Erschwerte Bedingungen

Fahrradtouren sind bei schönem Wetter natürlich am besten. Wer aber weit im Voraus plant, sollte auf jeden Fall kurz davor erneut die Wetterdaten prüfen. Foto: Beims

Überall auf der Welt werden täglich mehrfach Daten genommen, um das Wetter und damit auch mögliche Unwetter so genau wie möglich bestimmen zu können. Dabei sorgt nicht nur das Wetter für manche Kapriole, sondern auch Corona sorgt für neue Herausforderungen.

Rotenburg – Meteorologen verlassen sich bei ihren Vorhersagen auf eine Vielzahl von Daten. Dafür gibt es ein weltweites Netz, das mehrmals am Tag zigtausende Land- und Seedaten meldet, erklärt Wettermann Reinhard Zakrzewski auf Nachfrage der Kreiszeitung. Einige dieser Daten fallen bedingt durch die Corona-Pandemie aber nun weg. Die Folge: Vorhersagen würden in ihrer Qualität ungenauer. Unter anderem liefern Flugzeuge wichtige Daten, das fällt nahezu gänzlich weg – seit den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie bleiben die Flieger größtenteils am Boden. „Beispielsweise fliegen zurzeit nur fünf Prozent der Lufthansa-Flugzeuge, 95 Prozent bleiben am Boden“, teilt Pressesprecher Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD) mit.

„Die Informationen gehen sonst alle drei Stunden einmal rund um den Globus, jetzt fehlen viele Daten“, sagt Zakrzewski. „Rund zehn Prozent der atmosphärischen Daten werden von startenden und landenden Flugzeugen geliefert.“ Es sind Messwerte wie Luftdruck, Temperatur und Wind in der Atmosphäre vom Boden bis in etwa zwölf Kilometern Höhe. „Von neun Lufthansa-Flugzeugen erhalten wir normalerweise sogar Messungen der Luftfeuchte“, so Friedrich. Normalerweise, denn aktuell stehen alle dieser neun Maschinen still. Somit sind die Feuchtebeobachtungen des DWD von vorher 2 500 pro Tag auf null gesunken. Und auch sonst sind die Zahlen deutlich runtergegangen: Die tägliche Anzahl der Flugzeugmessungen von Druck, Temperatur und Wind für Mitteleuropa ist von rund 350 000 Beobachtungen im Januar und Februar auf derzeit etwa 50 000 gesunken.

Auf sein Auge allein muss sich dennoch niemand verlassen. Und auch kein Meteorologe stellte sich ans Fenster und beobachtet, ob eine Sturmfront aufzieht, merkt Zakrzewski schmunzelnd an. „Sie haben eine Interpretationsaufgabe bei den eingehenden Daten der Modelle“, sagt er. Sie arbeiten computergestützt und „die Systeme sind sehr gut“. Der DWD versucht zudem, fehlende Wetterdaten auf anderem Wege auszugleichen. Dafür hat er die Anzahl seiner Wetterballonaufstiege hochgesetzt. „An vier der zehn Aufstiegsstationen gibt es einen zusätzlichen Aufstieg pro Tag“, erläutert Friedrich. Zudem stützt sich das System auf Vor-Ort-Messsysteme an Bodenstationen, Schiffen und Bojen.

Sind sonst Wettervorhersagen über drei Tage am verlässlichsten, sinke dieser Wert aktuell um etwa 24 Stunden auf zwei Tage. Nicht dramatisch, meint Zakrzewski: „Der Normalbürger merkt das nicht unbedingt.“ Mittel- oder langfristige Vorhersagen von sieben Tagen oder mehr seien ohnehin schwierig in der Genauigkeit. Deswegen gibt Zakrzewski in seinem Monatswetter meist einen Ausblick auf maximal eine Woche – und verweist darauf, dass das Trends sind. „Dann geht es in den Glaskugelbereich.“

Aber die Vorhersagen seien nicht nur Corona bedingt schwierig, je nach Jahreszeit gäbe es gewisse Unwägbarkeiten. So nehme die Vorhersagegüte im Frühjahr gewöhnlich ab. „Durch den Datenausfall ist das jetzt gesteigert, aber nicht dramatisch. Besonders schwierig wird es für die Vorhersagemodelle allerdings bei trägen Großwetterlagen wie zurzeit, wenn sich extrem kalte und sehr warme Luftmassen gegenüberstehen“, so Zakrzewski.

