Erleichterung in Rotenburg nach „SuedLink“-Plänen für Erdverkabelung / Kritik der IHK

„Das ist ein Paradigmenwechsel“

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Tennet wird den „SuedLink“ neu planen.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Der „SuedLink“ soll unter die Erde. Dem politischen Willen der großen Koalition in Berlin und der Mitteilung von Netzbetreiber Tennet zum Vorrang für Erdverkabelung beim großen Netzausbau-Projekt folgt jetzt das große Aufatmen in der Region.

Die Befürchtung, dass die Gleichstromtrasse den Landkreis wie in den ersten Planungen vorgesehen mit bis zu 80 Meter hohen Masten auf rund 50 Kilometern Länge durchschneiden könnte, scheint vom Tisch. „Ich spreche von Erleichterung, aber nicht von Entspannung“, sagte Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) am Mittwochmittag. Es sei ein „Paradigmenwechsel“ in der Diskussion erkennbar. Habe es in der seit mehr als einem Jahr geführten, intensiven Debatte stets geheißen, Erdverkabelung sei wegen hoher technischer Hürden und Kosten in Milliardenhöhe, die die Stromkunden tragen müssten, nur in Ausnahmefällen möglich, so setze die Politik nun auf das Gegenteil. Die Kosten stiegen nur auf das Doppelte, „SuedLink“ sei vorrangig unter der Erde zu realisieren, Masten sollten die zweite Wahl sein.

Davon könnte auch Rotenburg insbesondere mit den Ortschaften Mulmshorn, Waffensen und Unterstedt profitieren, betonte Heiko Lossau, Sprecher der Bürgerinitiative „Waffensen lässt sich nicht SuedLinken“. „Wir machen hier einen gewaltigen Schlenker mit der geplanten Trasse durch den Landkreis, den könnte man sich künftig sparen.“ Erdkabel könnten laut Lossau viel gradliniger zum Beispiel entlang der Autobahn 7 Richtung Süden gelegt werden. Der Flächenverbrauch und die Naturzerstörung wären dann deutlich geringer. „Wir reden über eine Entscheidung, die viele nachfolgende Generationen betrifft“, so Lossau. Deswegen sollte genau überlegt werden, wie gebaut wird. „Wenn sie uns beweisen, dass der Trassenverlauf hier am günstigsten ist, dann akzeptieren wir es. Doch diesen Nachweis ist uns Tennet noch schuldig.“

Auch die BI in Waffensen, die die erste im Landkreis war, habe akzeptiert, dass das Projekt politischer Konsens sei. Die einstige Totalverweigerung habe man aufgegeben. Nun gelte es, den besten Weg zu finden.

Wo der lang führen könnte, ist noch völlig offen. Tennet hatte am Dienstag lediglich angekündigt: „Unseren aktuellen Trassenkorridorvorschlag und die etwa 100 Bürgeralternativen haben wir den geltenden gesetzlichen Vorgaben entsprechend im Hinblick auf mögliche Auswirkungen einer Freileitung untersucht. Für ‚SuedLink‘ bedeutet der Erdkabel-Vorrang, dass die Planung möglicher Trassenkorridore neu aufgesetzt werden muss.“ Tennet stelle nun die Weichen, um bei der Neu- und Umplanung den Zeitverzug möglichst gering zu halten. Es gelte, nach der neuen Vorgabe geeignete Korridore zu finden. 2022, mit dem Abschalten der letzten Atomkraftwerke in Deutschland, soll die „Stromautobahn“ stehen.

Für Weber ist das Umdenken auf höchster politischer Ebene in Berlin ein Beweis für den Erfolg kommunalen Engagements. Insbesondere aus dem Landkreis heraus habe es viele konstruktive Anregungen und Kommentare gegeben. Weber: „Die wichtige Erkenntnis ist, dass man Gehör findet.“ Nicht zuletzt habe der aus Rotenburg stammende Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, stets ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger gehabt. Und er habe Klartext geredet – auch darüber, dass „SuedLink“ eben nicht nur Windstrom transportieren werde, ergänzte Lossau.

Auch in Hannover werden die „SuedLink“-Pläne begrüßt. Der Sottrumer FDP-Landtagsabgeordnete Jan-Christoph Oetjen am Mittwoch in einer Pressemitteilung: „Das stärkt die Akzeptanz des Projektes vor Ort, schließlich werde damit auch eine der wichtigsten Forderungen aus dem Landkreis Rotenburg erfüllt.“ Oetjen forderte für die Neuplanung ein transparentes Vorgehen. „Insbesondere die zu Grunde liegenden Planungskriterien müssen frühzeitig offen gelegt und in den betroffenen Regionen diskutiert werden“, mahnte er.

Ob der Landkreis Rotenburg dabei ähnlich stark betroffen ist wie nach den ersten Trassenvorschlägen, wird in Waffensen genau beobachtet. BI-Sprecher Lossau: „Wir wissen immer noch nicht, wie gesundheitsschädlich die Trasse eigentlich ist. Wir sind doch eigentlich gebeutelt genug.“

Grundsätzliche Kritik an der Neuplanung ist dagegen aus Stade zu vernehmen. Die IHK Stade spricht sich dezidiert gegen die Forderung, „SuedLink“ komplett neu zu planen, aus. „Wir unterstützen den Netzausbau als Kernelement der Energiewende ausdrücklich und haben uns in den letzten Jahren aktiv in die Gespräche um ‚SuedLink‘ eingebracht“, begründete dies IHK-Präsident Thomas Windgassen. „Der Einsatz von Erdkabeln ist ein wirksames Mittel, um an strittigen Punkten zu Lösungen zu kommen. Jetzt aber eine vollständige Neuplanung zu fordern, wird dem Netzausbau in Deutschland insgesamt großen Schaden zufügen.“ Zum einen bringe die Erdverkabelung höhere Kosten für alle Stromkunden mit sich. Zum anderen würden auch Erdkabel nicht vollständig unsichtbar durch das Land führen. Betroffene Landwirten befürchteten, ihre Flächen nur noch eingeschränkt bewirtschaften zu können. Wälder könnten nicht mehr überspannt, sondern müssten durchschnitten oder großflächig umgangen werden. Zugänge und Übergabestationen seien weithin in der Landschaft wahrzunehmen. Es sei daher absehbar, dass es auch hier umfangreiche Abstimmungsprozesse und Proteste Betroffener geben werde. „Als IHK setzen wir uns für eine möglichst optimale Trassenführung ein“, so Präsident Windgassen. „Die einseitige Bevorzugung einer Technologie ist hierbei heute so unangebracht, wie sie es früher war. Nur mit einem vernünftigen Mix können die Schwachstellen der bisherigen Planung behoben und die Netze bedarfsgerecht ausgebaut werden.“

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