Serie: „Digitales Leben“

Schwierigkeiten beim Breitbandausbau: „Es ist eine Mammutaufgabe“

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Glasfaserkabel werden von EWE-Mitarbeitern in die Rohre eingeblasen.

Rotenburg - Von Matthias Röhrs und Michael Krüger. Das Bild friert ein, der Film stockt. Die Daten kommen beim abendlichen Streamen nicht hinterher. Gerade auf dem Land reichen die Übertragungsraten für die Vielzahl von onlinebasierten Nutzungsmöglichkeiten kaum aus.

Die Lösung des Problems manifestiert sich in zwei Worten: Glasfaser und Breitband. Doch der Ausbau der Netze kommt nur schleppend voran. Im Interview am Wochenende spricht der Abteilungsleiter Planung/Technik und Breitbandausbau bei EWE-Tel, André Wieschollek, über die Hintergründe und erklärt, warum das eigentlich so lange dauert.

Wer ist eigentlich beim Breitbandausbau in der Pflicht: Kommunen, der Bund, die Netzbetreiber oder die Telekommunikationsanbieter?

André Wieschollek: Dienstleistungen der Telekommunikation werden per Grundgesetz als privatwirtschaftliche Tätigkeiten durch private Telekommunikationsanbieter erbracht. Der Bund selbst gewährleistet lediglich unterstützend flächendeckend eine angemessene und ausreichende Grundversorgung mit Telekommunikationsdiensten. Erst wenn der Infrastrukturausbau in unterversorgten Gebieten nachweislich durch private Anbieter nicht erfolgt, kann der Bund in Form von Beihilfen, die von der EU genehmigt werden müssen, eine Breitbandförderung vornehmen.

Welche Rolle spielt der Bund beim Breitbandausbau?

Wieschollek: Nach dem aktuellen Förderprogramm setzt der Bund den wesentlichen Rechtsrahmen und einheitliche Standards, die Kommunen setzen die Förderung durch Durchführung von Breitbandausschreibungen vor Ort um. Der Ausbau der Netze und die Versorgung der Bürger und Gewerbetreibenden mit erschwinglichen Telekommunikationsprodukten erfolgt durch die Anbieter, die in der Regel auch die Netzbetreiber sind. Somit kann man davon sprechen, dass der Breitbandausbau in vielen Gebieten eine echte Gemeinschaftsaufgabe ist.

Wie viele Kunden betreut EWE im Landkreis Rotenburg?

Wieschollek: Rund 34.000 Kunden.

Haben Menschen ein Recht auf schnelles Internet?

Wieschollek: Nach dem derzeitigen Rechtsrahmen des Telekommunikationsgesetzes muss der Bund nur eine Grundversorgung gewährleisten, wozu ein Glasfaser- oder Breitbandanschluss nicht gehört. Allerdings ist im Koalitionsvertrag geregelt, dass der Bund bis 2025 einen einklagbaren Rechtsanspruch des Bürgers auf schnelles Internet – vergleichbar mit dem bereits geschaffenen Anspruch auf einen Kitaplatz – schaffen möchte.

Gleichzeitig wird die Welt immer digitaler. Ist langsames Internet noch zumutbar?

Wieschollek: Die Nachfrage nach Bandbreite steigt jedes Jahr rasant an. Vor zehn Jahren wählte man sich sporadisch über seinen Laptop oder Computer ein, um Nachrichten zu lesen oder verpixelte „YouTube“-Videos zu schauen. Heute ist die gesamte Familie über Handys oder Tablets nahezu 24 Stunden online. Der Smart-TV streamt hochauflösende Serien während man im Home-Office die letzten Arbeitsergebnisse in der Cloud speichert. Unser privates und berufliches Leben ist bereits digitalisiert und stützt sich auf eine funktionierende Internetversorgung.

Muss in jedes Haus in Außenlage eine Leitung gelegt werden? Oder ist Mobilfunk nicht die viel bessere Lösung?

Wieschollek: Beide Technologien gehen Hand in Hand. Jedes gut funktionierende Mobilfunknetz ist von einem starken Glasfasernetz abhängig. Die Funktechnologie hat jedoch ihre Grenzen: Die maximalen Übertragungsraten sind beschränkt und liegen weit unter denen eines echten Glasfaseranschlusses. Angesichts des stetig wachsenden Bandbreitenbedarfs sind die Kapazitäten schnell erreicht. Darüber hinaus müssen für eine Versorgung über Mobilfunk entsprechende Sender errichtet, erschlossen und betrieben werden, was nicht unerhebliche Kosten mit sich bringt. Um Haushalte auch in Außenlage nachhaltig mit stabilem und schnellem Internet zu versorgen, ist der Hausanschluss die beste Wahl.

