Ehemaliger Ratsgymnasiast Florian Moch gewinnt Augsburger Kunstförderpreis

Er lässt die Puppen tanzen

Eine Szene aus dem „Ring“ der „Puppenkiste“ von Florian Moch.
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Eine Szene aus dem „Ring“ der „Puppenkiste“ von Florian Moch.

Rotenburg / Augsburg – Augsburg ist weit weg. Doch diese Nachricht spricht sich natürlich schnell herum – sogar bis in den hohen Norden: Florian Moch, ehemaliger Schüler des Rotenburger Ratsgymnasiums, hat den Augsburger Kunstförderpreis für Literatur gewonnen. Seit zehn Jahren ist er als Regisseur, Autor, Puppenbauer und Puppenspieler bei der Augsburger Puppenkiste beschäftigt.

„Über den Preis habe ich mich besonders gefreut, weil er ein Literatur-Preis ist, mit dem der textliche, schriftstellerische Aspekt meiner Arbeit ausgezeichnet worden ist“, erklärt der inzwischen 34-Jährige gegenüber der Kreiszeitung. Häufig stehe nämlich im Gegensatz dazu in der Wahrnehmung von Figurentheater die Optik im Mittelpunkt. Durch den Preis werde nun auch der Text in den Fokus gerückt.

Zm 61. Mal würdigt der Kunstförderpreis der Stadt Augsburg außergewöhnliche Begabung und bestärkt junge, talentierte Kreative auf ihrem eingeschlagenen Weg. Der Preis, sagt Moch, bezieht sich auf das gesamte künstlerische Schaffen. Dieses werde von der Jury anhand eines Querschnitts an Arbeiten bewertet. „In meinem Fall sind das die Textbücher für ,Der Ring des Nibelungen’ und ,Die Bremer Stadtmusikanten’ gewesen.“

2006 hat Moch das Ratsgymnasium und damit auch Westerwalsede – dort ist er aufgewachsen – mit dem Abitur in der Tasche in Richtung Berlin verlassen, um an der Freien Universität Deutsche Philologie und Theaterwissenschaften zu studieren. Fünf Jahre später: Mit dem Master in Theaterwissenschaft steigt Moch 2011 bei der Puppenkiste ein. Tatsächlich dort beruflich anzukommen, sei das die Erfüllung eines Kindheitstraums gewesen, der durch mehr oder weniger bewusstes Hinarbeiten auf dieses Ziel und das nötige Quäntchen Glück wahr geworden sei, sagt er.

Das Ensemble der Puppenkiste umfasst derzeit 15 Puppenspieler, sagt der junge Mann. Die Hauptaufgabe bestehe im Puppenspielen, wodurch der tägliche Spielbetrieb aufrecht erhalten werde. Immerhin rund 400 Vorstellungen pro Jahr gibt es im Haus in Augsburg. „Daneben ist jedes Ensemblemitglied – je nach Fähigkeit, Ausbildung und Begabung – für einen weiteren Bereich zuständig, zum Beispiel die Schreinerei, den Malersaal, die Requisite, die Schneiderei oder das hausinterne Tonstudio.“ Im Prinzip gebe es alle Abteilungen, die auch ein großes Theater besitzt, ein paar Nummern kleiner, puppengerecht eben.

Florian Moch

„Die Begeisterung fürs Figurentheater, die mich als Kind gepackt hat, versuche ich mir bis heute zu bewahren: Ich schaue mir immer wieder Vorstellungen bei uns im Haus als Zuschauer an, um den Zauber einer Aufführung neu zu erleben und damit für mich frisch zu halten“, schildert Moch, dessen Vater Roger viele Menschen hier in der Region noch als Pastor der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Rotenburg kennen. Er ist seit zwei Jahren im Ruhestand.

