Eine Legende verlässt das Gelände

Kinderkrankenschwester Rita Niehoff nach 38 Jahren am Diakonieklinikum verabschiedet

Mit ihren Händen hat sie unzählige Babys gewickelt: Renate Niehoff geht nach 38 Jahren am Diakonieklinikum in den Ruhestand.
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Mit ihren Händen hat sie unzählige Babys gewickelt: Rita Niehoff geht nach 38 Jahren am Diakonieklinikum in den Ruhestand.

Rotenburg – Viele Menschen lernen sie kennen, doch kaum jemand kann sich an sie erinnern. Denn Rita Niehoff ist eine Frau der ersten Lebensstunden und -tage. Die Kinderkrankenschwester hat in ihrer Zeit am Diakonieklinikum in Rotenburg weit mehr als 15 000 Neugeborene versorgt. Mit vielen von ihnen gab es später ein Wiedersehen. Wenn die Kinder von damals erwachsen waren und selbst eine Familie gründeten.„Dann sagte ich zu ihnen: Dich kenne ich doch. Dich habe ich schon mal gewickelt“, sagt Rita Niehoff und lacht.

Nach 38 Jahren geht die langjährige Leiterin der Geburtshilflichen Station, des Kreißsaals und des Familienzentrums in den Ruhestand. Die 63-Jährige will sich von nun an mehr auf ihre Rolle als Mutter und Großmutter konzentrieren, geht aber weiterhin einer weiteren Profession nach: „Ich gebe Unterricht an der Kinderkrankenpflegeschule, bilde Hebammen aus dem Ausland weiter und berate Eltern bei allen Fragen rund ums Stillen.“

Nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in der Professor-Hess-Kinderklinik am Klinikum Bremen-Mitte war Niehoff 1977 ans Krankenhaus nach Rotenburg gewechselt, wo sie bald darauf für die folgenden 13 Jahre Intensivschwester für Frühchen war.

Nach einem schweren Bandscheibenvorfall und anschließender Reha erhielt sie das Angebot, die Leitung des Neugeborenenzimmers zu übernehmen. „Das war zunächst nicht das, was ich machen wollte. Aber dann habe ich die Chance erkannt, dort etwas aufzubauen“, erinnert sich die Mutter zweier Töchter.

Auf die Frage ihres damaligen Chefarztes, der von ihr wissen wollte, warum sie als hochqualifizierte Intensivschwester diese Aufgabe übernehmen wolle, erklärte sie selbstbewusst: „Ich will hier alles verändern.“ Ihren Worten ließ sie Taten folgen, und eckte damit bei dem ein oder anderen an. „Ich glaube nicht, dass die Mitarbeiter mich damals besonders geliebt haben“, sagt Niehoff mit einem Lächeln. Den unbequemen Weg hat sie jedoch nie bereut und immer für ihre Überzeugung gekämpft. Ihr Abschied zeigt deutlich, dass sie dabei erfolgreich war: „Trotz der Corona-Pandemie hat das Team viel für mich auf die Beine gestellt. Ich habe sehr hohe Wertschätzung erfahren“, sagt Niehoff und zeigt stolz eine Tasche mit der Aufschrift „Eine Legende verlässt das Gelände“ – ein Geschenk ihrer ehemaligen Mitarbeiter.

Niehoff erzählt, dass sie besonders in den Anfangsjahren oft „gegen Windmühlen kämpfen“ musste, weil Veränderungen nicht erwünscht waren. Die geringe Stillrate und der Umgang mit den Neugeborenen waren ihr ein Dorn im Auge. „Die Babys waren von den Müttern in der Zeit von 22 Uhr am Abend bis mindestens sechs Uhr morgens getrennt. Die Mütter sollten alleine schlafen – dass sie das ohne ihre Kinder gar nicht konnten und wollten, hat man damals noch nicht verstanden.“

Die Neugeborenen-Versorgung lief strikt nach Protokoll, berichtet Niehoff: „Tagsüber wurden die Kinder alle vier Stunden wie Brote eingewickelt und gewogen, ehe sie zu ihren Müttern zum Stillen gebracht wurden. Danach wurden die Kinder zur Kontrolle ein weiteres Mal gewogen. Wenn sie nicht genug getrunken hatten, wurde nachgefüttert. Babys, die zu wenig Gewicht auf die Waage brachten, bekamen nachts die Flasche. Für die anderen galt: Wenn sie vor Hunger schrien, dann schrien sie halt.“ All das sei inzwischen zum Glück anders.

