Erdgas-Produzenten äußern sich zu erhöhten Krankenzahlen in Bothel

„Jeder einzelne Krebsfall ist bedauerlich“

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An der Bohrung „Höhnsmoor Z1“ zwischen Rotenburg und Westerholz wurde am 22. Juni 2011 zum bislang letzten Mal gefrackt, um die Erdgasproduktion anzuschieben. Die Diskussion um die Gesundheitsgefahren nahm erst danach richtig Fahrt auf.

Bothel - Von Michael Krüger. Am 11. September schreckte der Landkreis auf: Erstmals wurden Zahlen des des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN) bekannt, nach denen in der Samtgemeinde Bothel unverhältnismäßig viele Männer an Leukämie oder Lymphomen erkrankt sind.

Nun läuft die Suche nach den Ursachen. Kritiker der intensiven Erdgas-Förderung in der Region stellten umgehend Zusammenhänge her – doch Politik und Verwaltung mahnen zur Sachlichkeit in der Debatte. Erstmals äußert sich im Gespräch mit der Kreiszeitung die kritisierte Branche selbst. Hartmut Pick vom Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) spricht für die auch in der Region tätigen Unternehmen „ExxonMobil“ und RWE Dea.

Nach dem Bekanntwerden der Krebs-Zahlen haben die Vertreter der Erdgas- und Erdölunternehmen bislang geschwiegen. Warum?

Hartmut Pick: Die Ergebnisse des EKN hinsichtlich einer Häufung von Krebserkrankungen im Bereich der Samtgemeinde Bothel machen uns betroffen. Jeder einzelne Krebsfall ist bedauerlich, und es ist verständlich, dass Betroffene und Angehörige nach Gründen dafür suchen. Wenn die Frage im Raum steht, ob dies mit einer wirtschaftlichen Tätigkeit in Verbindung stehen könnte, muss diese geklärt werden. Aber ein Zusammenhang mit der Erdgasproduktion ist derzeit nicht zwangsläufig ableitbar. Die öffentliche Diskussion hierzu beruht ausschließlich auf Spekulationen. Auch der Bericht des EKN enthält keinen Hinweis auf diesen Zusammenhang, sondern verweist auf Grund der Häufung bei Männern allgemein auf eine mögliche berufliche Exposition. Als Industrie bitten wir um Verständnis, dass wir uns zu Spekulationen nicht äußern; hiervor warnen ja auch Politiker.

Können Sie die Bedenken denn nachvollziehen? Und wie wollen Sie bei der Suche nach Ursachen helfen?

Pick: Allein aus der Tatsache heraus, dass im Lagerstättenwasser Benzol enthalten ist, auf einen Zusammenhang zwischen Erdgasförderung und Erkrankungen zu schließen, mag zwar aus der Sicht des Betroffenen nachvollziehbar sein, ist aber wissenschaftlich nicht haltbar. Die deutschen Erdgasproduzenten begrüßen und unterstützen den Plan, dass sich die zuständigen Institutionen in Niedersachsen jetzt umgehend und mittels wissenschaftlicher Methoden mit der Aufklärung der Hintergründe befassen. Wir erwarten, dass in dieser Untersuchung alle möglichen Verursacher ergebnisoffen in die Betrachtung einbezogen werden. Wir sind auch bereit, daran mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln mitzuwirken.

Die Debatte hat viele Vorwürfe und Misstrauen an die Oberfläche gespült. Wie wollen Sie als Verband mehr Vertrauen in Ihre Technik und Produkte herstellen?

Pick: Die Erdgasproduktionsindustrie hat zahlreiche Anstrengungen unternommen, um Vertrauen zurück zu gewinnen. Dies betrifft Aspekte der Kommunikation, der Transparenz sowie technische Lösungen. Neben stärkerer Vor-Ort-Präsenz der Unternehmen und deutlicher Stärkung von Infoveranstaltungen vor Ort sind insbesondere die Web-Seiten von WEG und Unternehmen zu nennen, auf denen zum Beispiel Betriebspläne und andere Informationen veröffentlicht sind. Im Internet-Angebot des WEG wurden beispielsweise Info-Seiten über Fracfluide oder das Bürgerinformationssystem zur seismischen Überwachung eingerichtet.

