis sehr zu schätzen. Gleichzeitig weist Luttmann darauf hin, dass seit 2009 die Gehälter für soziale und erzieherische Dienste bis zu 33 Prozent gestiegen sind. „So viel wie in keinem anderen öffentlichen Bereich.“ Laut kommunaler Arbeitgeberverbände verdienen Erzieher zwischen 2590 und 3750 Euro. Sollte Verdi seine Forderung von durchschnittlich 15 Prozent durchsetzen, wären das bundesweit 1,2 Milliarden Euro mehr, die die Kommunen aufbringen müssten. „Das können wir nicht bezahlen. Diese Forderung würde sich auf die Eltern in Form von erhöhten Gebühren auswirken. Meine Bitte ist daher, dass die Eltern Druck auf beide Verhandlungsparteien ausüben“, so Luttmann. Derzeit zahlt der Landkreis an die Kommunen für die Kindergärten Staffelbeträge zwischen 90 (15 Stunden Betreuung die Woche) und 230 Euro (45 Stunden die Woche), 7,2 Millionen Euro pro Jahr. Der Landkreis prüft nun, die Gelder, die er für das zweite kostenlose Kindergartenjahr eigentlich zahlt, an die Eltern, die keine Notbetreuung für ihre Kinder in Anspruch genommen haben, auszuzahlen.

Die Stadt Rotenburg will ebenfalls die Gebühren der betroffenen Eltern zurückerstatten, so Bürgermeister Andreas Weber (SPD). „Auch wenn es keinen Zwang dazu gibt, sehen wir es als erforderlich an.“ Der Verwaltungsausschuss in zwei Wochen soll entscheiden. Zudem würden Eltern unterstützt, die eine Notbetreuung anbieten wollen. Derzeit scheitere das aber oft an ungeklärten Haftungsfragen – nicht jedoch in Waffensen. Dort sind es die Eltern, die sich untereinander organisieren. Sie haben das Glück, dass das Mehrgenerationenhaus (MGH) zur Verfügung steht. Der Kindergarten darf nicht genutzt werden. Für die private Betreuung müssen die Eltern einen Haftungsausschluss unterschreiben. MGH-Leiterin Ilka Poppe: „Die freie Zeit, die man noch hatte, verbringt man jetzt damit, die Kinder anderer Eltern zu betreuen.“ Für die Forderungen der Erzieher zeigen sie und Cirstin Bickel Verständnis: „Die Anforderungen sind massiv gestiegen. Die Bedürfnisse zwischen Zwei- und Sechsjährigen sind völlig unterschiedlich.“ Bickel: „Doch auch bei den Eltern geht der Streik an die Substanz.“

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