Für Angehörige von Suizid-Opfern

Erschwerte Trauer – weil so viele Fragen offen bleiben

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Uwe Goldschmidt (v.l.) von der Ziss, Professor Carsten Konrad, Nadja Dieckmann und Brigitte Klußmann freuen sich über die erste Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suizidopfern im Landkreis Rotenburg. Und ja, es darf dort auch gelacht werden.

Rotenburg - Von Guido Menker. Es gibt Pressegespräche, die sind für die Journalisten alles andere als einfach. Das ist so eines. Professor Carsten Konrad hat für das Bündnis gegen Depression eingeladen, um über die Gründung einer ersten Selbsthilfegruppe im Landkreis Rotenburg für Angehörige von Suizidopfern zu berichten. Mit am Tisch sitzen Nadja Dieckmann, die die Leitung übernehmen wird, Brigitte Klußmann, die eine solche Gruppe bereits seit neun Jahren in Bremen leitet, und Uwe Goldschmidt von der Zentralen Informationsstelle Selbsthilfe (Ziss).

Suizid – ein schwieriges Thema. Vor allem dann, wenn Menschen an einem solchen Gespräch teilnehmen, die dadurch einen nahestehenden Menschen verloren haben. Das, was danach mit den Angehörigen passiert, beschreibt Brigitte Klußmann als „erschwerte Trauer“. Der Grund dafür: Es bleiben häufig viele Fragen offen, und in nur wenigen Fällen gibt es Abschiedsbriefe, die hinterlassen werden. Nadja Diekmann und Brigitte Klußmann ist anzumerken, dass es ihnen nicht ganz leicht fällt, darüber zu sprechen – auch, wenn der Suizid des Angehörigen zum Teil schon relativ lange zurückliegt. 

Und doch wird deutlich, dass sie darüber sprechen möchten. Das eigene Umfeld ist dabei nicht immer hilfreich. Es zieht sich mehr oder weniger schnell zurück, macht dicht und ist nicht immer bereit, sich in dem Maße mit der Verarbeitung dieser erschwerten Trauer zu befassen, wie es die Angehörigen der Suizidopfer brauchen. Der Verein „Angehörige um Suizid“ (Agus) geht von jährlich 10 000 Fällen von Suizid und zugleich von einer hohen Dunkelziffer aus. 

Unter dem Dach dieses in Bayreuth beheimateten Vereins gibt es bereits seit neun Jahren eine Selbsthilfegruppe in Bremen – und nun auch in Rotenburg. Das freut ganz besonders Professor Carsten Konrad, denn er weiß, wie wichtig es für die betroffenen Angehörigen ist, sich mit anderen auszutauschen, die die gleichen Fragen quälen und den gleichen Schmerz empfinden. Danach zu fragen, wirkt zunächst recht schwer. Doch die beiden Frauen am Tisch sprechen recht offen über das Problem, wie schwer es ist, Menschen zu finden, denen sie sich anvertrauen können und die ihnen helfen, die Trauer zu Stück für Stück zu verarbeiten.

„Aber natürlich wird in der Selbsthilfegruppe auch gelacht“, platzt es aus Brigitte Klußmann heraus, als sie danach gefragt wird. „Das gehört dazu, und das tut auch gut.“ Plötzlich fällt es auch dem fragenden Journalisten etwas leichter, sich mit diesem Thema zu befassen. Wobei auch deutlich wird, dass die Bandbreite der Gefühle in diesen Runden groß ist – von vielen Tränen bis hin zu herzhaftem Lachen.

Brigitte Klußmann hatte in den 70er-Jahren als 16-Jährige den Suizid ihrer Mutter zu verkraften, nachdem kurz zuvor ihr Vater an Krebs gestorben war. Unterstützung habe sie in dieser Zeit nicht bekommen. „Es gab nix – keine Therapie, keine Literatur, keine Selbsthilfegruppen. Ich bekam Valium verschrieben.“ Jahrelang blieb sie ohne Unterstützung, doch irgendwann hat sie sich auf den Weg gemacht. Sie war in Kliniken, machte Therapien. 

Brigitte Klußmann hat ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Heute ist sie engagiert, um vielen anderen Menschen in ähnlicher Situation zu helfen. Nadja Dieckmann weiß, wie wichtig das ist: „Es gibt viele Menschen, die das Gleiche fühlen, die den selben Schmerz verspüren. Doch zuerst denkt man, allein damit zu sein.“ In der Selbsthilfegruppe bekämen die Menschen Ratschläge und profitierten von den Erfahrungen anderer. Und das in einem geschützten Raum. „Da muss ich mich auch nicht verstellen.“

Nadja Dieckmann war gleich beim ersten Treffen der neu ins Leben gerufenen Selbsthilfegruppe in Zeven dabei. Nun hat sie sich entschieden, die Leitung zu übernehmen. Von nun an trifft sich die zurzeit vierköpfige Gruppe in Rotenburg. Sechs Mitglieder müssen es werden, damit sie auch anerkannt wird und auf Hilfe – auch finanziell – bauen kann. Die Leitung der Gruppe setzt eine Schulung unter dem Dach von Agus voraus. Parallel dazu bekommt Dieckmann Hilfe von Brigitte Klußmann und besucht auch selbst die Gruppe in Bremen.

Auch Carsten Konrad als Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg ist froh: „Eine solche Gruppe zu schaffen, war unser Jahresthema im Bündnis gegen Depression.“ Das Gespräch darüber war übrigens sehr bereichernd – und weitaus weniger schwer, als befürchtet. Weitere Infos zur Gruppe gibt es unter der Telefonnummer 0172 / 6744471.

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