Das war alles mal ganz anders / „Wir stehen ganz schön oft“ / Gediegene Stille am frühen Morgen

Eine Fahrt mit dem Schulbus

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Horst Freitag ist gelernter Busfahrer. Jetzt ist er „Begleiter“ und Qualitätsbeauftragter.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Dienstagmorgen, 6.50 Uhr: Abfahrt des Schulbusses. Wer früh da ist, hat die besten Plätze – und die sind natürlich hinten. Häufigste Frage: „Wer hat mal Englisch, Mathe, Deutsch?“ Alle Morgen wieder.

Sofort beginnt ein reger Austausch von demnächst vorzulegenden Hausaufgaben. Ein paar dösen – trotz des erheblichen Geräuschpegels. Einige Ausgeschlafene mischen schon morgens die Skatkarten auf. Bei der vierten Haltestelle sind alle Sitzplätze besetzt. Wer jetzt kommt, steht.

Rauchen im Bus - Einst war das so

Rückfahrt 13.10 Uhr: Sechs Stunden Schule vorbei. Jetzt sitzt, wer am stärksten ist. Nach zehn Minuten beginnt im hinteren Busteil eine Schlacht mit Gummis und Papierkrampen zwischen der siebten und der achten Klasse. Die Neuntklässler ducken sich weg. Einige rauchen. Der Busfahrer mahnt von vorne zur Ruhe. Vergeblich. Erneute Mahnung – etwas schärfer. Plötzlich bremst er auf freier Strecke, eilt nach hinten und setzt kurzerhand sechs Schüler raus. Mitten in der Pampa. Ruck-zuck geht das. Danach wird es etwas ruhiger im Bus. Zeit zum Skat. Die Rausgeschmissenen blicken den Weiterfahrenden etwas bedröppelt hinterher. Sie müssen nun irgendwie per Anhalter nach Hause kommen. Die anderen grinsen. Glück gehabt. Karten mischen.

Das sind absolut authentische Erinnerungen des Autors an seine eigene Vergangenheit als Fahrschüler. Lange her – aber noch sehr präsent. Da lohnt doch ein Blick in die Gegenwart. Wie ist das heute denn so im Schulbus?

„Wir stehen ganz schön oft.“

Die Startzeiten sind immerhin gleich: Abfahrt 6.50 Uhr Visselhövede. An der Bushaltestelle vor der Grundschule verteilen sich knapp 15 Schüler, bevor der riesige Gelenkbus vorfährt: 18 Meter Gesamtlänge, 84 Sitzplätze, 26 Stehplätze. Auf mich wartet hier außerdem Horst Freitag, Qualitätsbeauftragter der Firma „Weser-Ems-Bus“, die allein mit sieben Fahrzeugen in der Schülerbeförderung unserer Region aktiv ist. Der Mann ist an diesem Morgen schon ganz aus Bassum gekommen, um an meiner Seite mitzufahren. Kontrolle? Journalistenwächter? Als mir die Deutsche Bahn, zu der der „Weser-Ems-Bus“ gehört, das ankündigt, gibt’s erst einmal heftiges Stirnrunzeln meinerseits. Was soll das denn? Ich hätte doch auch einfach so mitfahren können, ohne mich vorher anzumelden.

Dann tut man das schon mal, und gleich geht’s los: Ich bekomme den „Gestattungsvertrag Nr. 076“, dass ich überhaupt darf. Ausdrücklich wird mir da untersagt, Interviews und Fotos von Mitarbeitern wie auch „mit Busfahrer und Schülern“ zu machen. Aha? Tolle Voraussetzungen für eine Reportage! Tatsächlich stellt sich Horst Freitag als journalistischer Glücksfall heraus: Er ist seit mehr 30 Jahren in der Firma, war jahrelang selbst Busfahrer, kennt, wie er sagt, „alles“ und ist mittlerweile als Qualitätsbeauftragter tätig. Ihn kann ich alles fragen und selbstverständlich auch fotografieren.

Der Bus füllt sich schnell. Es geht Richtung Rotenburg, Schulzentrum Gerberstrasse und BBS. Hinter Visselhövede ab nach Nindorf, dann zurück auf die Bundesstraße. In Wittorf sind wir nahezu „ausgebucht“. Die ersten stehen – allerdings eher freiwillig, denn Einzelplätze sind durchaus noch zu haben. Julia (17) aus Wittorf, weiß allerdings, dass das keinesfalls immer so ist: „Wir stehen ganz schön oft.“

Jeder hat zwei Knöpfe im Ohr

Daran hat sich bis heute nichts geändert: Schüler warten auf den Bus, der sie nach der Schule wieder nach Hause bringt. In diesem Fall sorgen Gitter für die nötige Sicherheit an der Haltestelle.

