KLIMASCHUTZ VOR ORT Stadtwerke wollen sparen und verkaufen

Der Energie-Spagat

Uwe SchmidtEnergieberater

Rotenburg – Hans-Joachim Boschen grinst, lehnt sich zurück: „Die Frage habe ich erwartet.“ Eine Antwort hat der Bereichsleiter Vertrieb und Marketing der Rotenburger Stadtwerke natürlich auch gleich parat. Ja, die Stadtwerke wollen Energie an die Kunden ihrer fast 7 000 Hausanschlüsse in Rotenburg und Visselhövede liefern. Ja, damit wolle man auch Geld verdienen. Aber: „Wir sehen die Notwendigkeit, wenig Energie zu verbrauchen und haben Sparprojekte immer gefördert“, versichert Boschen. Man fühle sich den Bürgern der Region verpflichtet, mehr als die Konkurrenz großer Energiekonzerne – und deswegen sei Klimaschutz vor Ort für die Stadtwerke ein zentrales Thema.

Uwe Schmidt befasst sich damit täglich bei dem stadteigenen Unternehmen. Der 53-Jährige aus Westerholz ist Energie- und Klimaschutzberater, Projektmanager für alternative erneuerbare Energien. Und er sagt: „Es muss ein Umdenken stattfinden.“ Zehn Prozent der Energie könne jeder mit einfachsten Mitteln sparen, ohne dass er es in seiner Bequemlichkeit überhaupt merke: Elektrogeräte austauschen, Umstellen auf LED, Fenster nachregulieren, Dichtungen austauschen, Licht öfter aus. „Wir können viel mehr“, sagt Schmidt. Nur zeige man zu oft aufs Große, auf globale Themen, „aber man muss im Kleinen anfangen, dann wird es ganz groß“. Für den Verbraucher sei die Energie die günstigste, die er nicht verbraucht. Und für die Umwelt sei die beste Energie, die erst gar nicht erzeugt werden muss.

Schmidt berät Kunden, die sparen wollen. Dafür müssen sie zunächst investieren – vor allem in neue Heizungen. 80 Prozent der Energiekosten eines Haushaltes, rechnet der Experte vor, fließen ins Heizen. Das größte Einsparpotenzial böten neue Gas-Brennwertkessel, auch die Dämmung eines Hauses spiele eine große Rolle. „Ein Luftschloss nützt nichts.“ Der Altbestand müsse saniert werden, um Energie nicht unnötig zu verheizen. „Diese Einsicht muss in die Köpfe der Menschen“, sagt Schmidt. Denn der Endverbraucher müsse es schließlich bezahlen. Die drastisch steigenden Energiepreise der vergangenen Jahre machten das deutlich. Boschen: „Schon jetzt ist Energie grenzwertig teuer für einige.“ Nur gäbe es einfach noch zu viele Menschen, denen das völlig egal ist. Auch bei uns. Dass man mit kleinen Änderungen vor Ort viel mehr erreiche als mit allen CO2-Steuern, müsse kommuniziert werden. Nur über den Preis werde sich das Problem nicht regeln. Es brauche auch die Einsicht.

Neben dem Verkauf und Sparen von Energie meistern die Rotenburger Stadtwerke noch einen Spagat in der öffentlichen Diskussion. Mehr als andere setzen die Stadtwerke auf Erdgas. Auch wenn man das in der aufgeheizten Fracking-Debatte um erhöhte Krebszahlen in der Region kaum sagen möchte, betont Schmidt dennoch: „Das ist die sinnvollste Technik mit fossilen Brennstoffen.“ Er verweist damit vor allem auf die mittlerweile 31 eigenen Blockheizkraftwerke im Stadtgebiet, mit denen für 50 Prozent der städtischen Kunden Strom und Wärme nach ökologischen Kriterien erzeugt würden. Keine langen Übertragungswege, dazu Strom und Wärme aus einer Anlage, ein Wirkungsgrad von 98 Prozent – die Stadtwerke sind überzeugt, mit der Technik einen wichtigen Beitrag für die Energiewende zu leisten. Auch der Gesamt-Strommix der Stadtwerke weise mit rund 59 Prozent erneuerbaren Energien weise einen deutlich höheren ökologischen Anteil aus als die gesamte Stromerzeugung in Deutschland mit rund 38 Prozent – die auf Ökostrom setzenden Kunden sorgen für die Quote.

Rund 90 Prozent der Haushalte heizen in Rotenburg mit Gas. Das kommt vor allem aus Russland und Norwegen. Wird es zum Heizen verbrannt, müsse neueste Technik eingesetzt werden. Das erzeuge einen Spareffekt auch vor Ort. Boschen: „Es reicht nicht, Schornsteinfegerprotokolle zu erfüllen.“ Da auch die Stadtwerke selbst Verbraucher sind, machen auch sie sich selbst Gedanken, wie sie sparen können. Millionen-Investitionen gab es dafür zuletzt in die Technik des Erlebnisbades Ronolulu, Lagerhallen sind auf LED-Technik umgerüstet worden und E-Autos sowie E-Auto-Programme sind neu im Portfolio des Unternehmens. „Wir befinden uns in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess“, betont Energieberater Schmidt. Mit dem Finger auf andere zu zeigen, bringe nichts: „Jeder Mitarbeiter ist gefordert.“

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