Rotenburger Werke schieben die Quartiersentwicklung an

Eine Vision, die Zeit braucht

Abriss: Ein Bagger macht die alte Wäscherei auf dem Gelände der Rotenburger Werke platt. Es gibt Platz für Neues.
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Abriss: Die alte Wäscherei auf dem Gelände der Werke ist Geschichte. Es gibt Platz für Neues.

Rotenburg – Die Rotenburger Werke haben viel vor in den nächsten Jahren. Ihr Altgelände zwischen Lindenstraße und Soltauer Straße soll eines neues Gesicht bekommen und Teil der Innenstadt werden. Das Thema Quartiersentwicklung passt zum Vorhaben der Kreisstadt, die an einem Stadtentwicklungskonzept arbeitet.

Wer nicht nur rein pragmatisch über den Abriss der alten Wäscherei auf dem Gelände der Rotenburger Werke an der Lindenstraße nachdenkt, wird in der besonderen Herausforderung für den beauftragten Unternehmer vielleicht ein Zeichen erkennen. „Es kann noch bis Ende März dauern“, sagt Rüdiger Wollschlaeger, Sprecher der Werke. Es handele sich um ein sehr massives Bauwerk, da sei sehr viel Beton im Spiel. Und das passt ins Bild. Denn das Freilegen eines weiteren Teilstücks dieses Geländes geht einher mit dem Vorhaben der Werke, für das Altgelände eine Quartiersentwicklung anzuschieben. Wollschlaeger: „Das ist ein langjähriger Prozess, wir sprechen da von fünf bis zehn Jahren.“ Daher spielen ein oder zwei Wochen mehr für den Abriss keine Rolle.

Wollschlaeger ist als Projektleiter erstmal ganz federführend an dem Zukunftsvorhaben beteiligt. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Es geht zunächst in erster Linie um Kommunikation. Sein Job ist es daher, das Vorhaben einer Quartiersentwicklung in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. Das Gelände zwischen Lindenstraße und Soltauer Straße soll als Teil der Innenstadt wahrgenommen und begriffen werden. Es ist dann gerne auch von einer weiteren Form der Inklusion die Rede. Wollschlaeger denkt einen Schritt weiter: „Es wäre schön, wenn es diesen Begriff irgendwann gar nicht mehr braucht.“ Dann nämlich, wenn es völlig normal ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen ein Quartier bewohnen und es ganz unterschiedlich mit Leben füllen.

Dieses Quartier lädt zu Visionen ein, findet Wollschlaeger. Das ist auch zu spüren, als die Vorsitzende der IG City Marketing, Cornelia Gewiehs, bei einem Sonntagsspaziergang mit CDU-Bürgermeisterkandidat Frank Holle einen Abstecher über das Altgelände der Werke macht. Beide sind schwer begeistert, als sie die Ausmaße wahrnehmen. Gleich hinter dem Grünen Tor ist inzwischen das Bethelhaus verschwunden. Jetzt befindet sich dort die „Quartierswiese“.

Diesen „Aha-Effekt“, sagt Wollschlaeger, „wollen wir möglichst vielen Menschen vermitteln.“ Einen Rundgang werde man anlegen, ihn mit Informationstafeln bestücken, um einzuladen zu einem Besuch, der die Möglichkeit bietet, das Areal wahrzunehmen. Ein Areal, das mehr als 100 Jahre lang Wahrnehmung nur von außen hatte – es war eine Welt für sich. Die Zeiten sind vorbei, das Tor steht offen. Und das darf als Einladung verstanden werden. Nicht nur dann, wenn vielleicht auch Kunstaktionen auf dem Gelände stattfinden. Die Bildnerische Werkstatt, sagt Wollschlaeger, sei bereits am Ball.

