Bei perfekten Außenbedingungen sieht man ein seltenes Naturschauspiel

Eisige Wolle im Wald

Das sogenannte wuchernde „Haareis“ lässt sich nur bei der richtigen Witterung entdecken.
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Das sogenannte wuchernde „Haareis“ lässt sich nur bei der richtigen Witterung entdecken.

Rotenburg – Wer am Dreikönigstag im Laubwald spazieren ging, hatte das Glück, ein seltenes Naturphänomen zu entdecken: Haareis. Das eindrucksvolle und kurzlebige Schauspiel ist nur bei bestimmten Umweltbedingungen zu sehen.

In diesem Fall war es der Regen am Tag zuvor und die nachts stark abfallenden Temperaturen, bei Windstille und in den frühen Vormittagstunden im knappen Minusbereich und später um die Null Grad. Ideale Bedingungen für das Haareis, oder auch Eiswolle, um ausgiebig zu wuchern. Zahlreiche Totholzäste, nur darauf entsteht das Phänomen, waren in der Nähe eines Teiches weiß „bewachsen“.

Die Feuchtigkeit auf den Ästen gefriert. Gleichzeitig drückt die Kälte laut Wissenschaft Wasser aus den Zweigen heraus, gefriert, dehnt sich aus und die filigranen Eisgebilde entstehen. Manchmal sogar mit Scheitel. Die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau erklärt auf ihrer Internetpräsenz: „Zwei Effekte sorgen für das Herausdrücken des Eises aus dem Holz. Einerseits die größere Ausdehnung von Eis gegenüber Wasser. Andererseits, dass sich das Wasser bei zunehmender Abkühlung unterhalb von vier Grad wieder ausdehnt. Diese Ausdehnung findet den geringsten Widerstand an der Oberfläche, weshalb es vor allem nach oben drückt. Die feinen watteartigen Strukturen entstehen durch die verholzten Gefäße in den toten Ästen. Dies erklärt, warum die Bildung an sehr feuchte Luft und Temperaturen um null Grad gebunden ist und in einem sehr kurzen Zeitraum nur zu beobachten ist. Bei trockener Luft verdunstet das Wasser zu schnell. Bei zu tiefer oder zu schnell fallenden Temperaturen frieren die Äste zu schnell durch. Außerdem muss sich die Rinde gerade lösen oder noch nicht lange gelöst haben. Es wird vermutet, dass die Lockenbildung, die oft wirre Anordnung und vielleicht auch die gelegentliche Scheitelung durch kleine Luftströmungen während des Haarwachstums entstehen.“

Wachsen von der Basis her

Die Eishaare können zwischen drei und zehn Zentimeter lang und 0,01 bis einen Millimeter dick werden. An anderer Stelle wird sogar über eine Länge von bis zu 20 Zentimetern berichtet. Laut Landesanstalt wächst diese Eisform mit „einer erstaunlichen Geschwindigkeit von fünf bis zehn Millimetern pro Stunde“. Das besondere sei, dass es von der Basis her wachse und nicht, wie Eiszapfen, vom Ende her. „Die Eishaare bilden sich, solange genügend Wasser aus dem Holz nachgeliefert wird.“

Im ersten Augenblick des Entdeckens denken vermutlich viele an einen Pilz. Und tatsächlich scheint einer an der Entstehung beteiligt zu sein: Eine Studie des Forschungszentrums Jülich 2015 von Christian Mätzler brachte ans Tageslicht, dass Haar-eis nur auf Totholz wächst, dass mit einem ganz bestimmten Pilz befallen ist.

Abhängig von Pilz

2008 war Mätzler bereits mit Gerhart Wagner (beide Universität Bern) davon ausgegangen, dass ein im Holz vorhandenes Pilzmyzel die Voraussetzung für Haareis schafft. Die Rosagetönte Gallertkruste (auch Rosa Wachskruste) setzt beim Abbau des Totholzes Substanzen frei, die zur Kristallbildung beitragen. Die Feuchtigkeit auf Holz würde ohne den Pilzbefall zu einer normalen Fläche gefrieren. Die biophysikalische Studie entdeckte verschiedene organische Substanzen in den Eishaaren. Diese sondert eventuell der Pilz zum Schutz ab. Die Substanz sorgt dafür, dass das Wasser aus dem Totholz herausdringt. Dennoch erklären die Schweizer das Naturphänomen als noch nicht vollständig geklärt.

Beschäftigt hat das Naturschauspiel schon den Wissenschaftler Sir John Herschel 1833. Laut verschiedener Quellen soll er in der Zeitschrift „The London and Edinburgh Philosophical Magazine and Journal of Science“ die Eisgebilde in Text und Bild beschrieben haben. 1918 dann versuchte sich der Polarforscher und Meterologe Alfred Wegener daran und vermutete damals schon als Auslöser einen Pilz.

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