Auch Kleinigkeiten erfreuen Florian Moch regelmäßig, etwa ein gelungenes Detail an einer neuen Marionette, ein schön gesprochener Satz einer Figur beziehungsweise eines Sprechers, eine besonders gekonnt gespielte Marionette auf der Bühne. Moch: „Sich diese Begeisterung und auch die Neugier zu erhalten, ist für mich fast genauso wichtig wie die schriftstellerischen oder handwerklichen Fähigkeiten, die den Beruf ausmachen.“

Die Arbeit an den „Bremer Stadtmusikanten“ habe vom Schreiben der ersten Seite bis zur Premiere etwa anderthalb Jahre gedauert. „Erste Gedanken für eine ,Nibelungen’-Inszenierung – damals noch nach dem mittelhochdeutschen Nibelungenlied – hatte ich 2008, vor meiner Zeit in der Puppenkiste.“ 2012 habe er diese Idee zum ersten Mal Klaus Marschall, Leiter und Inhaber der Puppenkiste, vorgeschlagen. Der schlug ihm wiederum vor, wenn er sich schon mit den „Nibelungen“ beschäftige, dann doch gleich mit Richard Wagners Mammutwerk „Der Ring des Nibelungen“.

So sei die Idee geboren worden, die vier Wagner-Opern mit einer Aufführungsdauer von insgesamt etwa 16 Stunden zusammengefasst in einer Sprechtheaterfassung von zwei Stunden Aufführungsdauer auf die Bühne zu bringen, also die Idee, den großen „Ring“ komprimiert und verständlich in der „Puppenkiste“ zu inszenieren. Moch rückblickend: „Bis diese Idee dann tatsächlich Wirklichkeit wurde, sind noch mal – mit Unterbrechungen durch Arbeiten an anderen Projekten – sechs Jahre und unzählige Arbeitsstunden vergangen.“

Auf den Text bezogen, habe bei den „Bremer Stadtmusikanten“ die Herausforderung darin bestanden, die recht kurze Märchenvorlage der Brüder Grimm auf eine passende Spiellänge auszubauen. Beim „Ring“ sei die Herangehensweise genau umgekehrt gewesen: „Eine riesige Textmenge musste stark eingekürzt und in eine verständliche, unterhaltsame heutige Sprache gebracht werden, ohne aber das Original zu veralbern.“

Florian Moch baut auch die Puppen.

Das ist gelungen – und genau das schlägt sich in der Beurteilung der Jury für den Augsburger Kunstpreis nieder. „Mit den eingereichten Texten beeindruckt Florian Moch als ein Künstler, der einerseits das Handwerk versteht, die Puppen tanzen zu lassen, der andererseits aber auch sprachlich zu überzeugen vermag, wenn er die Figuren sprechen lässt – und um das geht es hier. Schon allein das Raffinement, wie der Autor beim Ring im Vorspiel die Konflikte und Grundfragen witzig auf den Punkt bringt und dann stringent ihren Weg gehen lässt, ist sehr überzeugend, zumal er dabei aktuelle Problemstellungen nicht scheut.“ Sein Humor wirke nie bemüht. Die Fähigkeit zum Spannungsaufbau oder zur Dialogführung sei ebenso gekonnt wie einfallsreich. Und als das Beste, vielleicht auch Gewagteste erscheine, dass er Wagner gegenüber immer wieder augenzwinkernd, aber nicht einmal übermäßig respektlos, auftrete.

Wie geht es weiter? Florian Moch: „Ideen sammle ich praktisch ständig, mache Zeichnungen und Notizen für Neues.“ Derzeit ist die „Puppenkiste“ wegen Corona geschlossen. Moch hofft, dass im Laufe des Jahres die Wiedereröffnung möglich wird. „Gespannt werde ich auf die Bundestagswahl im September schauen, wenn klar wird, welche Politiker auf Bundesebene eine Rolle spielen und damit auch für unser Kabarett-Programm wichtig werden und neu von mir geschnitzt werden müssen.“

Der 34-Jährige macht aber mehr als nur Puppentheater. Wenngleich er sagt: „Die Vielfältigkeit meines Berufs mit allen seinen Möglichkeiten macht ihn tatsächlich zu meinem Traumberuf: Die Bandbreite der Projekte, die ich bisher als Regisseur realisieren konnte, reicht von einem Musikvideo für Bela B über Nachmittagsstücke für Kinder bis hin zum ,Ring’ als große Abendinszenierung für Erwachsene.“ An einem weiteren Film hat er ebenfalls mitgewirkt – „Spletthrex“. Dass auch darin Puppen „tanzen“, versteht sich fast von selbst.

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