Schülerinnen der Fachschule für Sozialpädagogik haben ihre Handys zurück

Endlich wieder online

Nachrichten nachbearbeiten, solange der Akku hält: Die elf Teilnehmerinnen sichten die unbeantworteten Nachrichten einer Woche. - Fotos: Witte/Schwekendiek

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Laut Statistik können sich 71 Prozent der Deutschen ein Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen. In der jüngeren Generation (16 bis 21 Jahre) sind es gar 97 Prozent. Umso beeindruckender, dass sich elf angehende Erzieherinnen der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Rotenburg (FSP) darauf eingelassen haben: eine Woche Komplett-Verzicht auf die Handys. Und die waren diebstahl- und rückfallsicher verwahrt im Schließfach der Sparkasse. Genau da ging nun die Experimentierwoche der Kreiszeitung zu Ende.

Es war wie beim Wiedersehen lange vermisster Familienangehöriger, als alle ihre so geliebten mobilen Begleiter wieder in den Händen hielten: großer Jubel, Begeisterung, kollektives Staunen. 366 „WhatsApp“-Nachrichten waren bei Ronja Doran in einer knappen Woche aufgelaufen. Andere Handys hören betriebsbedingt unter der Hundertergrenze auf zu zählen und vermerken dann bloß „99+“. Manche hatten sich entladen bis auf die „Notruf-Funktion“, andere wiesen noch stolze 78 Prozent an Rest-Ladekapazität auf.

Alle Handy-Besitzer waren sichtlich glücklich, sie wieder zu haben, fanden das Projekt aber „super“ und waren sofort bereit „noch mal so was Ähnliches mitzumachen“.

Sabine Sievers, Lehrerin an der FSP, ist erfreut, dass ihre Schülerinnen diese Woche zum Anlass genommen haben, auch den eigenen Gebrauch des Smartphones zu überdenken. „Die Dosis macht’s“, dieser alte Grundsatz des Arztes Paracelsus über zu verabreichende Arzneimittel gelte offensichtlich auch für die Handy-Nutzung. Im Unterricht selbst sieht sie es im Übrigen gelassen: Zwar möchte sie die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Schüler, und die ist nicht gegeben, wenn diese gleichzeitig chatten, aber es kommt schon vor, dass jemand selbst vibriert, wenn das Handy vibriert.

Dass die Dosis entscheidend ist, hatten im Laufe der Wochenserie auch Ärzte des Diakonieklinikums bestätigt. Handchirurg Professor Detlev Hebebrand warnte vor Haltungsschäden durch ständige Bildschirmarbeit und frühzeitige Überlastungen insbesondere im Daumensattelgelenk sowie Sehnenentzündungen durch die seitlichen Wischbewegungen. Neben den Körperlichen Folgen spielen vermutlich psychische die größere Rolle – das Handy als Suchtfaktor, ein „ernst zu nehmendes Problem“, wie Dr. Heinrich Hahn, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums, bestätigte. Wer ständig online ist, laufe Gefahr, dass seine Gedanken eng mit dem Telefon verwoben sind.

Vielleicht auch deshalb gibt es einige Kollegen an der FSP, die beim Thema ganz rigoros sind: alle Handys vom Tisch. Wiederum andere lassen völlig freie Hand; die angehenden Sozialpädagogen sind immerhin fast alle volljährig. Die müssten wissen, ob sie dem Unterricht folgen oder nicht. Im Grunde das Uni-Prinzip: Entweder du machst mit oder eben nicht – dann bist du bald „raus“. Patentrezepte gibt es sicherlich nicht, aber natürlich, so Sievers, „stört mich das auch“, wenn „WhatsApp“ sich mal wieder vordrängelt. Gespannt ist sie, ob sich das nun ändern wird. Immerhin haben sie gute Vorsätze, ihre Schülerinnen, die nun wieder online sind. Vorerst aber gilt es, erst einmal die bisher ungelesenen Nachrichten zu bearbeiten. „Das kann schon mal einen Tag dauern“, meinte eine Teilnehmerin. Trotz schneller Daumen: 366 Mitteilungen zu beantworten, dürfte locker einige Stunden in Anspruch nehmen, wenn man nur eine Minute pro Nachricht ansetzt. Insofern haben alle auch ganz schön viel Zeit gespart in dieser Woche. Der Chronist selbst hatte ganze 47 aufgelaufene „News“ auf seinem Smartphone. Und von ungeheurer Wichtigkeit waren – eigentlich keine. Alle Teile unserer Wochenserie können online nachgelesen werden, auch optimiert fürs Smartphone.

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