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Ermittlungen im Bereich Kinderpornografie: Blick in den Abgrund

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Von: Ann-Christin Beims

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Marcel Janzik sitzt am Schreibtisch vor seinem Computer.
Auch Urlaubsbilder sichtet Marcel Janzik auf beschlagnahmten Festplatten – die können in den falschen Händen schon zu Fantasien führen. © Beims

Die Zahl der Fälle im Bereich Kinderpornografie nimmt zu. Auch im Landkreis Rotenburg ist das ein großes Thema. Daher befasst sich ein eigenes Ermittlungsteam des Zentralen Kriminaldienstes nur mit solchen Taten.

Rotenburg – Konzentrierter Blick auf den Bildschirm, gleichmäßig scrollt sich Kommissar Marcel Janzik durch das Material. Bilder, Videos, Screenshots: Die Datenmenge an kinderpornografischem Material ist immens, weltweit verbreitet, weltweit verfügbar. Und damit auch im Landkreis Rotenburg ein Thema. Ein so großes, dass sich mittlerweile beim Zentralen Kriminaldienst am Pferdemarkt in der Wümmestadt ein eigenes Team nur darum kümmert.

Einer der fünf Beamten, die tagtäglich mit solchen Bildern konfrontiert sind, ist Janzik. Ohne Anordnung, betont er. „Wir sind alle freiwillig hier, anders geht es nicht.“ Dafür ist die Belastung in dem Bereich zu hoch – auch, wenn es viel Unterstützung gibt. Zum Beispiel eine regionale Beratungsstelle in Lüneburg. Auf Wunsch auch mit Terminen, die das Arbeitsumfeld nicht mitbekommt. Aber auch vor Ort achtet jeder auf jeden, man passt aufeinander auf – nur dann ist diese Arbeit möglich. „Wir sind ein junges Team, haben ein gutes Arbeitsklima, dann kann man damit auch besser umgehen“, ist Janzik überzeugt. Wichtig ist für ihn, nach der Arbeit auch abschalten zu können, das Gesehene nicht mit nach Hause zu nehmen. „Wir versuchen, einen gewissen Abstand zu halten.“ Das gelinge ganz gut, indem er sich immer wieder klar mache, dass er Beweismittel sichte.

Es beginnt schon bei Neugeborenen

Und davon jede Menge – von Bildern vom Neugeborenen bis hin zu Kindern im Alter von 14 Jahren sei alles dabei. Ab dann geht es in den jugendpornografischen Bereich. Dabei trifft es der Begriff Pornografie nicht exakt: „Sexualisierte Gewalt an Kindern“ macht deutlicher, dass dort nichts anderes als Missbrauch an Kindern stattfindet. „Es ist Gewaltausübung in einem Bereich, in dem noch keine Willensbildung vorhanden sein kann“, sagt Janzik. „Kinder können noch nicht greifen, was passiert.“

Und blickt man auf die vergangenen Jahre, sind die Fallzahlen stetig steigend. Allein 2021 seien laut Kriminalstatistik in Niedersachsen 10 000 Fälle bekannt geworden, bundesweit haben sich die Zahlen mehr als verdoppelt – auf mehr als 39 000 Fälle. Doch nicht nur die Täter suchen sich immer neue Wege, sondern auch die Polizei, um diese zu finden. Dabei kann sie laut Janzik aktuell eine Aufklärungsquote von 95 Prozent im Bereich Besitz und Verbreitung nachweisen. Jeden Täter zu finden, sei jedoch „utopisch“. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein, vermutet Janzik. „Da ist oft ein großer Rattenschwanz.“ Zumal die Verbreitung auch über große Distanzen im Internet problemlos und schnell möglich ist – was es den Strafverfolgungsbehörden nicht einfacher macht.

Es heißt, ein geschulter Beamte kann ein Bild pro Sekunde auswerten. Doch zu den Aufgaben der Polizisten gehört weit mehr, als nur das Material zu sichten und einzuordnen: Hausdurchsuchungen, das Identifizieren und Ermitteln der Opfer und Täter. Umso wichtiger scheint unter diesem Aspekt eine zentralisierte Bearbeitung der Fälle für den gesamten Landkreis. „So können wir professioneller und besser strukturiert arbeiten“, sagt Janzik.

