Eine Serie über den Alltag in unseren Schulen

Alles mit Spaß

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Die Schüler konzentriert bei der Arbeit in ihrer Klasse in der Rotenburger Stadtschule. In der Eingangsstufe lernen sechs- bis neunjährige Kinder gemeinsam.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Montagmorgen. Schulbeginn an der Stadtschule ist um 7.55 Uhr. Gut 15 Minuten vorher geht es hinein. Hier sieht’s auch deutlich nach Schule aus: Lange Flure, links und rechts Garderobenhaken, im Erdgeschoss ein Bereich nur für Lehrerinnen („die brauchen auch Pause“) mit Sekretariat, Lehrerzimmer, Kopierraum, Rektorin.

Lesen Sie auch:

Erster Teil der Serie in der Montessori-Grundschule Rotenburg

Zweiter Teil in der Rotenburger Stadtschule

Dritter Teil über die Integrierte Gesamtschule

Auf den Fluren herrschen noch großer Trubel und klassischer Schullärm. Es ist „Ameisenzeit“ – ankommen in den Klassen, Gespräche, lesen, Beschäftigung im Klassenraum und zwei Mal in der Woche sogar ein Frühsportangebot in der Turnhalle. Ich erinnere mich zurück: Es ist lange her, sehr lange – aber unvergessen. Meine Grundschulzeit begann täglich auf dem Schulhof. Da hieß es: in Zweierreihen aufstellen, und dann ging’s geordnet in die Klasse. Aufstellen hinter den Bänken, „Guten Morgen, Herr sowieso!“ – „Guten Morgen, Kinder, setzen!“ Dann lehrte der Lehrer und wir hörten zu. „Frontalunterricht“ hieß das später in der Pädagogik. Wer etwas wusste, meldete sich. Übrigens: nur Jungen bei uns in der Klasse! Zum Halbjahr gab’s Zeugnisse. Heinz H. konnte nicht singen, musste aber alle sechs Monate „Im Märzen der Bauer“ oder Ähnliches vortragen. Er brummte vor sich hin, wir anderen feixten und Heinz bekam seine Fünf in „Singen“. Immer wieder. Wenn er Pech hatte, gab’s auch noch extra was mit dem Rohrstock. Der war sowieso immer griffbereit. Nein, auch rückblickend: Eine Idylle war das nicht!

Wohlfühl-Schule

In der Stadtschule ist das anders – glücklicherweise! Grundschulen scheinen heute „Sockenschulen“ zu sein: Neben den regennassen Jacken und Mützen lassen die Kinder auch ihre Straßenschuhe auf dem Flur. Weiter geht’s in Hausschuhen oder auf Socken. „Meine“ Klasse ist die E 07, eine Eingangsstufe. Der Raum ist bunt und hell. Die Wände sind voller selbst gemalter Bilder oder Arbeitshilfen. Eine „Hundertertafel“, das Alphabet, bunte Schnüre, kleine Matheaufgaben, offene Regale mit vielen Materialien zum selbstständigen Arbeiten.

Es gibt auch noch eine große Tafel, auf der der Tagesablauf und aktuelle Unterrichtsinhalte dargestellt sind. Die Lehrerin, Nele Tätzler, ist längst da, als ich kurz vor acht Uhr komme. Um sie wuseln die Kinder herum. Punkt acht Uhr gibt’s Musik von einer CD. Es wird leise. Alle Kinder holen sich ein Kissen und bilden einen Kreis. Nele Tätzler greift zur Gitarre und singt mit den Schülern „Wer hat Angst vor Dracula?“ Offensichtlich niemand, denn alle sind mit Feuereifer dabei.

Dann wird gemeinsam durchgezählt: 17 Kinder. Vier sind krank. Anschließend darf ein Mädchen einen Bericht vorlesen, den sie für das Klassentagebuch verfasst hat: Am Wochenende war das „Klassentier“ bei ihr – Otto, ein Plüschhund. Was er so erlebt hat, hat sie aufgeschrieben. Danach dürfen alle kurz erzählen, was sie in den vergangenen Tagen erlebt haben. Und, um mal zu sehen, ob auch alle zugehört haben, fragt ihre Lehrerin, die übrigens im vierten Berufsjahr ist, anschließend ein paar Einzelheiten nach: „Wer hat am Wochenende bei seiner Cousine geschlafen?“; „Wer war bei seinen Großeltern?“ Fast alle haben zugehört und wissen Bescheid.

Die Erlebnisse dürfen dann individuell in Tagebuchmappen geschrieben oder gemalt werden. Dazu stehen genügend Schultische und Stühle in der Klasse. Die Lehrerin geht herum, hilft hier und da und gibt auch kleine weiterführende Aufgaben. Ihre hohe Akzeptanz in der Klasse ist deutlich erkennbar. Sie gibt einigen Schülern Tests, die sie selbst ausfüllen können. Diese stehen am Ende eines Themenabschnitts, den die Kinder bearbeitet haben. Später werden übrigens auch Hausaufgaben aufgegeben. Zeugnisse kommen am Ende des Schuljahres.