Doch der Blick der Werke geht zeitlich betrachtet weit darüber hinaus. Die Visionen allerdings stoßen dort an Grenzen, wo es um ganz zentrale Fragen geht. „Wir haben einen gewissen Druck“, sagt Wollschlaeger. Auf dem Gelände leben zurzeit 150 Menschen – die seien zum größten Teil dort sehr glücklich, allerdings seien die Standards nicht mehr zeitgemäß. Daher ist die Suche nach Lösungen erforderlich. Mit dem Ziel, das eine mit dem anderen sinnvoll zu verknüpfen. Einfach nur Altes abzureißen und etwas Neues aufzubauen – das sei nicht der Plan. Wenngleich der Druck so groß ist, dass zumindest in einem Fall jetzt keine andere Möglichkeit besteht. Wollschlaeger: „Nach dem Abriss der alten Wäscherei werden wir einen Anbau am Falkhaus machen müssen.“

Dieser Umstand mache vor allem eines deutlich: „Wir müssen sehr behutsam vorgehen. Was soll weg? Was wollen wir erhalten?“ Fragen, die den Prozess der Quartiersentwicklung hin zu einem Stadtteil im wahrsten Sinne des Wortes, dauerhaft begleiten. Wie wichtig es den Werken ist, dokumentiert sich in einer Personalentscheidung: Die Werke haben eine Frau mit einer halben Stelle für zunächst ein Jahr eingestellt, die konkret an diesen Fragen arbeiten wird. Ein Ziel dabei werde es sein, für bessere Wohnangebote zu sorgen.

Was kann weg? Die alte Wäscherei zum Beispiel. Ein Zweckbau, der alles andere als schön daher kommt. Das Grüne Tor und damit der gesamte Eingangsbereich indes sollen bleiben. Wollschlaeger sieht darin ein wichtiges Zeichen. Es geht um die Geschichte der Werke, einst „Anstalten“. Eine Geschichte, die nicht nur lang, sondern auch interessant ist. Vielleicht wird sie sich in einem „Haus der Geschichte“ konservieren lassen. Auch das ist eine Überlegung.

Die Stadt insgesamt kann davon profitieren, wenn sich dieses Areal in einem Entwicklungskonzept für die Rotenburger Innenstadt wiederfindet. Das wissen die Verantwortlichen im Rathaus und auch die bei den Rotenburger Werken. Wollschlaeger: „Eine solche Situation mit einer ehemaligen Anstalt mitten in der Stadt ist deutschlandweit einmalig.“

Die Kommunikation läuft bereits – auf verschiedenen Ebenen. Im Gespräch mit der Kreiszeitung, online und bald auch schon in Form von Veranstaltungen vor Ort – sobald die Pandemie es erlaubt. Nicht weniger wichtig ist der nächste Schritt – der Beteiligungsprozess. Und schließlich wird das alles, was sich daraus zusammentragen lässt, in einem Architekten-Wettbewerb münden. So stellt man sich den Ablauf vor. Es geht um 5,5 Hektar. Das ist weit mehr als ein Filetstück. Mitten in der Stadt, genau dort, wo sich das Leben abspielt. Mehr Raum, mehr Möglichkeiten, mehr Leben in einer Form, die Mauern abreißt. Die in den Köpfen vor allem, weil es um ein Miteinander geht.

Rüdiger Wollschlaeger, seit mehr als 30 Jahren Teil der Werke-Familie, ist zuversichtlich, dass etwas aus der grundsätzlichen Idee wird. Ihm ist die Begeisterung anzumerken, die die Chancen auslösen. Er freut sich auf Selbstverständlichkeiten im innerstädtischen Miteinander. Er weiß aber auch: „Wir müssen uns umschauen. Dort, wo ähnliche Projekte bereits gelaufen sind.“

Stellt sich für den Journalisten nur noch eine Frage: Wie lässt sich dieses Thema mit nur einem Bild illustrieren? Die große Quartierswiese vielleicht, die den Blick öffnet auf ein Gelände voller Möglichkeiten, oder doch lieber eine Aufnahme vom Abrissbagger, der den Schutt zusammenträgt? Wir haben uns für Letzteres entschieden. Mit der freien Sicht durch eines der Wäschereifenster. Der Bagger schafft Platz für Neues, und das Fensterglas ist zerborsten, der Weg damit frei – ein passendes Symbol für das, was schon lange nicht mehr nur die Werke begeistert. Wollschlaeger hat sogar einen Traum: „In 20 Jahren möchte ich selbst hier leben.“

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