Eine Zahl für jede Leistung

Noten oder keine Noten, das ist hier die Frage -  Halbjahreszeugnisse stehen an

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„Es ist schwierig, Kinder mit Zahlen zu bewerten“, sagt Grundschulleiterin Catrin Cramme.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Hunderte junger Menschen gehen am heutigen Mittwoch auch in Rotenburg mit einem etwas anderen Gefühl zur Schule. Freude? Angst? Es gibt Halbjahreszeugnisse. Die erbrachte Leistung wird zur Zahl, auch wenn das nicht jedem gefällt. Die Vergleichbarkeit der Leistungen wird schwerer - und die Aufgabe für Lehrer nicht einfacher. Braucht es das Notensystem überhaupt noch?

Catrin Cramme überlegt lange, grinst dann, und schüttelt doch den Kopf: „Es ist schwierig, Kinder mit Noten zu bewerten“, sagt die Leiterin der Rotenburg Kantor-Helmke-Grundschule. Für rund 60 Drittklässler ihrer Schule wird es am heutigen Mittwoch zum ersten Mal ein „richtiges“ Zeugnis mit Zensuren geben, die Aufregung ist dort entsprechend groß. In Klasse eins und zwei gibt es nur schriftliche Kurzberichte zu den erzielten Leistungen, ab der dritten Klasse gehören die Mädchen und Jungen der drei städtischen Grundschulen in Rotenburg zu denen, die Noten erhalten. Ein etabliertes System, auf das sich laut Cramme viele Kinder freuen, weil Noten ein „stärkerer Beweis für Leistung“ seien als ein Text, aber auch ein System, das Probleme in sich birgt.

„Eine Note reduziert die Leistung“, sagt Cramme, die seit 2010 Rektorin der Kantor-Helmke-Schule ist. Besonders in musischen Fächern sei das schwierig, denn die Bewertung eines Bildes oder eines gespielten Musikstückes unterliege doch stets großer Interpretation. „Hochproblematisch“, sagt die Musik- und Deutschlehrerin Cramme, sei zudem das Fach Religion: Eltern könnten entscheiden, ob ihr Kind den evangelisch geprägten Unterricht besuchen. Stehe dann eine Vier oder gar Fünf im Zeugnis, sei die Abwahl des Fachs wahrscheinlich.

Cramme betont aber, dass Grundschulen „echte Gesamtschulen mit allen Facetten und methodischen Feinheiten“ seien. Das, woran an weiterführenden Schulen noch hart gearbeitet werde, sei längst Realität: Die Förderung von Schülern mit völlig unterschiedlichen Lernausgangslagen. Spricht ein Kind zum Beispiel noch gar nicht richtig Deutsch, werde dieser Bereich im Zeugnis ausgeklammert. Dazu gibt es Förderunterricht, gesonderte Aufgabenstellungen und entsprechende Gutachten, die auch kleinere Fortschritte dokumentieren. Cramme: „An Grundschulen fällt niemand durch. Wir haben viele Möglichkeiten, zu unterstützen.“

Und trotzdem wird auch an den Grundschulen am heutigen Mittwoch so manche Träne fließen. Der eine Schüler empfindet eine Drei als tolle Leistung, andere ärgern sich darüber. Um zu zeigen, dass Leistung mehr ist als ein paar Noten, werden an der Kantor-Helmke-Schule auch weitere Kompetenzen ins Zeugnis aufgenommen. Die Teilnahme an Arbeitsgemeinschaften, ein tolles Sozialverhalten, große Fortschritte im Lernen: „Eigentlich freuen sich alle auf den Tag der Zeugnisse - denn jedes Kind hat etwas Gutes darin stehen.“

Wie es nach Klasse vier - egal bei welchem Zeugnis - weiter geht, entscheiden Eltern in Niedersachsen eigenverantwortlich. Grundschulen beraten zwar und geben auf Wunsch der Eltern noch eine Empfehlung, doch die Wahl der weiterführenden Schule für das Kind - „Sitzenbleiben“ gibt es nach Klasse vier nicht - ist frei. Führt der Weg zur hiesigen Integrierten Gesamtschule (IGS), sind die klassischen Noten zunächst wieder passé. „Das erlaubt das Schulgesetz“, sagt IGS-Leiter Sven Thiemer. Statt auf Noten werde bis zur Klassenstufe acht auf Lernentwicklungspläne gesetzt, die die Leistungen ausführlich dokumentieren. „Das ist viel aussagekräftiger“, ist Thiemer überzeugt. „Eine Drei in Deutsch kann alles sein“, sagt er, differenziert werde in der Note kaum. Rechtschreibung super, Grammatik schlecht und mündlich mittel - dann lande ein Kind bei „Befriedigend“. Thiemer: „Wir wollen die genauen Kompetenzen ausweisen und zeigen, wo Stärken und Schwächen liegen.“ Ein Weg, den übrigens auch die private Montessori-Grundschule über alle Jahrgangsstufen gewählt hat - auch hier gibt es Entwicklungsberichte statt Noten.

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