Serie „60 Minuten“

Einmal den Jackpot knacken - Besuch in einer Rotenburger Spielhalle

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Am Ende gewinnt immer nur einer: der Betreiber der Spielhalle.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Mein letzter Besuch in einer Spielhalle liegt ziemlich genau 20 Jahre zurück. Auf einer Tour durch den Westen der USA waren wir auch für zwei Tage in Las Vegas gelandet. Da waren die „Einarmigen Banditen“ geradezu allgegenwärtig. Selbst direkt vor der Toilette stand da so ein Ding. Um den allgegenwärtigen Versuchungen zu widerstehen, hatten wir uns seinerzeit auf ein Limit geeinigt, das wir maximal verspielen würden.

Mit dem gleichen Vorsatz betrat ich nun zwei Jahrzehnte später eine Rotenburger Spielhalle. Damit unterschied ich mich nicht von den meisten anderen, die solch eine Einrichtung betreten. Die Frage ist, wer dieses Limit tatsächlich und grundsätzlich einhält. Erster Eindruck: Gedämpftes Halbdunkel, kleine Kaffeebar, Billiard und ein Dutzend blinkender Geldspielautomaten. Außer mir noch vier, fünf andere Spieler und eine „Spielhallenaufsicht“. Alles sehr ruhig, sehr sauber. Ich peile mal einen der Automaten an und lasse mich im davor stehenden Sessel nieder. Äußerst bequem. Da hält man es garantiert 60 Minuten gut aus, was ja auch wohl Sinn der Sache ist. Nicht ganz klar ist mir, wie das Ding vor mir funktioniert. Die Zeiten der „Einarmigen Banditen“, wo man mit einem Seitenhebel drei Rollen in Bewegung setzte, sind längst vorbei, die aus Jugendzeiten bekannte „Goldene Sieben“ unserer Stammkneipe würde hier geradezu lächerlich wirken. Ich scheine die Möglichkeit zu haben, aus einem „Menue“ zwischen verschiedenen Spielarten wählen zu können. Egal. Mir ist sowieso keine bekannt.

Eindeutig ist der Geldeinwurfschlitz direkt vor mir. Der Automat nimmt alles: Hartgeld ab zehn Cent und auch Scheine bis 50 Euro. Also los. Eine blinkende Taste fordert meinen Einsatz und den „Start“. Schon im ersten Spiel gewinne ich: 50 Cent für 10. Das Geld, das bekomme ich bald heraus, kann man sich direkt auszahlen lassen oder gleich wieder einsetzen. Das ist, psychologisch gesehen, ein guter Trick. Der Gewinn wird mir sofort gut geschrieben („Geht doch!“), aber natürlich spielt man meistens weiter („Das Limit ist noch längst nicht erreicht“). Ich habe auch noch gar nicht herausgefunden, wie der Apparat das Geld tatsächlich ausspuckt. Dafür finde ich eine Taste, mit der ich meine Gewinnmöglichkeit erhöhen kann – bei gleichzeitig höherem Einsatz.

Hinter mir scheint ein erfahrener Spieler am Werk zu sein. Er bearbeitet gleich zwei Automaten gleichzeitig, hackt geradezu auf die Knöpfe ein, obwohl das nichts nützen wird. Die Gewinnchancen sind vorgeschrieben und praktisch nicht zu beeinflussen. Sie sind im Übrigen weit höher als noch zu Zeiten der „Goldenen Sieben“! Man hat längst herausgefunden, dass man die Spieler bei der Stange halten muss. Trotzdem gewinnt am Ende immer und grundsätzlich nur einer: der Betreiber.

Während ich auf ein Alternativspiel umschalte, herrscht ein durchaus ständiges Kommen und Gehen. Einige junge Männer bleiben nur für einige Minuten. Andere sind schon vor mir gekommen und sitzen auch noch, als ich gehe. Der Laden hat immerhin länger geöffnet als jedes andere Geschäft am Ort. Mein Kapital am Automat schwindet. In Sekundenschnelle muss man den Startknopf drücken, in Sekundenschnelle ist Geld weg oder kommt auf mein „Guthabenkonto“.

Aus irgendeinem Grunde rattert es plötzlich, und das Konto füllt sich erheblich (in diesem Falle auf über zehn Euro). Es blinken und leuchten zwar überall gigantische Geldbeträge, aber ich weiß, dass der maximale Gewinn auf 400 Euro pro Stunde (und Automat) begrenzt ist. Der maximale Verlust in dieser Zeit allerdings auch – auf 60 Euro. Die jungen Leute neben mir hoffen auf den Jackpot. Das wird aber leider nichts.

Etwa 15 Millionen Deutsche (20 Prozent) spielen hin und wieder an Glücksspielautomaten. Im gesamten Land gilt ein Prozent als glücksspielsüchtig. Heruntergebrochen auf Rotenburg wären das immerhin fast 200 Menschen in unserer Stadt – und die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Nicht ohne Grund verzeichnen Online-Wetten weiterhin immensen Zulauf. Es gibt sieben Spielhallen vor Ort. Mehr, so Bürgermeister Andreas Weber (SPD), als im niedersächsischen Durchschnitt. Deshalb hat der Rat der Stadt auch erst in diesem Jahr beschlossen, die ursprünglich vorgeschriebene Distanz von 100 Metern zwischen zwei Standorten nunmehr auf 450 Meter zu erweitern. Damit sei „die Innenstadt schon mal dicht“. Ein Antrag auf Errichtung einer weiteren Spielothek konnte so abgelehnt werden. Weber fügt ausdrücklich hinzu, dass „in einer Spielhalle noch nie jemand glücklich geworden ist.“ Offen gesagt, bin ich froh, als meine 60 Minuten vorüber sind. Immerhin habe ich schließlich noch die „Auszahlungstaste“ gefunden. Mein Verlust-Limit habe ich nicht erreicht.

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