Das betrifft die Öffentlichkeitsarbeit. Ändern Sie denn auch technische Aspekte?

Pick: Die Industrie arbeitet intensiv an technischen Verbesserungen. So wurde beispielsweise im WEG eine Technische Regel für hydraulische Bohrlochbehandlungen in konventionellen Speichergesteinen veröffentlicht, in der auch geregelt ist, dass Frac-Fluide nicht giftig oder umweltgefährlich sein dürfen. Fortschritte hat die Industrie beispielsweise auch bei Überwachung, Stilllegung oder Austausch von PE-Leitungen erreicht.

Wie weit ist die Technik, um Lagerstättenwasser oberirdisch zu reinigen oder zumindest nicht mehr oberflächennah zu verpressen?

Pick: Im Rahmen der Bemühungen um eine umweltverträgliche, nachhaltige und ökonomische Behandlung beziehungsweise Entsorgung von Lagerstättenwasser gibt es innerhalb des WEG eine Arbeitsgruppe, die alle Optionen offen prüft und nach konkreten Lösungsansätzen sucht. Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch die Ökoeffizienz der verschiedenen Optionen. Als Ergebnis entsprechender Untersuchungen hat die Erdgas- und Erdöl-Industrie erklärt, dass sie langfristig die Verpressung in flache Horizonte einstellen wird und zugesagt, Lagerstättenwasser zukünftig nur in ehemalige kohlenwasserstoffführende Formationen zu reinjizieren, also in ehemalige Lagerstätten, die sich in der Regel in Horizonten im Bereich von 5000 Metern befinden. Entsprechende Betriebspläne sind bereits beantragt und bedürfen der Genehmigung. Zusätzlich wird die Aufbereitung des Wassers als mögliche Option geprüft. Dazu hat es erste Gespräche mit potenziellen Anbietern gegeben. Ergebnisse liegen im derzeitigen Stadium der Gespräche noch nicht vor.

Geben Sie bekannt, welche Inhaltsstoffe Frac-Flüssigkeit und Lagerstättenwasserhaben?

Pick: In der Technischen Regel des WEG für hydraulische Bohrlochbehandlungen in konventionellen Speichergesteinen haben sich die Unternehmen verpflichtet, die Inhaltsstoffe der Frac-Fluide zu veröffentlichen. Auf den Web-Seiten der Unternehmen sowie auf der WEG-Seite sind die Angaben veröffentlicht.

www.fracinfo.de

Erdgasförderung im Landkreis:

69 Fracs gab es im Landkreis Rotenburg bislang insgesamt, 1982 in Söhlingen den ersten. RWE Dea und „ExxonMobil“ haben sich den Markt im Landkreis untereinander aufgeteilt. Zuletzt wurde in der Region am 22. Juni 2011 gefrackt, um die Erdgasproduktion anzuschieben. RWE Dea setzte die Frac-Technologie, bei der ein Chemikalien-Gemisch in der Tiefe die Gasvorkommen freilegen soll, an der Bohrung „Höhnsmoor Z1“ zwischen Rotenburg und Westerholz ein – in Sandstein. Eine ähnliche Maßnahme hat „ExxonMobil“ an der Bohrstelle „Bötersen Z11“ geplant. Die Genehmigung steht aber noch aus. Kreisweit gibt es fünf Versenkbohrungen für Lagerstättenwasser: „Stapel Z1“, „Sottrum Z1“, „Söhlingen H1“, „Wittorf Z1“ und „Gilkenheide Z1“. Welche Gefahr vom Frac selbst, vom anfallenden Lagerstättenwasser und vom laufenden Betrieb ausgeht, ist höchst umstritten – und noch weitgehend unerforscht.

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