Cohn-Scheune zeigt die Ausstellung „Schützende Inseln“

Eine Weltpremiere

Ulrike Pilarczyk (l.) und Inge Hansen-Schaberg eröffnen gemeinsam die Ausstellung in der Rotenburger Cohn-Scheune, die bis Ende des Jahres zu sehen ist. - Foto: Menker

Rotenburg - Von Guido Menker. Wer sich einmal etwas Zeit nimmt und im Gästebuch der Rotenburger Cohn-Scheune am Kirchhof blättert, wird zwei Dinge feststellen. Erstens: Das jüdische Museum und die Kulturwerkstatt beeindrucken die Besucher. Zweitens: Die Cohn-Scheune hat sich inzwischen weit über die Grenzen der Kreisstadt hinaus einen Namen gemacht. Und so sollten bis Ende dieses Jahres noch zahlreiche Einträge in dem Gästebuch folgen. Denn am Sonntag ist eine neue Ausstellung in diesem Haus unweit der Rotenburger Stadtkirche eröffnet worden. Inge Hansen-Schaberg, die Vorsitzende des Fördervereins, spricht gar von einer Weltpremiere. Grund genug also, einen Besuch in dieser von Geschichte getragenen Scheune zu planen.

Der Titel der aktuellen Ausstellung schreit förmlich nach Erklärungen – vor allem bei Menschen, die sich bislang noch nicht so sehr mit der jüdischen Geschichte befasst haben: „Schützende Inseln – Lehrgüter für die Auswanderung jüdischer Jugendlicher im Nationalsozialismus“. Die Besucher bekommen in dieser Ausstellung die Ergebnisse eines Seminar-Projektes mit Studenten der Fachrichtung Erziehungswissenschaft an der Technischen Universität Braunschweig zu sehen – und können sich vorab in die Geschichte, die dahinter steckt, einlesen. Ziel dieses Seminars war eine Auseinandersetzung mit Sozialisationsbedingungen jüdischer Jugendlicher in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland sowie mit ihrem Weg zur Hachschara und in die Emigration in das britische Mandatsgebiet Palästina (später Israel). „Hinter der Ausstellung steckt ein besonderes Forschungsprojekt“, so Inge Hansen-Schaberg bei der Eröffnung. Die Vorsitzende des Fördervereins Cohn-Scheune ist sehr erfreut über diese Präsentation: „Danke dafür, dass wir die Ehre haben, diese Ausstellung hier bei uns zeigen zu können.“

Professorin Ulrike Pilarczyk spielt diesen Ball gleich wieder zurück: „Wir freuen uns, dass Sie uns diesen Raum dafür geben.“ Sie und die beteiligten Studierenden seien überwältigt – von der Schönheit des Ergebnisses und von sich selbst, weil es so gut geworden sei, wie es zuvor nicht erwartet worden ist.

Drei Dinge, so Pilarczyk, machten die Ausstellung so besonders: Da sei zunächst das Thema. Es gebe nämlich nur wenig Forschung zur Hachschara sowie zur Alija. Und da sei das Material: „Das ist wirklich einmalig“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin. Nur weniger der Bilder seien jemals veröffentlicht worden. Zusammengetragen habe sie sie während ihres Forschungsprojektes von 2000 an. Darüber hinaus sei es einmalig, dass Studierende in einer sehr subjektiven Auseinandersetzung mit eben diesem Material und zahlreichen O-Tönen dieser jüdischen Jugendlichen etwas gestaltet haben. Ziel dieses Seminars sei es gewesen, sich einzufühlen in eine Situation, die diese Studenten nicht erlebt haben.

Eine Bewegung wird zur Rettungsaktion

Pilarczyk erinnert an die Ausgrenzung der Juden nach 1933, an die Diffamierungen, an die Ausgrenzung in Universitäten und Schulen. Damit einher ging die erste große Ausreisewelle. Gerade junge Menschen fühlten sich von der bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Hachschara angesprochen. „Sie wollten etwas Neues machen, etwas Gemeinschaftliches, etwas Sozialistisches. Und sie wollten mit den Händen arbeiten.“

Genau diese jungen Menschen haben sich nach 1933 in der jüdischen Jugendbewegung gesammelt, die zu großen Teilen zionistisch geworden war, wie Pilarczyk den Gästen in der Cohn-Scheune erläutert. Und sie bringt es später auf den Punkt: Im Laufe der weiteren 30er-Jahre entwickelte sich diese Jugendbewegung mehr und mehr zu einer Rettungsaktion. Denn diese Jugendbewegung habe die Möglichkeit geschaffen, Jugendliche nach Palästina auszuwandern zu lassen. Allein. Ohne Eltern. „Und das war nicht einfach“, erklärt Pilarczyk. Sie konnten nicht einfach nach Palästina fahren. „Sie brauchten ein Zertifikat.“ Das wiederum habe es nur für jene gegeben, die dort auch gebraucht wurden. Im Fokus stand dabei vor allem praktische Arbeit. Daher ermöglichte die Hachschara Jugendlichen an mehreren Standorten in Deutschland, eine entsprechende Ausbildung zu machen – in der Landwirtschaft, in der Hauswirtschaft, in der Gärtnerei oder auch als Handwerker. „Genau diese Ausbildung nannte man Hachschara“, so Pilarczyk. Von diesem „Tauglichmachen“ zeugen die Tafeln an den Wänden in der Cohn-Scheune. O-Töne und Fotos aus der Zeit, die Einblick geben in das Leben dieser Jugendlichen. Dazu gab es auch die „Alija“ („Aufstieg“). In diesem Fall bildeten sich Gruppen von Jugendlichen, die gemeinsam nach Palästina auswanderten, wenn denn die erforderlichen Sonderzertifikate vorlagen. Diese zu erhalten, war abhängig von den Kibuzen, die sich bereit erklärten, die Jugendlichen aufzunehmen und zu alimentieren. „Das waren die Wege, über die die Jugendlichen nach Palästina gekommen sind“, so Pilarczyk. Wie viele junge Menschen diesen Weg gehen konnten, sei nicht bekannt. Viele haben es aber eben nicht geschafft.

Ulrike Pilarczyk war viel in Israel unterwegs, sie hat alte Menschen aufgesucht und mit ihnen gesprochen. „Sie haben mir ihre Fotoalben gezeigt, und ich durfte Bilder abfotografieren.“ Und: „Insofern haben Sie Recht, Frau Hansen-Schaberg, es ist in der Tat eine Weltpremiere, dass diese Aufnahmen jetzt öffentlich werden.“ Bilder, die unter fast „brutalen Lichtverhältnissen“ entstanden seien und ein wenig vermittelten, was die Jugendlichen damals erlebt haben – neben ihrer Rettung.

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