Als bestes Beispiel nennt er die derzeitigen Eisheiligen, die auf einer alten Bauernregel beruhen und noch immer Aktualität haben. Allerdings sind die oft damit verbundenen Frosteinbrüche in den vergangenen Jahren harmloser geworden, „und die gestrengen Herren halten sich nicht mehr so genau an den Kalender wie früher“. „Durch die Klimaveränderungen ist so manches aus dem Lot geraten“, meint der Experte. Fragen wie „gibt es Nachtfrost und wenn ja, wie stark oder wo fällt wie viel Niederschlag?“ ließen sich bei unübersichtlichen Wetterlagen manchmal erst kurzfristig sechs bis zwölf Stunden vor Eintritt des Ereignisses genauer bestimmen. „Das sind generelle Schwierigkeiten im Frühjahr, die durch den Wegfall der Flugzeugdaten noch verstärkt werden“, so der Wettermann.

Kälterückfälle, die mit der maximalen Produktion von Kaltluft erst am Ende der Polarnacht zusammenhängen, sind derzeit bis in den Frühsommer hinein normal. „Dass sie sich aber wie im vergangenen Mai und auch jetzt wieder über Wochen hinziehen, ist ungewöhnlich“, erläutert Zakrzewski. Aber: „Die Erwärmung der Atmosphäre macht im Frühling allgemein enorme Fortschritte. So müssen wir auf die ersten heißen Tage der Saison wohl nicht mehr allzu lange warten“, sagt er.

Eine weitere generelle Schwierigkeit sei die Vorhersage von Unwettern wie Starkniederschlägen oder Gewittern, die lokal ebenfalls erst kurzfristig genau mitgeteilt werden könnten. „Das Problem wird durch den fehlenden Flugzeugverkehr nicht besser. Das ist aber ohnehin schwierig und bleibt es auch.“ Generell sei es eine Frage der Jahreszeiten, wie genau Vorhersagen sein können. So sei es beispielsweise im vergangenen Winter mit vielen Regentagen einfacher gewesen, da sich das Wetter eingependelt hatte, weniger Unwägbarkeiten bestanden.

Ob Corona Auswirkungen auf die Vorhersagequalität haben wird, mag Friedrich noch nicht beurteilen. „Wir können zurzeit noch nicht genau abschätzen, wie stark die Auswirkung der deutlich reduzierten Anzahl der Flugzeugmessungen auf die Qualität unserer numerischen Wettervorhersagen sein wird.“ Dennoch erwarte der DWD eine Verschlechterung. Denn mit einem solchen Szenario, wie es Corona derzeit hervorruft, hatte sich das ECMWF (Europäisches Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage) bereits 2019 in einem Test beschäftigt: Es hatte sowohl Vorhersagen ohne die als auch mit der Verwendung von Flugzeugdaten unter die Lupe genommen. Die größten Auswirkungen auf Vorhersagen seien in einem Bereich von elf bis zwölf Kilometern Höhe bemerkbar gewesen – der normalen Flughöhe von Verkehrsflugzeugen. „Geografisch gesehen sind die größten Auswirkungen auf der Nordhalbkugel bei Wind als auch der Temperatur zu verzeichnen“, so Friedrich. Sogenannte Sensitivitätsstudien hätten gezeigt, dass die Entfernung der Flugzeugdaten in diesen Bereichen für eine Verschlechterung von bis zu 15 Prozent sorge. Generell komme es aber in allen Vorhersagebereichen bis zu sieben Tagen zu einer erheblichen Verschlechterung. „Es gibt eine kleinere, aber statistisch immer noch signifikante Auswirkung auf die oberflächennahen Felder, bis zu drei Prozent auf den Luftdruck im Bodenniveau. Das kann im Einzelfall dazu führen, dass wir ein sich bildendes Tiefdrucksystem in der Entwicklung seiner Stärke unterschätzen oder die Zugbahnen von Tiefdruckgebieten falsch berechnet werden.“

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