Er nagt an der Umwelt

Auch im Landkreis Rotenburg: Eingeschleppte Nutrias gefährden Ökosystem

Sumpfbiber, Biberratte, oder Nutria (Myocastor coypus) – der Nager mit vielen Namen, der zunehmend auch im Landkreis Rotenburg Probleme macht, ist hier eigentlich nicht heimisch.
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Sumpfbiber, Biberratte, oder Nutria (Myocastor coypus) – der Nager mit vielen Namen, der zunehmend auch im Landkreis Rotenburg Probleme macht, ist hier eigentlich nicht heimisch.

Rotenburg/Ostervesede – Sie mögen auf den ersten Blick niedlich aussehen, doch die aus Südamerika stammenden Nutrias gefährden das heimische Ökosystem. Sie beeinflussen heimische Arten negativ und buddeln fleißig, damit sind sie eine Gefahr für beispielsweise Gewässerböschungen, weiß Berufsjäger Marco Soltau aus Ostervesede.

Der Vorsitzende der Jägerschaft Rotenburg ist im Landkreis mit der Koordination des Projektes beauftragt, dessen Ziel es im Ganzen ist, die Nutrias hierzulande zu dezimieren. „Wenn man feststellt, dass fremde Arten einen negativen Einfluss auf das heimische Ökosystem haben, muss man dagegen vorgehen.“

Die großen Meerschweinchenverwandten wurden einst als Pelztiere nach Deutschland gebracht, berichtet Soltau. Vor allem in Ostdeutschland wurden sie auf Pelztierfarmen gehalten. Als diese Industrie zusammenbrach, wurden die Tiere freigelassen – und vermehrten sich. Das geht schnell, sie können sich ganzjährig fortpflanzen. Zweimal im Jahr können Weibchen zwischen vier und 13 Junge zur Welt bringen. Natürliche Feinde hätten die Sumpfbiber dabei fast gar nicht.

Wenn der Fallenmelder sich regt, kontrolliert Marco Soltau die Tunnelfalle am Wasser.

Gemeinsam mit Waschbär, Marderhund und Bisam gelten die Nutrias als invasive Arten. Zunächst habe man sich mit dem Bisam, einem der in Deutschland als erstes freigelassenen Pelztiere, arrangiert. „Dann kam der starke, aggressive Nutria dazu“, so Soltau. Die relativ großen und bis zu zwölf Kilo schweren Pflanzenfresser, die sich beispielsweise von Schilf oder seltenen Flussmuscheln ernähren, haben sich auch im Landkreis angesiedelt. Sie wandern über Land, sind aber wassergebunden. Sie verteilen sich, sammeln sich nicht an einem Ort, weswegen ihre Lebensbedingungen im wasserreichen Rotenburg gut seien.

Soltau fängt 30 Nutrias in seinem Revier

„Vor Ort werden das gar nicht so viele sein, die Verbreitung ist das Problem.“ In den zurückliegenden Jahren hätten sie sich rasant vermehrt und verbreitet, was sich anhand der Streckenergebnisse nachverfolgen lasse. Im aktuellen Jagdjahr hat Soltau allein in seinem Revier, in dem bis Anfang Oktober kein Nutria nachgewiesen wurde, bisher gut 30 Tiere gefangen. Eine genaue Zählung, wie viele es im Landkreis gibt, ist bei dieser Wildart nicht möglich.

Die Nager können für große Schäden sorgen, indem sie Böschungen zerstören und damit für eine Störung in den natürlichen Fließgewässern sorgen. Sie graben tiefe Gänge, können für Landwirte zum Problem werden: Weidetiere oder Maschinen könnten einbrechen und verletzt werden oder kaputt gehen. „Das muss man nicht dramatisch reden, aber es kann ein Problem sein.“

Nutrias unterliegen dem Jagdrecht und dürfen ganzjährig bejagt werden – ausschließlich von Jägern, betont Soltau. „Ihre Bejagung ist aus ökologischen Gründen ähnlich wichtig wie die der Waschbären“, so der Jäger. Viele Revierinhaber tun dies aber noch nicht. Teils aus Unwissenheit, dadurch sei noch „wenig Motivation bei den Jägern“. Teils auch, weil sie die aufwendige Fallenjagd vermeiden möchten. Letztere sei am erfolgversprechendsten.

Aber: Es fehlt hinsichtlich der Fallenjagd an guter jagdlicher Betreuung, kritisiert er. Manche Revierinhaber wissen nicht, dass sie Nutrias haben oder sind zu selten vor Ort, um eine regelmäßige Bejagung sicherzustellen. Dafür brauche es Fallenjäger. Personal sei vorhanden – 50 bis 60 Jagdscheinneulinge zählt Soltau pro Jahr. Alle werden in der Fallenjagd unterrichtet.

Bejagung ist Pflicht

Was auch der Hintergrund für die fehlende Bejagung ist, Soltaus Aufgabe ist es nun, zu sensibilisieren, zu motivieren und aufzuklären. Die Bejagung der Nutrias ist Pflicht. In Niedersachsen gibt es dazu eine Verordnung. „Wir intensivieren die Jagd aber auch nach europäischen Naturschutzvorschriften.“ Der Landkreis weiß darum und förderte 2020 die Anschaffung von Fallen mit 30 000 Euro. „Deshalb müssen wir jetzt innerhalb der Jägerschaften das Verständnis dafür wecken, dass sich Revierinhaber die Fallenjagd betreiben, zum Beispiel, indem sie sich einen Fallenjäger holen.“

Ein Negativbeispiel kennt Soltau aus Bremen: Dort ist die Bejagung nach Druck aus der Öffentlichkeit zwischenzeitlich gestoppt worden, mit fatalen Folgen. „Eine Invasion von Nutrias, der sie heute mit jagdlichen Mitteln kaum nachkommen.“ Weil lange Zeit zu wenig Bejagung stattfand, muss Deutschland auch schon Strafzahlungen an die Europäische Kommission leisten.

Die Nutrias werden in Tunnelfallen lebend gefangen. Ihr Fleisch ist hochwertig, in ihrer Heimat gilt es als Delikatesse. „Sie sind dem Hasen ähnlich, aber Nagetiere verbindet der Mensch hier noch meist mit Ratten“, weiß Soltau um Hemmungen. Da das Angebot weiter steigen wird, wünscht er sich, dass das Tier verwertet werden kann. Derzeit muss er einen Teil entsorgen, einen Teil kann er zur Verwertung weiter wegbringen. „Es fühlt sich für einen Jäger schlecht an, Tiere zu töten und nicht zu nutzen. Aber wir haben da keine Wahl.“

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