Ehrenamtliche im Bereich Hospizarbeit können wieder unterstützen

Das Ende der Einsamkeit ist in Sicht

Martina Wesseloh (r.) und Vanessa Pahl koordinieren die Arbeit des Hospizvereins.

Rotenburg – Sterben – es ist noch immer ein Tabuthema, über den Tod redet niemand gerne. Aber er ist allgegenwärtig, in Zeiten von Corona noch mehr als sonst. Täglich sterben weiterhin weltweit Menschen, auch in Deutschland – an dem Virus, aber nicht nur daran. Manche sterben altersbedingt, andere an anderen Krankheiten. Eines blieb gleich: Viele mussten alleine sterben, weil den Angehörigen oder auch den Ehrenamtlichen im Bereich Hospizarbeit durch die jeweiligen Kontaktbeschränkungen im Rahmen der Eindämmung der Pandemie kein Zutritt gestattet war; sowohl in Krankenhäuser, Pflegeheime als auch in Privatwohnungen.

Groß war die Angst vor einer weiteren Verbreitung des Virus, zu wenig Schutzausrüstung war oftmals vorhanden. Nun gibt es deutschlandweit und damit auch im Landkreis Rotenburg nach und nach weitere Lockerungen; erste, vorsichtige Schritte in Richtung Normalität. Auch bei der ehrenamtlichen ambulanten Sterbebegleitung der Hospizarbeit in der Region Rotenburg, die in den vergangenen Wochen zum Erliegen gekommen war, geht es langsam wieder voran. Es ist ein Aufatmen, das durch alle Reihen geht.

Neueste Lockerungen des Landes Niedersachsen erlauben einer fest benannten Person den Besuch von Bewohnern in Alten- und Pflegeheimen – und läuten damit ein Ende der Isolation ein. Insgesamt durften Heime bei Vorlegen eines Hygienekonzepts schon seit einigen Wochen eine Ausnahmegenehmigung beim Landkreis Rotenburg beantragen, was auch einige gemacht hätten, teilt Kreispressesprecherin Christine Huchzermeier mit.

Aber: Wer sterbende Angehörige oder auch Patienten betreut, hatte in den vergangenen Wochen auf die Hilfe der Ehrenamtlichen der Hospizarbeit verzichten müssen. Die Unterstützung von ihrer Seite – sei es durch Gespräche, Vorlesen, Musik hören oder auch einfach durch gemeinsames Schweigen – fiel aus, die speziell ausgebildeten Mitarbeiter mussten draußen bleiben.

„Es gab für uns keine Möglichkeit mehr, mit Sterbenden persönlich in Kontakt zu treten“, erklären Martina Wesseloh und Vanessa Pahl, die beiden Koordinatorinnen des Vereins. Telefonate, die in dieser Zeit weiter möglich gewesen wären, haben manche nicht annehmen wollen – sie wollten nicht mehr reden, erzählen die beiden. Keine Möglichkeit also für die Ehrenamtlichen, an sie heranzukommen.

Nun gibt es Erleichterung: Jetzt darf der Hospizverein auch in Alten- und Pflegeeinrichtungen begleiten, „sofern deren Geschäftsführung unter Berücksichtigung des hauseigenen Hygienekonzepts die Begleitung des jeweiligen Bewohners zulässt“, so Wesseloh. Eine einheitliche Regelung gibt es dabei nicht. Vielmehr würden die Häuser diese Möglichkeiten sehr individuell umsetzen und die jeweiligen Pflegedienstleitungen als Umsetzende vor Ort ebenfalls. Wesseloh: „Das reicht von Ehrenamt darf nur telefonieren bis hin zu einzelnen Besuchen in bestimmten Räumlichkeiten oder draußen, sofern es dem Begleiteten noch möglich ist.“. Es seien vor jedem Besuch individuelle Absprachen über den aktuellen Stand zu erfragen und die Begleitung entsprechend anzupassen.

Der Personalmangel, der gerade im Pflegebereich groß ist, sei in den vergangenen Wochen erschwerend hinzugekommen. Viele Sterbende seien daher in ihren letzten Tagen und Stunden einsam gewesen – auch in der häuslichen Umgebung sei das der Fall gewesen, wenn andere Probleme in dieser Zeit die Aufmerksamkeit der Betreuenden gefordert hatten. Gerade dann sei aber eine ambulante Sterbebegleitung wichtig, finden Wesseloh und Pahl.

„Wenn man bedenkt, dass man Kinder beschulen und beaufsichtigen soll, einkaufen gehen, den Job machen, den Haushalt führen und auch noch einen sterbenden Angehörigen versorgen, ist die Grenze der körperlichen und psychischen Belastbarkeit schnell erreicht“, erklärt Pahl. Die Koordinatorinnen arbeiten nun daran, dass ihr Einsatz wieder möglich wird – die ersten Lockerungen in den Kontaktbeschränkungen ermöglichen zum Beispiel auch Familienbesuche in deren Zuhause.

