Eine Urlaubsbekanntschaft

Kristine von Soden liest in der Rotenburger Cohn-Scheune

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Bodo Lemme begrüßt Kristine von Soden zur Lesung in der Cohn-Scheune.

Rotenburg - Von Wieland Bonath. Vom Paradies schwärmen manche, wenn es um die Ostsee-Halbinselkette Fischland-Darß-Zingst geht: Mindestens 15 Urlaube hat das Rotenburger Ehepaar Gina Lemme-Haase und Bodo Lemme, Mitglied des Beirats der Stiftung Cohn-Scheune, inzwischen in diesem Paradies verbracht. Auch in diesem Jahr, im August, soll sie die Reise nach dort führen.

Doch zuvor hat Bode Lemme am Dienstagabend eine Bekannte aus dem letztjährigen Urlaub auf der lang gestreckten, Mecklenburg-Vorpommern vorgelagerten Halbinsel begrüßt: Kristine von Soden, Autorin des NDR und des Deutschlandfunks, Dozentin an der Hamburger Universität und seit ihrer Kindheit mit dem Meer verbunden. Kristine von Soden hat eine Reihe von feuilletonistischen Büchern über Ost- und Nordsee geschrieben. Zuletzt veröffentlichte sie im Aviva Verlag Berlin das Buch „Ob die Möwen manchmal an mich denken?” Das Thema: Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee. Ein Verhalten und Handeln, das, zuerst subtil und sich immer mehr verstärkend, weit vor der NS-Zeit im Wilhelminischen Kaiserreich begann: der „Bäder-Antisemitismus” mit der Forderung mancher Seebäder und Gäste nach einem Verdrängen der Juden.

Das Rotenburger Ehepaar Lemme lernte Kristine von Soden im vergangenen Jahr in Ahrenshoop (zwischen Fischland und Darß) kennen. Sie ist hier jeweils von Mai bis Oktober mit literarischen Rundgängen unterwegs und betreibt eine Schreibwerkstatt. Ein Kennenlernen, ein längeres Gespräch und die Zusage, nach Rotenburg zu kommen und in der Cohn-Scheune aus ihrem neuesten Buch zu lesen. Von Soden, eine zierliche Frau, die gern lacht und mit hohem Lesetempo durch die Biografien von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Künstlern huschte, hatte in Zeitungen geforscht und große Mengen von Archivmaterial gesichtet. Ihr Ziel war, das Thema, die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee, aus vielfach unbekannter Perspektive zu beleuchten und aus dem Leben sowie Erleben ganz „normaler” Urlauber zu berichten. 

Jüdische Bürger aus vielen Teilen Deutschlands, die zunehmend erleben mussten, dass eine wachsende Zahl von anderen Badegästen, Vermietern von Ferienquartieren, Zuständige der Bäderverwaltungen und Verantwortliche aus der Politik immer mehr dieses Ziel verfolgten: Jüdische Badegäste sollten sich diesem Paradies, das für sie nicht bestimmt war, fernhalten. Nach dem Ersten Weltkrieg stieg der Antisemitismus in den Seebädern rasant. Der Nationalsozialismus gewann immer mehr Anhänger und Mitläufer, immer mehr Hakenkreuze, ob in Zeitungsanzeigen, auf Fahnen an den Stränden und als „Schmuck” auf Sandburgen. Die Geschichte von drei jungen Mädchen, 11 bis 13 Jahre, Vollwaisen aus Dresden, las Kristine von Soden am Dienstag zuletzt. Die drei Schwestern lebten bei ihrer Großmutter in Sachsen, waren mit einer Hausangestellten nach Prerow (Darß) in die Sommerferien gekommen. Zuerst als Jüdinnen unerkannt, mussten sie dann das Paradies an der Ostseeküste verlassen. Die drei kamen 1943 im Vernichtungslager Auschwitz um.

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