„Die Sillrate liegt heute bei etwa 87 Prozent“, berichtet Niehoff. Das sei viel besser, „aber immer noch nicht genug“. Die erfahrene Kinderkrankenschwester sowie Still- und Laktationsberaterin rät Müttern, mindestens ein halbes Jahr voll zu stillen und danach langsam zuzufüttern – „bis zum zweiten Geburtstag, oder sogar noch länger. Unser biologisches Abstillalter sind sogar fünf Jahre“, erklärt Niehoff und betont: „Wie lange eine Frau stillt, ist ganz allein eine Sache zwischen ihr und dem Kind.“

Beim Stillen gebe es viele Missverständnisse, Aufklärungsarbeit und Beratung seien deshalb wichtig. „Die Allergieprophylaxe durch die Muttermilch ist zwar nach vier Monaten abgeschlossen, aber die Kinder profitieren viel länger von der Muttermilch. Außerdem ist das Stillen die einfachste und wichtigste Bindung zwischen Mutter und Kind. Am besten ist nacktes Rebonding – also der direkte Hautkontakt zur Mutter oder zum Vater. Wir nutzen dafür Bonding-Tücher“, erklärt Niehoff.

2001 startete auf ihren Antrieb hin der Umbau der Station, ab dem Folgejahr setzte die Klinik auf die integrative Wochenbettpflege, ein ganzheitliches, interprofessionelles Pflege- und Betreuungskonzept vor, während und nach der Geburt. Die Trennung von Mutter und Kind war damit vorbei.

Stillen ist die einfachste und wichtigste Bindung zwischen Mutter und Kind.

Rita Niehoff

Auch die Rolle der Väter habe sich verändert, so Niehoff weiter: „Früher mussten sie ihr Kind hinter einer Glasscheibe begutachten. Heute sind sie eingebunden und bauen eine engere Bindung auf, wenn sie bei der Geburt dabei sind sowie Zeit im Familienzimmer verbringen. Das Hormon Prolaktin sorgt bei Vätern dafür, dass sie empfindsamer sind.“

Niehoff weiß aus vielen Gesprächen, dass ein Kind für die Beziehung eine große Herausforderung ist und erinnert Eltern daran, dass sie nicht nur Vater und Mutter, sondern auch ein Liebespaar bleiben sollten. „Darum halte ich auch nichts davon, wenn sich Eltern Mama und Papa nennen“, so Niehoff.

Sie geht zwar in den Ruhestand, ihre Arbeit ist damit aber noch nicht beendet. Denn coronabedingt konnte sie zwei Themen, die ihr sehr am Herzen liegen, noch nicht abschließen: „Mein Traum war und ist ein Mutter-Kind-Zentrum mit Frauen- und Kinderklinik, Frühchenstation und Kreißsaal an einem Ort. Die HNO soll dafür umgebaut werden.“ 2022 sollte es ursprünglich soweit sein. „Aber leider mussten die Planungen mehrfach nach hinten verschoben werden.“ Niehoff möchte ihr Fachwissen und ihre Erfahrung in die Planungen weiter einbringen. „Außerdem wünsche ich mir, dass wir als ,stillfreundliches Klinikum‘ zertifiziert werden“, so Niehoff.

In ihrem Beruf habe sie das größte Glück und das größte Leid erfahren. „Fehlgeburten waren immer hart. Es ist egal, wie früh sich ein Baby verabschiedet. Der Schmerz bleibt für immer. Dass ich selbst die Erfahrung gemacht habe, hilft betroffenen Frauen, darüber zu sprechen.“

Niehoff steht Eltern, die Fragen zum Stillen haben, mit Rat und Tat zur Seite. Sie können sich für Beratungsgespräche per E-Mail an rita.niehoff@gmx.net oder telefonisch unter 0171/4425725 melden.

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