Gedenkfeier mit Ratsgymnasiasten zum 75. Todestag befreiter KZ-Insassen

Ein Zeichen gegen das Vergessen

Marie Kehrstephan (M.) rundet die Gedenkfeier mit einem Klezmer-Lied ab, nachdem sie gemeinsam mit Hanna Cohrs und Ben Heckmann die Namen der Toten verlesen hat. 
Foto: Heyne
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Marie Kehrstephan (M.) rundet die Gedenkfeier mit einem Klezmer-Lied ab, nachdem sie gemeinsam mit Hanna Cohrs und Ben Heckmann die Namen der Toten verlesen hat.
  • Ulla Heyne
    vonUlla Heyne
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Rotenburg – Blätter wehen über die langen Reihen mit schlichten Steinen mit eingravierten Nachnamen und Todesdaten auf dem Teil des Rotenburger Waldfriedhofs, der laut Inschrift den „Opfern der Nationalsozialistischen Herrschaft“ gewidmet ist. Sie verwehen genauso wie ein Teil der Namen der hier Begrabenen, die drei Zehntklässler des Ratsgymnasiums verlesen: 341 Tote, die meisten Häftlinge des Konzentrationslagers Neuengamme, die am 29. April 1945 im Außenlager Sandbostel von britischen Truppen befreit wurden. „Der Krieg war am 8. Mai zu Ende, ihr Leid jedoch nicht“, erläutert Lars Hellwinkel vom Besucherdienst der Gedenkstätte am Sonntag vor rund einem Dutzend Teilnehmern einer Gedenkfeier. Alle Befreiten aus 14 Nationen, die, zumeist an Typhus erkrankt, in das zu einem britischen Lazarett umfunktionierte Ausweichkrankenhaus in Unterstedt eingeliefert worden waren, darunter Russen, Polen, Franzosen und Ungarn, starben – der erste am 11. Mai, der letzte, Czeslav Rotek, am 5. Juli 1945. Zum 75. Jahrestag wird ihrer am Sonntag gedacht.

Quälend lang sind die 19 Minuten, in denen Marie Kehrstephan, Hanna Cohrs und Ben Heckmann die Namen verlesen – sie lassen das ungeheure Ausmaß des Schreckens, der sich auch in Rotenburg abgespielt hat, nur erahnen. Für die drei Schüler, die eigentlich die Corona-bedingt ausgefallene große Gedenkfeier am 19. April zur Befreiung des Lagers Sandbostel mit organisieren wollten, war es selbstverständlich, Lehrerin Bianca Becker zuzusagen und auch eine von der Klasse verfasste Ansprache zu verlesen. „Es ist wichtig, ein Zeihen zu setzen, weil auch heute noch Menschengruppen ausgegrenzt werden“, verliest Hanna Cohrs, „das wollen wir so nicht!“

Für Hellwinkel ist es wichtig, vor Ort „Korrespondenten“ zu haben, die die Erinnerung hochhalten. Hier in Rotenburg sei schon viel passiert, zumindest die meisten Nachnamen der hier auf dem Gräberfeld Ruhenden sind bekannt; der Sohn eines der hier begrabenen Toten, des Niederländers Jacobus Dam, hält regelmäßigen Kontakt. Und auch Bürgermeister Andreas Weber (SPD) hat festgestellt, dass die Gedenkstätte genutzt wird: „Als ich heute Morgen hier einige Äste nach dem Sturm entfernt habe, war da eine neue Kerze und ein Bild aus Moskau, wahrscheinlich von Angehörigen – hier wird Trauer gelebt.“

Hellwinkel blickt in seiner Ansprache nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft: Durch die Öffnung der „Arholsen Archives“, des internationalen Suchdienstes, der unlängst sämtliche eingescannten Unterlagen online stellte, sei in Zukunft noch viel Forschungsarbeit möglich, „denn durch Identitäten und Einzelschicksale wird Geschichte weitergetragen“. Eine Kooperation mit der Gedenkstätte und dem Bund Deutscher Kriegsgräberfürsorge kann sich die Ratsgymnasium-Rektorin Iris Rehder gut vorstellen: „Sandbostel ist für uns ein wichtiger außerschulischer Lernort.“

Auch wenn der Besuch dort für die Zehntklässler dieses Jahr ausfiel: Der Ansatz, Geschichte lokal zu verorten, fruchtet bei den Schülern: „Wir haben viel über Auschwitz geredet, aber das ist weit weg – das hier ist viel greifbarer“, meint Schülerin Hanna Cohrs während der Gedenkfeier. Es ist nicht der einzige Berührungspunkt: Eine andere Schülergruppe hat unlängst den Text für eine Gedenktafel für mehr als 10 000 gefallene sowjetische Soldaten erarbeitet.

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