Forstoberrat Jürgen Cassier geht nach fast 30 Jahren im Amt in den Ruhestand

Eine Instanz nimmt ihren Hut

In der Natur ganz in seinem Element: Jürgen Cassier auf der Trinenwiese bei Ahausen. - Foto: Diercks

Rotenburg - Von Bettina Diercks. Ohne Frage: Er ist eine Instanz, Forstoberrat Jürgen Cassier. Zu Ende des Monats geht der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde in Ruhestand. Seit September 1986 saß der gelernte Berufsjäger in der Behörde, und dürfte, wie kaum ein anderer seiner Vorgänger, einen so offensichtlichen Wandel in Landschaft und Naturschutz erlebt haben. Nun gibt er das Amt in die Hände von Janine Käding. Und zwar mit Punkten wie: Verlust an Grünland und damit an Wiesenbrütern, mehr Mais auf den Äckern, regenerative Energien wie Biogas und Windkraft.

Ein Verlust war es auch, der Cassier einst überhaupt zu seinem Beruf brachte. „Zu dem, was ich heute mache, bin ich über das Birkwild gekommen. Als Junge, zehn Jahre alt, bin ich morgens in aller Frühe bei uns in der Südheide zur Birkhuhnbalz raus. Ich habe den Niedergang dieser Wildart erlebt. Für mich war das ein starker Verlust und der Grund, mich für den Naturschutz stark zu machen.“

Cassier wurde Berufsjäger. Den ersten, den Günter Mast (Kräuterlikör „Jägermeister“) auf seinem 500 Hektar großen Forstgut Lutterloh in der Lüneburger Heide anstellte. Dort blieb er, zwei Jahre, bis die Wehrpflicht rief. Danach folgten Fachabitur, Studium der Landespflege und anschließend der Forstwissenschaften. Für September 1986 suchte der Landkreis Rotenburg drei neue Mitarbeiter, bevorzugt Förster. „Die zunehmende Arbeit im Naturschutz war mit dem bestehenden Personal damals einfach nicht mehr machbar“, erinnert sich Cassier.

Er erinnert sich noch gut an seine erste Aufgabe: „Weil ich Förster war, bekam ich einen riesigen Aktenstapel zur Waldumwandlung und -beweidung auf den Tisch.“ Damals gab es noch auf gut 500 Hektar Hutewaldprojekte im Landkreis, ein „Steckenpferd von Gerhard Blume“, dem damaligen Oberkreisdirektor.

Der Naturschutz gewann an Bedeutung und gerade Landwirte bekamen diese Veränderungen zu spüren. Für Cassier nicht immer ein einfacher Job und ein langer Weg, Verständnis für einige Dinge zu wecken. „Ausgleich für Bodenversiegelung, die Güllebehälter in Außenbereichen, die umpflanzt werden mussten, dass für Eingriffe in die Natur Ausgleich geschaffen werden muss – das warenVorhaben, die waren schwer klar zu machen“, sagt Cassier. Bei Kommunen sei es aber ganz ähnlich gewesen.

Sein erstes große Projekt für den Landkreis war der Versuch, die Flächen in der Wümmeniederung aufzukaufen. Doch die Landwirte wollten nicht mitmachen. Aufgrund der fehlenden Akzeptanz sah die Verwaltung dann davon ab. Erfolgreicher war dann einige Jahre später das Land Niedersachsen, dass alle direkt an der Wümme liegenden Flächen erwarb, rund 800 Hektar. Allerdings, laut Cassier, sei das alles nicht ohne die Flurbereinigung möglich geworden.

Ende der 1980er Jahre wurde auf Vorschlag des damaligen Landrates Wilhelm Brunkhorst die Stiftung Naturschutz im Landkreis gegründet. Cassier wurde Vorsitzender. „Brunkhorst war der Meinung, dass eine Stiftung unbürokratischer arbeiten und der Naturschutz damit flexibler gestaltet werden kann.“ Flächen wurden angekauft, um seltene Orchideen zu erhalten und die Unterhaltung von Kleingewässern vorangetrieben.