In anderen Ländern ist man schon wesentlich weiter. Haben wir den Anschluss verpasst?

Wieschollek: Schaut man sich die durchschnittlichen Verbindungsgeschwindigkeiten an, liegen wir in Deutschland im internationalen und auch europäischen Vergleich hinten. Dafür muss man aber nicht nur auf Statistiken schauen. Leider gehören Funklöcher und Internetgeschwindigkeiten aus der Jahrtausendwende immer noch zum Alltag, gerade in ländlichen Regionen. Es wurde konsequent auf veraltete Kupferkabel gesetzt, was angesichts des lange Zeit fehlenden Wettbewerbs im Telekommunikationsmarkt nicht verwundert. Es ist nun die Aufgabe von EWE und vielen weiteren Akteuren, flächendeckend Glasfaser auszubauen und Deutschlands digitales Rückgrat zu festigen – eine wahre Mammutaufgabe, die noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird.

Können Sie bitte grob die Planungsschritte umreißen, bis der Breitbandausbau durch Bauarbeiten tatsächlich sichtbar wird? Wie lange dauert der Prozess?

Wieschollek: Dem eigentlichen Breitbandausbau gehen ausführliche Abstimmungs- und Planungsphasen voraus. In Förderverfahren muss zusätzlich zunächst festgestellt werden, ob überhaupt eine Förderfähigkeit gegeben ist. Es werden dann Ausschreibungen gestartet und ihre Ergebnisse müssen anschließend noch von den Fördermittelgebern – in der Regel Bund und Land – freigegeben werden. Jetzt beginnt die Phase, in der am Markt abgefragt wird, wer alles einen Hausanschluss haben will. Danach, wenn die ersten Bagger vor Ort sichtbar werden, heißt das nicht, dass die Netze dann umgehend in Betrieb genommen werden können. Erst wenn die Netzanbindung durchgängig fertiggestellt ist, können die Breitbanddienste geschaltet werden. Zwischen Planung und Bereitstellung und je nach Umfang der Netze können durchaus zwei bis vier Jahre vergehen.

Haben Sie die notwendigen Kapazitäten für eine schnellere Ausführung? Gibt es zum Beispiel genügend Bauarbeiter?

Wieschollek: Ausgelöst durch die aktuell sehr große Anzahl an Infrastrukturmaßnahmen, auch außerhalb des Breitbandausbaus, sind generell Kapazitäten sehr stark nachgefragt. Verschärfend kommt hinzu, dass der Glasfaser-Breitbandausbau sehr tiefbaulastig ist. Der Bedarf wird in einer gewissen „Gleichzeitigkeit“ von vielen Regionen bundesweit formuliert. Dies führt natürlich auch bei EWE zu Engpässen, wir haben unsere Kapazität in 2018 mehr als verdoppelt und werden weitere Ressourcen akquirieren.

Wer hat beim Breitband-Ausbau mehr Hausaufgaben zu machen – die Politik oder Unternehmen wie EWE?

Wieschollek: Eine zukunftssichere Infrastruktur für den Datentransport ist ein wesentlicher Baustein für eine erfolgreiche Digitalisierung Deutschlands und damit Grundlage unseres wirtschaftlichen Wohlstandes. Wir sehen den Breitbandausbau primär als Aufgabe der privaten Telekommunikationsunternehmen, allerdings müssen seitens der Politik die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dazu gehört, die richtigen Anreize für Unternehmen zu schaffen, die die Infrastruktur ausbauen wollen. Der derzeitige Rechtsrahmen verpflichtet auch nicht marktmächtige Unternehmen, anderen Anbietern beim Glasfaserausbau oft eine Mitnutzung und Mitverlegung zu gestatten. Auch bürokratische Hürden bei Markterkundungsverfahren und behördlichen Genehmigungen, komplexe Vorgaben bei Ausschreibungen und lange Prüffristen führen zu einer Verzögerung beim Netzausbau.

Nervt es, dass aus Berlin keine klareren Ansagen oder mehr Geld kommen?

Wieschollek: Allein mit weiteren staatlichen Mitteln kann der Breitbandausbau nicht beschleunigt werden. Die Fördermittel müssen vorhersehbar und gleichmäßig über einen längeren Zeitraum eingesetzt werden. Die für den Breitbandausbau zwingend erforderlichen Tiefbaukapazitäten sind mit der Nachfrage nicht mitgewachsen, was zu einem extremen Preisanstieg geführt hat. Von der Bundesregierung erwarten wir eine kluge Regulierung, damit Investitionen planbar und nachhaltig wirtschaftlich sind.

Im Rahmen unserer Thementage „Digitales Leben“ berichten wir, wie Technik, Internet und Co. die Region verändern.

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