Für den Beobachter etwas plötzlich sind auf einmal etliche Kinder verschwunden. Wohin? Einige gehen in die Bibliothek, wo sie sich, angeleitet von Eltern, die hier ehrenamtlich Dienst tun, Bücher ausleihen können. Andere sind in einem speziellen Förderunterricht. So ist die Klasse zusammengeschrumpft, was der Lehrerin wiederum Gelegenheit gibt, sich intensiv um die verbliebenen Kinder zu kümmern, die jeweils Aufgaben bekommen haben.

Gegen halb zehn ist Frühstück – laut willkommen geheißen. Wieder finden sich alle in einem Sitzkreis ein, Frau Tätzler liest eine Geschichte; Brote, Schokolade und Getränke werden ausgepackt; dienstags bis freitags gibt es auch immer frisches Obst, und anschließend geht’s unter Gejohle nach draußen: Große Pause! Höhepunkt zu allen Schulzeiten!

Eingangsstufe oder Klassen?

Nach einer knappen halben Stunde geht’s weiter: Mathe. Vorsichtiges Herantasten an die Multiplikation über diverse Hilfsmittel (Kastanien, Steine, Schuhe der Kinder). Großer Spaß mit fünf Kuscheltieren („Wieviel Beine haben die insgesamt?“) Dann gibt’s „Aufgaben für Kinder, die schon bis hundert rechnen“. Frust bei den einigen anderen: „Oh Mann, schon wieder die!“ Sie bekommen dann aber auch altersgemäße Aufgaben.

Was spricht überhaupt für diese gemischte Eingangsstufe? Hatten wir die einklassige Grundschule aus den Dörfern meiner Kindheit nicht längst abgeschafft? „Die Großen unterstützen die Kleinen“, teilt Nele Tätzler mir mit, „und die Kleinen gucken sich viel ab.“ Profitieren aber auch die „großen und guten“ Schüler? – „Beim Erklären wird auch denen vieles noch einmal besonders deutlich.“ Gegenseitiges voneinander Lernen.

Mittlerweile ist aber auch eine zweite Kollegin in der Klasse. Sie kümmert sich individuell um Schüler, die das besonders brauchen. Überall gibt es viel Ermutigung: „Das hast du super gemacht!“ Wer ganz still für sich arbeiten will, kann sich aus einer offenen Kiste einen farbigen Hörschutz nehmen („Kopfhörer“). Ein Junge guckt und findet einen, der ihm gar nicht gefällt: „Äh, der ist pink!“ Das geht natürlich gar nicht.

Klassenwechsel, Lehrerinnenwechsel: Vierzehn Kinder aus der Eingangsstufe finden sich zum Thema „Miteinander leben“ ein, eine Alternative für die, die nicht am christlichen Religionsunterricht teilnehmen. Später wird das dann „Werte und Normen“ heißen. Eine Bildergeschichte ist dran. „Gute Freunde?“: Frosch, Ameise, Käfer und Maus machen sich auf zu einem schönen Waldsee. Der Frosch hüpft begeistert hinein, die andern sitzen mit langem Gesicht am Ufer. Schließlich bauen sie sich ein Nussschalen-Segelboot. Da guckt der Frosch etwas pikiert.

„Was kann er nun tun?“, fragt Kerstin Bontikous, die hier unterrichtet. Alle Kinder dürfen ein Ende dazu erfinden, aufschreiben oder malen und dann zeigen beziehungsweise vorlesen: „Der Frosch entschuldigt sich und geht dann in eine andere Welt“, meint ein Sechsjähriger. Und sein Freund fügt hinzu: „…und landet auf dem Jupiter.“ Computerwelt und Grundschule – auch nicht mal eben zu trennen.

In der nächsten großen Pause buchen etliche Schüler ihr Mittagessen am PC auf dem Flur. Im Handumdrehen geht das. Die Stadtschule ist eine „verlässliche Ganztagsschule“ mit einer Mensa und vielen Angeboten auch am Nachmittag. Alle Kinder tauchen hier mindestens einmal wöchentlich auf. Nicht nur, weil es die Eltern wollen. Schule macht hier ganz vielen Spaß. Auch das hat sich im Laufe der Jahrzehnte vielleicht geändert.

Unsere Serie:

Unser Autor hat einige Schulklassen in Rotenburg in verschiedenen Schularten jeweils einen Tag lang begleitet. Von seinen Erfahrungen berichtet er in einer kleinen Serie. Nach der Montessori-Schule ging´s dieses Mal an die Stadtschule an der Rotenburger Freudenthalstraße. Es ist die älteste Grundschule in Rotenburg, gegründet 1950. Etwa 260 Schülerinnen und Schüler werden hier von knapp 20 Lehrerinnen und einem Lehrer unterrichtet. Eine eigentlich traditionelle Einrichtung mit den Klassen 1 bis 4. Aber inzwischen hat sich auch hier viel verändert: Die ersten beiden Klassen bilden die sogenannte Eingangsstufe. Also sind Schulanfänger und Zweitklässler zusammen; da man aber auch ein drittes Jahr bleiben darf, reicht die Altersspanne von 6 bis zu 9 Jahren. Etwa ein Drittel von ihnen hat einen Migrationshintergrund.

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