Der Bus sieht übrigens picobello aus! Kein Papier, kein Dreck, keine aufgeschlitzten Sitze, keine verkratzten Scheiben, keine Graffitis. Das war, hatte mir kurz vorher Heike Segelken von der Unterstedter Firma Dierks bestätigt, „vor zehn, fünfzehn Jahren noch ganz, ganz anders“. Jetzt, so auch Horst Freitag, gibt es überhaupt keine Probleme damit – hier. „Auf manchen Strecken in Bremen sieht das schon anders aus“, weiß er zu berichten, „da lassen wir teilweise Sicherheitspersonal in jedem Bus mitfahren.“ In anderen Städten sind auch schon mal Videokameras zur Überwachung in den Bussen. Hier ist alles ruhig.

Direkt vor mir sitzen sich vier Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren gegenüber. Jeder hat zwei „Knöpfe“ (Mini-Kopfhörer) im Ohr. Zwei von ihnen tippen außerdem eifrig in ihre Smartphones. Während der gesamten Fahrt reden sie kein einziges Wort miteinander. Das ist allerdings im gesamten Bus nicht anders. Es herrscht eine gediegene, morgendliche Stille. Weit mehr als die Hälfte lauscht der Musik im mitgebrachten Smartphone oder tippt irgendwas ein. Kein Mensch ruft nach Hausaufgaben, kein Mensch lernt Vokabeln oder guckt sich noch mal die englische Lektüre an. Und natürlich gibt es schon gar keine kartenspielenden Schüler. Der Autor und sein offizieller Begleiter, die sich angeregt unterhalten, wirken offensichtlich wie Relikte aus einer anderen Welt. Immerhin, hinter uns zieht einer den Stecker seines Ohrhörers und hört eine Art Gangsta-Rap etwas lauter. Betonung liegt auf „etwas“.

Alles ändert sich - außer der Morgenzigarette

Horst Freitag kennt sich aus. Aber warum hier alles so schön friedlich ist, weiß er im Grunde auch nicht. Vielleicht liegt es daran, dass hier inzwischen bereits die Enkelkinder der berühmt-berüchtigten 68-er fahren; vielleicht liegt es daran, dass seine Firma selbst Schüler-Schulungen durchführt. „Anna und der Bus“ heißt das Projekt, mit dem sie bereits in den Grundschulen auftauchen und das richtige Verhalten im Schulbus üben. Außerdem werden Beschädigungen und Verunreinigungen sofort beseitigt, damit niemand auf merkwürdige Nachahmer-Ideen kommt. Man sieht's! Schließlich findet sogar einmal im Jahr eine Schülerbefragung statt, um herauszufinden, was man besser machen kann, was fehlt, was Schüler sich wünschen. So soll es bald W-Lan-fähige Busse geben. Und zu den Busfahrern gibt es mitunter ein geradezu herzliches Verhältnis. Es gebe „Linien, da kriegt der Busfahrer einen Kuchen zum Geburtstag.“

Haltestelle Gerberstrasse: Mehr als die Hälfte steigt aus. Kein Gedrängel, keine Rempeleien. Beeindruckend. Der Rest bleibt sitzen bis zur BBS. Die dort aussteigen, versammeln sich zur Hälfte erst noch mal am Bushäuschen, um zur Morgenzigarette zu greifen, bevor es in die Schule geht. Es wirkt fast wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit.

Hohe Kosten

Wenn das Warten zu langweilig wird, bekritzeln Jugendliche gerne auch das Wartehäuschen an den BBS.

Dort finde ich mich auch wieder ein zur Rückfahrt mittags. Das kleine Wartehäuschen ist über und über bekritzelt, davor liegen die Kippen wie gesät. Hier erfahre ich auch, dass die Fahrt mit dem Schulbus nur bis zur 10. Klasse vom Landkreis erstattet wird. Die Oberstufe zahlt. Und dann kostet eine Wochenkarte Visselhövede-Rotenburg immerhin 23 Euro. Ein paar mit mir wartende Berufsschüler, die ja nur tageweise kommen, sind mit 9,20 Euro für die Hin- und Rückfahrt dabei. „Ganz schön happig“, finden sie.

Aber auch zurück ist alles friedlich im Bus. Dank Julia aus Wittorf habe ich mich übrigens in den „Schnellbus“ begeben. Der andere wäre über Wensebrock, Brockel und Bothel gefahren. „Das dauert!“

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