Entschädigung über Stiftung sei unzureichend / „Deklassiert und abgeschoben“

Ehemalige Heimkinder kritisieren Werke

Rotenburg - Von Juli 2016 an soll rund 80000 Betroffenen, die als Kinder und Jugendliche in deutschen Behindertenheimen misshandelt worden sind, über die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ eine finanzielle Entschädigung in Aussicht gestellt werden. Auch die Rotenburger Werke haben sich der Initiative von Bund, Ländern und Kirchen im September angeschlossen.

Doch den hiesigen Mitgliedern des Vereins ehemaliger Heimkinder geht diese Ankündigung nicht weit genug. „Junge Menschen, die in den Rotenburger Anstalten betreut werden sollten, mussten dort unter vielfältiger Gewalt leiden. Schlimmer noch, an ihnen wurden von Ärzten und Betreuern Vergehen und Verbrechen verübt“, heißt es in einer Presseerklärung. Erst jetzt, nach etwa vier Jahrzehnten, gelinge es diesen Traumatisierten, über das damalige Geschehen zu sprechen und Forderungen nach Entschädigung zu erheben.

Die einzige konkrete und direkte Hilfe, die die Leitung der Rotenburger Werke in dieser Situation den Betroffenen anbiete, bestehe aber in der Bereitschaft, sie bei der Antragstellung bei der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ zu unterstützen. Das sei nicht akzeptabel: „Es ist das offensichtliche Bestreben der Leitung der Rotenburger Werke, die eigene Verantwortung für die Betroffenen aus ihrer Einrichtung an diese Stiftung abzugeben.“ Grundsätzlich sei anzumerken, dass die künftige Stiftung keine Entschädigung zahle, sondern es gehe um „Anerkennung durch Geldleistungen“. Das entspreche dem Geldschein, den man dem Bettler vor der Tür in die Hand drückt, wenn man ihm nicht nur sein Mitleid aussprechen möchte. Zudem seien diese Geldleistungen deutlich geringer als beim bereits bestehenden Fonds „Heimerziehung“.

Die Mitglieder im Verein ehemaliger Heimkinder protestieren demnach „aufs Schärfste“ gegen die Ungleichbehandlung der „normalen“ und der „behinderten“ Betroffenen, die sachlich durch nichts zu rechtfertigen sei. Im Lichte dieser Tatsachen sei zu fragen, was von den Versprechen der Leitung der Rotenburger Werke übrig bleibe.

„Offensichtlich gelten die schönen Worte nur für die Menschen, die augenblicklich von den Rotenburger Werken betreut werden und für die Monat für Monat pro Person mehrere Tausend Euro kassiert werden. Die Ehemaligen werden deklassiert und abgeschoben.“ Für die in der Vergangenheit schwer geschädigten Menschen habe die Werke-Leitung jedoch genauso Verantwortung zu tragen wie für jeden heutigen Bewohner.

mk

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