Erdgas-Förderung schädlich?

Diako-Klinik Rotenburg registriert erschreckend viele Krebsfälle

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Frank Heits (l.), Brigitte Reimann und Michael Maurer hoffen, dass sich am Wochenende eine Selbsthilfegruppe zum Multiplen Myelom gründet.

Rotenburg/Hellwege - Von Michael Krüger. Dr. Frank Heits will eigentlich Mut machen, aber die Zahlen, die der Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Nephrologie am Rotenburger Diakonieklinikum präsentiert, erschrecken erst einmal. Die Blutkrebszahlen in der Region sind gegenüber der statistischen Wahrscheinlichkeit auch in jüngster Zeit drastisch erhöht. Ein Patientenkongress am Wochenende in Hellwege soll aufklären.

Bald vier Jahre ist es her, dass die Region zum ersten Mal kräftig aufschreckte. Eine Auswertung der Fallzahlen beim Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen (EKN) hatte ergeben, dass die Zahl der hämatologischen Krebserkrankungen bei älteren Männern in Bothel signifikant erhöht ist, das gleiche Ergebnis folgte wenig später für Rotenburg. Dort zeigte die Analyse, dass insbesondere für das Multiple Myelom mehr Fälle aufgetreten sind als erwartet. Neun erwarteten Erkrankungen zwischen 2003 und 2012 standen 23 beobachtete gegenüber. Seitdem wird gerätselt, befragt und Fachliteratur zurate gezogen, Studien mit Menschen in den betroffenen Regionen sind angeschoben. Stets im Fokus: die Erdgas-Förderindustrie mit ihren hochgiftigen Bestandteilen wie Quecksilber, Benzol und radioaktiven Stoffen. Befragungen und Recherchen der Behörden haben Hinweise darauf ergeben, dass Erkrankte bemerkenswert oft in der Nähe zu Bohrschlammgruben wohnen, wo die Förderindustrie über Jahrzehnte ihre Abfälle verklappt hat. Doch Beweise, was den Krebs befeuert, gibt es bislang keine. Nur viele Vermutungen.

„Wir sind nah dran an der Heilung“

An den beteiligt sich Heits nicht. Zwar wurde auch der Krebs-Chefarzt aus Rotenburg im Zuge der Diskussion schon von vielen Seiten für fachliche Expertise zurate gezogen, doch die Suche nach Ursachen ist seine Sache nicht. Er behandelt, möchte heilen, auch wenn es gerade für das Multiple Myelom, eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems, noch keine Heilung gibt, nur eine immer besser werdende Behandlung. „Wir sind nah dran an der Heilung“, sagt Heits zuversichtlich. Die Lebenserwartung nach der Diagnose betrage heute zwischen zehn und 15 Jahren. Angesprochen auf mögliche Ursache, bleibt der Experte allgemein.

„Durch verschiedene Faktoren kann ich eine Fehlerwahrscheinlichkeit im Körper erhöhen“, so Heits zu den Umwelteinflüssen, die die Tumorbildung unterstützen. Dazu gehörten natürlich auch Umwelteinflüsse wie Radioaktivität, Schad- und Giftstoffe, aber auch Ernährung und Lebensstil. Alles gemeinsam trage zu einer möglichen Erkrankung bei. „Je mehr Faktoren eintreten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung.“ Welche Faktoren in der Region eine Rolle spielen, kann der Chefarzt nicht sagen, aber auch seiner Meinung nach muss es bestimmte Auslöser geben – dafür seien die Zahlen zu eindeutig.

