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Eine neue Realität: Ein Besuch in der Stadtbibliothek in Zeiten von Corona

Die meiste Zeit bleiben die Mitarbeiterinnen an ihren Schreibtischen sitzen – ein ungewohntes Bild in den Räumen der Bücherei. Fotos: Beims
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Die meiste Zeit bleiben die Mitarbeiterinnen an ihren Schreibtischen sitzen – ein ungewohntes Bild in den Räumen der Bücherei.

Rotenburg - Es ist schon etwas skurril. In der Stadtbibliothek im Kantor-Helmke-Haus, in der sonst gerne mal reges Gewusel herrscht, ist es sehr ruhig, als ich eintrete – natürlich mit frisch desinfizierten Händen und einem der Besucher-Schilder um den Hals, die vor der Tür an dem Ständer mit dem Desinfektionsmittel hängen. Ohne darf niemand hinein, maximal 30 Nutzer zur gleichen Zeit. Es ist früher Vormittag, die Bücherei hat seit einer Stunde geöffnet. Die Mitarbeiterinnen sitzen hinter Acrylscheiben; das einzige, was ich zunächst höre, ist das Tippen auf der Tastatur, unterbrochen vom Klicken der Maus oder dem Klacken eines Kugelschreibers.

Die Tische in der Mitte des Raumes sind zusammengeschoben und mit rot-weißem Absperrband umwickelt, um zu vermeiden, dass sich dort jemand hinsetzt. Eine Leserin geht an mir vorbei, leise und zielstrebig Richtung Krimi-Abteilung. Sonderlich viel Abstand hält sie aber nicht, ich trete vorsorglich ein wenig zurück. Das hat sich schon eingeprägt. Neben mir ist ein Tisch mit Comics, Hägar blinzelt mir von einem entgegen. Über den Wikinger habe ich mich als Kind sehr amüsiert. Nach nur wenigen Minuten kommt die Leserin schon wieder an mir vorbei, in der Hand vier Krimis. Das ging schnell. Die Bitte von Leiterin Christine Braun und ihren Kolleginnen, sich so kurz wie möglich innerhalb der Bibliothek aufzuhalten, beherzigt sie.

Ich bewege mich nun meinerseits, will mich ein wenig umsehen. Aber aufgepasst: Einige Gänge sind gesperrt, ein Leitsystem zeigt den Nutzern, wie sie gehen sollen. Das ist hauptsächlich für sehr volle Tage gedacht. Zunächst hatte die Bücherei mit einem größeren Ansturm gerechnet. Zwischendurch wird es lebhafter, Nutzer treten an die Ausleihe. Grundsätzlich bleibt es an diesem Vormittag aber leer; zwar ist immer jemand da, doch verteilen sie sich zeitlich und niemand kommt sich in einem der Gänge in die Quere. Auch dort ist kein Verweilen gestattet, alle Tische sind mit dem rot-weißen Band gesperrt. Auf manchen haben die Mitarbeiterinnen Bücher verteilt, sie lenken das Augenmerk auf sich. Zum Beispiel Literatur auf Englisch. Dazwischen sticht ein Buch ins Auge, allein, weil es so viel älter wirkt. Kein Wunder: Es ist Charles Baudelaires „Les Fleurs du Mal“ (Die Blumen des Bösen).

„Der Lesende“ ist der Einzige, der sich mit einem Buch in der Hand länger in der Bücherei aufhalten darf.

Auf meinem Rundgang von Krimis zu Thrillern fällt mir ein Buch in einem Regal am Fenster besonders ins Auge: „New Beginnings“ von Lilly Lucas. Ich kenne es nicht, aber der Titel passt. Denn nach sieben Wochen Lockdown kommt einem vieles wie ein Neustart vor. Das, was früher so selbstverständlich schien, ist es jetzt nicht mehr. Noch vor wenigen Wochen hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal mit einer Mund-Nasen-Bedeckung in der Bücherei bin – oder überhaupt unterwegs. Man kommt unweigerlich ins Grübeln, dort, alleine zwischen Büchern, die in ferne Welten entführen können. Es ist auch momentan die einzige Art, zu reisen.

