Flüchtlinge gestalten Konzert 

Emotionen statt Worte

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Mitglieder der „Stimmbande“, Campusbewohner und Besucher: Beim Tanzen bildeten sie einen bunten Reigen.

Rotenburg - Dieses ungewöhnliche Konzert am Sonntagnachmittag werden wohl die wenigsten der mehreren hundert Beteiligten so bald vergessen. Für viele ist es das Eintauchen in eine fremde Welt – für die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft an der Verdener Straße, Austragungsort des ersten „Campus“-Konzerts, genauso wie für den Chor „Stimmbande“ sowie einheimische Zuhörer.

In der ehemaligen Lungenklinik arbeitet Konstantin Filey-Cordes als Hausmeister. Eigentlich ist er Musiker, in seiner Heimat Weißrussland. Für ihn lag es nahe, dieses Konzert zu organisieren, jenseits von Sprachbarrieren eine Plattform zu schaffen, „wo die Menschen, die oft Schlimmes erlebt haben, sich öffnen können“. Das Motto: „Musik verbindet“ – es klingt nach spaßiger Reise mit Liedern aus aller Welt. Doch der Abend soll ganz anders werden.

Es fängt schon mit der Anfangszeit an: Hier gehen die Uhren anders, und auch wer eine halbe Stunde später erscheint, ist noch rechtzeitig, und die nach einer Stunde auch. Irgendwann fängt jemand auf der Bühne an, seine Trommel rhythmisch zu reiben. Nach und nach kommen Leute auf die Bühne; einige bleiben, einer entlockt dem Keyboard für das europäische Ohr ungewohnte Tonfolgen. Woher die Musiker genau kommen, weiß Constantin selbst nicht genau. „Das ist kurdisch“, wispert ein Bewohner einer Rotenburgerin auf Nachfrage zu, und später: „Der ist aus Afghanistan.“

Als nach einem inbrünstigen Gesang die Trommel einsetzt, klatschen die Menschen mit. Bald tanzen zwei junge Männer auf der Fläche zwischen Bühne und Bestuhlung; eine reifere deutsche Frau reiht sich in den Kreis zwischen dem jungen Syrer und einer jungen Mutter mit Kopftuch ein; der Kreis aus Alt- und vielleicht Neubürgern wird immer größer. Aus der Tür des Hinterraums beobachtet Konstantin das Geschehen. Die Anspannung ist ihm ins Gesicht geschrieben, verstohlen schaut er auf die Uhr. Das Lied dauert inzwischen schon 20 Minuten.

Campuskonzert der Flüchtlinge in Rotenburg

Als Konstantin das Zeichen gibt, zum Ende zu kommen, um selbst zur Gitarre zu greifen und einen anderen Musiker mit einem Saiteninstrument, einer arabischen Ouod, zu begleiten, raunt jemand im Publikum halblaut: „Was für ein cooler Hausmeister!“

Seine Hoffnung hat sich erfüllt: Es werden Emotionen freigesetzt, viele der Musiker und Zuhörer lächeln glücklich, manche tanzen ausgelassen. Wenn die Gefühle zu weit hochkochen, sorgt Constantin mit einer Geste für Ruhe.

Das Umschalten auf einen fröhlichen Sprechgesang geschieht fast augenblicklich. Als Konstantin später wieder zur Gitarre greift, um russische Chansons anzustimmen, klingt das fast schon europäisch. Auch ihm ist das Vortragen der Musik seiner Heimat ein echtes Anliegen, auch wenn er aus „freien Stücken“, nämlich der Liebe wegen nach Deutschland gekommen war.

In der Pause kommt man sich näher, im Vorraum bei Cola, Bier oder Saft. Anwar aus dem Irak, der das Konzert eröffnet hat, ist seit sieben Monaten in Deutschland, ähnlich wie Hamid, der auf Persisch gesungen hat. Er ist mit seiner Großfamilie vor einem halben Jahr geflohen, weil sie als Christen verfolgt wurden. Beide waren in der Heimat Musiker. Was ihnen das hier gibt? Sie verstehen die Frage auch mit Hilfe der zum Übersetzen herbeigeholten Nichte nicht; Hamid lächelt, reckt den Daumen hoch und meint: „Ja, Deutschland gut!“

Sie werden wieder dabei sein, wenn es eine Wiederholung des gemeinsamen Musizierens gibt; und auch, als die Stimmbande Rotenburg nach der Pause zum gemeinsamen afrikanischen Kanon auffordert, singen sie mit. Die Gesichter bleiben bei Frühlings- und Volksliedern skeptisch; die Stimmung der ersten Hälfte will nicht so recht mehr aufkommen – dafür ist der Applaus umso größer. Als die Dolmetscherin das Lied „Die Elche“ übersetzen soll, herrscht zunächst Ratlosigkeit. „Moose“ schallt die englische Übersetzung durch die Reihen, immer wieder malen gutwillige Sprachmittler mit den Händen riesige Geweihe in die Luft. Constantin hatte Recht: „Wo Worte versagen, ist Musik universal verständlich“ – zumindest ein bisschen. Kulturelle Brücken sind lang. Der Wille ist jedenfalls da und der Anfang gemacht, an diesem Abend.

hey

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