Arzt spricht von einem „Systemfehler“

Laut Heits sind bezogen auf 100 .000 Einwohner pro Jahr drei bis vier Neuerkrankungen am Multiplen Myelom zu erwarten. Er behandle seit rund 15 Jahren am Diako, das einen Einzugsbereich bei diesen Erkrankungen von rund 300 .000 Einwohnern habe. Gut 150 Fälle müsse er in diesem Zeitraum also in seiner Klinik gehabt haben – statistisch gesehen. Stattdessen jedoch habe es allein seit Anfang des vergangenen Jahres 126 neue Patienten mit der Diagnose Multiples Myelom gegeben. Heits: „Das liegt definitiv weit über dem, was wir erwarten durften.“

Der Arzt spricht beim Multiplen Myelom von einem „Systemfehler“. Es stellt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts eine bösartige Vermehrung Antikörper produzierender Plasmazellen dar. Meist tritt die Erkrankung zuerst im Knochenmark auf und bildet dort häufig mehrere Erkrankungsherde mit entsprechenden Komplikationen, wie Knochenbrüchen und -schmerzen oder Blutbildveränderungen. Die Erkrankung trat im Jahre 2010 in Deutschland bei etwa 3.360 Männern und 2.780 Frauen neu auf. 

Das Erkrankungsrisiko steigt in höherem Alter deutlich an, Erkrankungen vor dem 45. Lebensjahr sind äußerst selten. Die Prognose ist mit relativen Fünf-Jahres-Überlebensraten von etwa 45 Prozent eher ungünstig. Im Frühstadium der Erkrankung wird der Krankheitsverlauf nur beobachtet. Treten Symptome und Komplikationen auf, werden Betroffene mit Chemotherapien, Medikamenten und Stammzellentherapien behandelt.

„Die Patienten werden jünger und mehr“

Brigitte Reimann sieht wie Dr. Heits ein immer größer werdendes Problem durch diesen Krebs. Sie ist Bundesvorsitzende des Vereins „Myelom Deutschland“, in dem sich mittlerweile mehr als 2 .000 Betroffene in 14 Bundesländern mit Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen haben. Die 67-Jährige aus Neustadt an der Weinstraße (Rheinland-Pfalz), seit 2002 selbst erkrankt, sagt: „Die Patienten werden jünger und mehr.“ Sie selbst führt ihren Krebs auf jahrelangen, unbedarften Umgang mit Farben und deren giftigen Dämpfen zurück. Nachgewiesen ist aber auch das nicht. 

Um den Ursachen weiter auf die Spur zu kommen und Behandlungsmethoden bekannter zu machen, hat der Bundesverband an diesem Wochenende zu einem Kongress in den Gasthof Prüser nach Hellwege eingeladen. Dort stellen Ärzte, Betroffene und andere Spezialisten ihr Fachwissen zur Verfügung, geplant sind Vorträge, Diskussionsrunden und Informationsstände. Die Entscheidung, mit dem erst zweiten Kongress dieser Art in den Landkreis zu kommen, war laut Reinmann natürlich keine zufällige: „Wir haben aus den Medien von den erhöhten Krebszahlen gehört und gesehen, dass hier Not am Mann ist.“ Ziel des Treffens sei es auch, eine erste Selbsthilfegruppe in der Region ins Leben zu rufen.

Enge Zusammenarbeit vereinbart

Heits und seine Kollegen vom Diako unterstützen den Zusammenschluss von Betroffenen und deren Angehöriger ausdrücklich. Eine enge Zusammenarbeit ist vereinbart, Heits selbst wird bei dem Kongress mehrfach referieren. Nur durch die Einbindung solcher Initiativen komme auch das Diako seinem Ziel näher, zertifiziertes Onkologisches Zentrum zu werden. Selbsthilfegruppen nähmen in der Behandlung eine wichtige Rolle ein. Gerade weil die Therapie so starke Nebenwirkungen habe, brauche es den Austausch mit anderen Betroffenen, Gespräche und Perspektiven. „Auch die Angehörigen wünschen sich Aufklärung“, betont Heits’ Kollege, Oberarzt Michael Maurer.

Der „2. Patienten-Kongress Multiples Myelom“ im Gasthof Prüser in Hellwege steht am Sonnabend ab 8 Uhr und am Sonntag ab 9 Uhr allen Interessierten offen. Das komplette Programm gibt es online.

www.myelom-deutschland.de

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