Weiter geht es, ich komme zu den Hörbüchern, Harry Potter. Eine meiner Lieblingsreihen. Dahinter ist der Fahrstuhl und dann begegne ich dem einzigen „Menschen“, der während der Pandemie dauerhaft in der Bücherei verweilen – und lesen – darf: „Der Lesende“, eine Statue aus Kupfer. 20 Jahre ist der Gute alt. Ob er nicht gerne mal ein anderes Buch lesen würde nach all der Zeit?

Wegweiser zeigen, wie die Nutzer sich bewegen sollten.

Ich gehe wieder nach vorne. Eine Mitarbeiterin steht auf, sieht sich um, setzt ihre Maske auf und bringt ein Buch ins Regal mit den Neuerscheinungen. Eine Seltenheit, normalerweise bleiben sie hinter ihren Tröpfchenschutzscheiben, die Rückgaben werden in den Schließzeiten einsortiert, wenn niemand in der Bücherei ist. Zumindest sollte da niemand sein. Vor kurzem hatte Leiterin Braun da aber eine Überraschung erlebt: Als sie um 13 Uhr aus ihrem Büro kam – die Bücherei war seit einer Stunde geschlossen – kam ihr von der Galerie ein Leser entgegen. Entgegen aller Hinweise müsse er sich etwa anderthalb Stunden oben aufgehalten haben. Aufgefallen sei es nicht, weil die Mitarbeiterinnen derzeit nicht so oft wie sonst im Bestand unterwegs sind. Aber auch lustige Momente habe es schon gegeben. Wenn Leser beispielsweise mit ihren Zutritts-Karten hinausspaziert sind und es erst Zuhause gemerkt haben. „Die meisten haben angerufen, nur zwei sind bisher nicht zurückgekehrt“, sagt Braun und schmunzelt.

In ihrem Büro geht es fröhlich zu, nicht nur, weil sie einen knallgelben Pullover nebst passender Schuhe trägt. Das sonnige Gemüt lässt sich in der Bücherei keiner nehmen. Nichtsdestotrotz: Ein großer Teil fehle. Das verhehlt Braun nicht: „Dinge selber machen, sich aufhalten, etwas nachschlagen, Spiele spielen“, die Besucherzahlen würden sicher nicht so hoch sein wie 2019.

Die Lesetische zwischen den Regalen sind mit rot-weißen Bändern abgesperrt – kein Verweilen erlaubt.

Von oben auf der Galerie hat man einen guten Blick auf das Geschehen im Erdgeschoss – lag das Absperrband um die Tische in der Mitte vorhin auch schon auf dem Boden? Eine Mutter kommt mit ihrem Jungen herein, sie müssen sich erstmal orientieren. Beide verschwinden in der Kinderbibliothek, halten bei Bauernhoftieren und Rittern an. Auch dort sind die Tische abgesperrt, keine Ausnahmen. Ein heller Sonnenstrahl fällt durch das Fenster auf das Schiff in der Mitte, auf dem viele neue Bücher auf die kleinen Leser warten.

Zurück nach oben, auch die Computer sind abgesperrt. Die Auflagen, um wieder öffnen zu dürfen, schaffen ein ungewohntes Bild. „Es ist eine neue Realität“, sagt auch Braun beim Blick in den Raum. Sind es sonst zwischen 500 und 1 000 Ausleihen am Tag, waren es am vergangenen Mittwoch beispielsweise 350. Viele nutzen weiter die Onleihe. „Die Leute beherzigen das ,Bleib zuhause‘, haben das verinnerlicht“, meint Braun. Und das wird wohl noch eine ganze Weile so bleiben.

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