Hinweise aus den USA

Die Verbesserungen der internen Strukturen gehören auch zu den strategischen Zielen, die die Polizeiinspektion Rotenburg zuletzt bei der Veröffentlichung des ersten Sicherheitsberichtes verkündet hatte. Personalaufstockung ist dabei nur ein wichtiges Schlagwort. Denn Kathrin Jäger, Leiterin des zentralen Kriminaldienstes, sprach bei der Vorstellung von „einer Welle“, also steigenden Fallzahlen, im kinderpornografischen Bereich, aus den USA.

Das sind Hinweise, die die Beamten vor Ort via Bundeskriminalamt (BKA) weitergeleitet bekommen. Dieses wiederum erhält Informationen vom „National Center for Missing & Exploited Children“ (NCMEC), einer US-amerikanischen Organisation, die Fälle von vermissten oder ausgebeuteten Kindern bearbeitet. Die Organisation meldet auch Verdachtsfälle von Kinderpornografie an die zuständigen Behörden weiter.

Die Daten bekommen die dortigen Mitarbeiter beispielsweise von Facebook und Google. Denn alle geteilten Dateien auf US-Plattformen werden auf kinderpornografische Inhalte hin geprüft. Dafür wird der sogenannte Hashwert, eine Art digitaler Fingerabdruck von bekannten kinderpornografischen Aufnahmen, untersucht. „Wenn wir bekanntes Material haben, kann das abgeglichen werden“, erklärt Janzik.

Was versteht man unter Kinderpornografie?

Auf der Seite des Bundeskriminalamtes (BKA) gibt es eine eindeutige und unmissverständliche Antwort auf die Frage, was unter Kinderpornografie zu verstehen ist: Demnach sind Kinderpornografische Inhalte „sexuelle Handlungen von, an oder vor einer Person unter vierzehn Jahren (Kind), die Wiedergabe eines ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in aufreizend geschlechtsbetonter Körperhaltung oder die sexuell aufreizende Wiedergabe der unbekleideten Genitalien oder des unbekleideten Gesäßes eines Kindes“.

Strafbar ist der Besitz, wenn er ein „tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen“ wiedergibt, ebenso die (versuchte) Verbreitung und Herstellung solcher Inhalte. Strafbar ist bereits das Herunterladen von Dateien von Seiten, die Kinderpornografie enthalten. Hinweise nimmt jede örtliche Polizeidienststelle entgegen.

Um der Welle begegnen zu können, braucht es neben ausreichend Personal aber auch eine vernünftige technische Ausstattung. Zwar gibt es mittlerweile eine Software, die den Ermittlern die Arbeit erleichtert. Darauf verzichten, sich die Bilder selber anzusehen, können sie dennoch nicht. „Da gibt es noch keine hundertprozentige Verlässlichkeit“, so Janzik. Würden sie nicht noch selber rüberschauen, besteht die Gefahr, dass ein Missbrauch unerkannt bleibt, „obwohl man ihn hätte aufklären können“. Die künstliche Intelligenz wird aber ständig weiterentwickelt. So, wie vieles in der Entwicklung ist – denn im gleichen Zug, wie sich die Täter immer neue Wege suchen, müssen auch die Ermittler am Ball bleiben, um sie zu finden.

Ein bestimmtes Täterprofil gibt es in dem ganzen Bereich jedoch nicht, weiß Janzik. Nicht selten sind es unter anderem leichtsinnige Jugendliche, die den Ermittlern zusätzliche Arbeit bescheren – ohne pädosexuelles Motiv, doch befassen müssen sich die Ermittler zum Schutz der Kinder und Jugendlichen damit trotzdem. Da wandert ein Nacktbild schnell von einem Schüler zum nächsten. „Das wird als interessant empfunden. Doch ist das einmal ins Rollen gekommen, ist es schwer aufzuhalten.“ Deswegen appelliert Janzik auch an die Eltern, die er in der Pflicht sieht. Sie sollen ihren Kindern die Tragweite ihrer Entscheidungen bewusst machen, sie zur Vorsicht ermahnen.

Aber selbst von Eltern hochgeladene Urlaubsbilder finden die Ermittler auf Festplatten von Tätern. „Das vergessen viele oft.“ Auch dort gilt: Sich auch selber die Tragweite des Hochgeladenen bewusst machen. „Man postet es zum Beispiel im Whatsapp-Status, das fängt man nicht mehr ein.“

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