Solange sich alle an die Hygiene- und Abstandsvorschriften halten, spreche nichts dagegen, so Wesseloh. Die Frauen wollen sich daher mit einer gezielten Informations-Kampagne bei stationären Einrichtungen, Ärzten und Familien melden, „um Wissenslücken zu schließen“, wie sie sagen. Bedenken einer Ansteckungsgefahr für Mitarbeiter und Betroffene seien da, geben die Frauen zu. „Aber wir müssen einfach dagegen wirken, dass die Politik uns bei ihren Entscheidungen offenbar vergessen hat. Alle reden von einer Rückkehr zum normalen Leben. Das Sterben hat da wohl keinen Platz“, merkt Wesseloh an. Motiviert seien sie dennoch alle. „Das Virus hat alles, was wir in den vergangenen Jahrzehnten erreicht haben, zurück auf Null gesetzt, das wollen wir wieder ändern“, ergänzt Martina Wesseloh.

Seit 2006 sind die Ehrenamtlichen des Vereins unterwegs, sie begleiten sowohl sterbende Erwachsene als auch Kinder, die an einer lebensverkürzenden Krankheit leiden. 2015 und 2017 sind zudem Angebote für trauernde Kinder und Erwachsene hinzugekommen.

Hospizarbeit

Wer zur Hospizarbeit in der Region Rotenburg Fragen hat oder nähere Informationen benötigt, kann sich bei den Mitarbeitern unter den Telefonnummern 04261/ 2097888 und 0163/7634633 melden sowie einen Blick auf die Website www.hospiz-row.de werfen.

Infokampagne

Um bei stationären Einrichtungen, Ärzten und Familien Wissenlücken zu schließen, hat der Hospizverein eine Infokampagne gestartet. „Mit unserem Aufruf möchten wir ambulante Pflegedienste und Einrichtungen daran erinnern, dass der Hospizverein für ehrenamtliche Begleitung in diversen Situationen sein kann und dort unterstützen möchte, wo Bedarf sein kann“, so Martina Wesseloh. Das müsse nicht unbedingt an eine andere ärztliche oder pflegerische Verordnung angegliedert sein, sondern könne gerade in der Häuslichkeit oder in einer Pflegeeinrichtung unabhängig geschehen. „Menschen sterben ja nicht nur an einer unheilbaren Erkrankung, die nicht mehr therapiert werden kann, sondern auch altersbedingt oder an chronischen Beeinträchtigungen, welche nicht durch spezielle ambulante Versorgung behandelt werden müssen.“

Auf diesem Wege möchte sich der Hospizverein als Begleiter anbieten, um pflegenden Angehörigen eine Nische oder Möglichkeit zur Entlastung und zum Krafttanken zu bieten oder ihre Ressourcen zu stärken. „Da sein, damit in Ruhe tägliche Besorgungen erledigt werden können oder der Hundespaziergang gemacht werden kann, ohne darüber nachdenken zu müssen, dass ihr Angehöriger zu Hause allein ist und möglicherweise etwas passiert“, nennt Wesseloh ein Beispiel.

Kommentar zum Thema von Ann-Christin Beims

Wir leben derzeit mit vielen Einschränkungen im täglichen Leben. Und wir haben sie hingenommen, ohne groß zu Murren. Weil wir den übergeordneten Sinn sehen: Die zu schützen, die wir lieben, die Teil einer Risikogruppe sind. Doch eine Sache, die ist schwer: sterbende Angehörige nicht mehr sehen zu können. Sie in ihren letzten Stunden allein zu wissen, ohne ihnen durch das bloße Dasein ein wenig Linderung zu schenken. Sie wissen in den meisten Fällen sicher, dass wir an sie denken, aber reicht das aus? Natürlich nicht. Der menschliche Faktor ist ein ganz wichtiger. Und er wird aus Angst vor Ansteckung ausgeklammert. Die Rechnung ist einfach: Weniger Kontakte und weniger Infektionsketten gleich schnellstmögliche Eindämmung. Dazu gehört, dass ehrenamtliche Hospizdienstmitarbeiter nicht mehr zu ihren Schützlingen können. Sie haben sich der Aufgabe verschrieben, Sterbende in ihren letzten Wochen, Tagen oder auch Stunden zu begleiten. Ihnen bis zuletzt Würde zu schenken. Eine schwere Aufgabe, aber noch schwerer, sie nicht ausüben zu können. Es braucht Lockerungen, ein wenig Alltag, aber es bedarf auch weiter Abstand und Hygienemaßnahmen. Und vor allem Schutzkleidung; niemand soll sich Gefahren aussetzen. Ist das gegeben, müssen wir diesen notwendigen Beistand für Sterbende zulassen. Und für ihre Angehörigen. Denn allein sollte am Ende niemand sein müssen.

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