„Dem verstorbenen Waidmann und Jagdpächter Friedo Berninghausen aus Bremen haben wir im Raum Zeven viel zu verdanken. Er hat in enger Zusammenarbeit mit meinem Amt und der Stiftung den Laubfrosch wieder angesiedelt“, sagt Cassier. Berninghausen hat den wasserfesten Amphibienführer „Welche Kaulquappe ist das?“ heraus gebracht, auf den Experten bis heute zurückgreifen, weist Cassier hin.

Sein aufwendigstes und aufreibenste Vorhaben war die Umgestaltung des Großen und Weißen Moores, dass der Forstoberrat gegen viel Kritik wiedervernässte – ein Steckenpferd des Naturschützers. Cassier beriet sich mit Jürgen Hicke (Nabu) und dem ehemaligen Kreisnaturschutzbeauftragten Werner Burkhard, „was man aus der verfahrenen Situation machen könne“. So entstanden mit Holzhäcksel abgestreute Wanderwege und Holzstege sowie die Moorerlebniszone, die „zur Akzeptanz beigetragen haben“.

„Das war ein Leidensweg. Aus meiner persönlichen Sicht hat er sich aber gelohnt. Ich habe meinen Frieden damit gemacht“, blickt Cassier auf das hart erkämpfte und bis heute in der Kritik stehende Projekt. Immer beratend zur Seite stand ihm dabei Werner Burkhard, zu dem sich in den Jahren auch eine private Freundschaft entwickelte: „Er ist ein ganz wichtiger Berater für mich.“

Cassier sagt über sich, immer den intensiven Dialog mit allen Beteiligten zu pflegen. Bei der Umsetzung der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie lernte er so die Betroffenheit der Landwirte kennen. „Mir ging es immer darum, gemeinsam Lösungen zu suchen und tragfähige Konzepte zu erarbeiten.“

Mit Blick auf die vergangenen Jahre zieht Cassier das Fazit: „Schmerzlichst empfunden habe ich den Verlust des Grünlandes und damit auch den Verlust der Wiesenvögel. Der Wandel ist sehr schnell passiert.“ Aber auch an die ersten brütenden Kraniche 1987 im Großen und Weißen Moor erinnert er sich gut. Das der Besatz sich so rasend entwickeln würde, damit habe er nicht gerechnet.

Die Liste der Erfolge im Naturschutz, die Cassier vorlegt, ist lang. Er geht gutem Gefühl: „Ich bin dankbar, dass ich Natur gestalten und nicht verwalten durfte. Die Mitarbeiter der Naturschutzbehörde sind hoch motiviert und die Zusammenarbeit mit den anderen Fachämtern ist sehr gut. Sie alle agieren gemeinsam. Das macht einen erfolgreichen Naturschutz möglich.“

Am 31. März ist für Cassier Schluss. Was den Job angeht. Im Naturschutz wird er sich über die Stiftung weiter engagieren. Erste Pläne, seine zweite Leidenschaft, dem Theaterspiel, auszubauen, hegt Cassier ebenfalls. Mit glänzenden Augen spricht er davon – von reisenden Kammerspielen zum Beispiel.

Mit dem Ausscheiden Jürgen Cassiers übernimmt Janine Käding seinen Posten als neue Forstoberrätin. Bereits seit 2009 ist die 34-Jährige für die Rotenburger Landkreis-Verwaltung im Amt für Naturschutz und Landschaftspflege tätig. Dort war sie bislang unter anderem für die Koordination der Naturschutzförderprogramme oder die Durchführung von FFH-Verträglichkeitsprüfungen zuständig. Zuvor sturdierte sie an der Leibniz-Universität in Hannover Landschafts- und Freiraumplanung, wo sie im Jahr 2007 ihren Abschluss als Diplom-Ingenieurin machte. In ihrer Ausbildung war sie unter anderem bei den Landkreisen Nienburg und Celle tätig, ihr Referendariat absolvierte sie beim Niedersächschischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Hannover.

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